Wilder Südwesten

Monat: März 2022

Die Sache mit den Feinden

Kennen Sie Gaito Gasdanow? Ein Schriftsteller, der Anfang des 20. Jahrhunderts geboren wurde und Anfang der 70er Jahre starb?

Ich frage deshalb, weil heut niemand einfach seine Kurzgeschichten vorurteilsfrei lesen, ihm selbst vorurteilsfrei begegnen, sondern man ihn heute unweigerlich fragen würde: Wie stehst du zu Putin?!

Er kannte ihn zwar nicht, konnte ihn gar nicht kennen, das spielt aber keine Rolle, denn es spielt offensichtlich bei vielen Wissenschaftlerinnen und Künstlern heute auch keine Rolle. Ich rede nicht von den Putin-Fans in Ballett und klassischer Musik, wie es sie zu Hauf gibt. Eher von der Wissenschaftlerin in Moskau, die seit 30 Jahren Daten sammelt, um die russische Gesellschaft besser zu verstehen (Fragen Sie mal Peter Mohler). Ich rede von den Musikern und Literaten, die in lokalen Kulturinstitutionen hier in der Rhein-Neckar-Region seit vielen Jahren deutsch-russische Austauschprogramme organisieren und für Dialog stehen. Und so weiter und so fort.

Ich packe jetzt nicht den Luhmann aus, aber all das scheint momentan nicht beliebt zu sein, dampft doch leider vieles der momentanen Diskussion herunter auf den binären Code: Wie halten Sie es mit Putin? Gegner oder Verehrer? Freund oder Feind?

Die, die im Krieg sind, die kämpfen, dürfen, müssen das. Aber wir, die noch ein wenig weiter weg sind, unterstützen, aber selbst nicht kämpfen (müssen)? Können wir uns keine Differenzierung leisten?

Wir sollten es uns gut überlegen, bevor wir Kultur und Dialog völlig über Bord werfen. Wir können ja zeitgleich trotzdem unsere Armee mal auf einen modernen Stand bringen…

Eine Lanze für die Ingenieure oder über die Deakademisierung des Alltags.

Allenthalben wird auf die Wissenschaft gehört, so sagt die Obrigkeit von sich selbst, auch wenn starke Zweifel bestehen, dass die Obrigkeit zuhören mag, immerhin ist sie ja ganz oben, weit weg vom Leben, diesem ordinären Gewusel.
Ebenso ist die Wissenschaft ganz oben, geruchlos, geschmacklos, aber nicht lautlos. Richtige Krischer sind darunter, die lauthals verkünden, sie verstünden die Welt in ihrer Gänze und nicht nur das, sie hätten auch die Kochrezepte für eine funktionierende Welt. Na ja, das sind dann auch die, meist Kerle, die beim Glühbirnenwechsel der Schlag trifft, von wegens der vergessenen Sicherung. Oder die, welche beim Bohrlochsetzen seitlich von der Leiter fallen, beim Kurzschluss den Papa anrufen oder gar in Tränen ausbrechen.
Und solchen Leuten sollen wir unsere Gesellschaft anvertrauen? Nä! Nicht umsonst gibt es das böse Wort „das ist eine akademische Diskussion“: wohlfeil, wortreich und absolut nutzlos.
Anders die Ingenieure: die müssen Dinge zum Laufen bringen, egal wie. Ihre nächsten Nachbarn sind die Handwerker und die Mütter, die ebenfalls alles, selbst Kinder, zum Laufen bringen. Ok, manchmal sind Väter hilfreich, falls sie wissen, wo der Sicherungskasten ist.
Anders gesagt, etwas „wissenschaftlich zu verstehen“, heißt noch lange nicht, das dann auch zum Laufen zu bringen.
Deshalb liebe Leut, hört der Wissenschaft zu ohne auf sie zu hören. Wenn Ihr ein Problem habt, vom Friedenmachen bis zum Windelnwechseln holt Euch fähige Ingenieure, Handwerker und Mütter, dann klappt das dann auch.

Über das Erhabene

Sagt der Polizist zum Fernsehtäter im Vorabendprogramm beim Abführen: „erheben Sie sich“. Da kräuselt sich die kleine Zehe doch schon etwas. Bei Ihnen nicht? Na warten Sie mal ab, es geht noch besser. Kürzlich „zog sich die Verwaltungsmitarbeiterin zurück“, will sagen sie ging von dannen.
Das gilt nicht nur für die positiven Seiten des grauen Alltäglichen. Wann wurde das letzte mal jemand „gekündigt“? Nichts da, man wird „gefeuert“. Auch klappt etwas nicht mehr, nein, es „scheitert krachend“.
Dieses pseudoaristokratische Stelzdeutsch gepaart aus Groschenromanen und falsch verstandenem Goethe könnte amüsant sein, wenn es nicht so penetrant nach der Überhöhung des Trivialen durch Sprache duften würde.
Falls Sie jetzt aufgewacht sein sollten, hören Sie mal auf  den Adjektivismus , also die krankhafte Fehleinschätzung einer passenden Beschreibung, in den Nachrichten von heute. Ich garantiere Ihnen brutalstmögliche Erbauung.

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