Wilder Südwesten

Monat: Februar 2021

Gefallsucht

Radio an, Küche putzen, Svenja Flaßpöhler spricht zu Feminismus.* Und da gibt es auch ein Buch dazu.** Gleich bestellt und in einem Rutsch gelesen. So geht es los: „Rechtlich ist das Patriachat passé. Die potente Frau hat es auch psychisch überwunden.
Scham und Gefallsucht hat sie abgestreift wie ein altes Kleid. Ihr Zugang zur Lust: unmittelbar.“
Gefallsucht, was für ein Wort. Seit 75 Jahren nicht gehört. Da klingelt etwas in des Soziologen Ohr. Da, ja, da ist es jenseits des Feminismus: Meinungsumfragen als Opioid der Mächtigen. In Umfragen gefallen, positiv bewertet werden. Eine weitverbreitete Sucht. Fällt Ihnen da auch etwas auf?
Zurück zu Svenja Flaßpöhler, wer die Gefallsucht abstreift, erhöht sein Potential, seine Möglichkeiten, erweitert seinen Möglichkeitshorizont, wie die Luhmaenner sagen würden. Anders gesagt, wer gefallsüchtig auf Umfragen baut, schöpft sein Potential nicht aus.
Das gilt nicht nur für die Mächtigen in der Politik, sondern auch für alle anderen. Zum Beispiel die Medien (die ohne Kristallkugel): was für ein künstlerisches Potential ruht da tief unterkühlt im Schreibtisch des Intendanten (Neutrum, dazu kommt noch ein Blog). Auch Virologen sind neuerdings von Gefallsucht befallen. Nein, nicht neuerdings, es gibt nichts eitleres als ein Wissenschaftler (Neutrum), empfindlich gegen Kritik, völlig der Gefallsucht verfallen. Was wäre, wenn die Medien, die Wissenschaft und die Politik ihr Potential anzapften?
Wäre das auszuhalten? Zugang zu Information: unmittelbar, Zugang zu Wissen: unmittelbar, Zugang zur Macht: unmittelbar. Klasse. Danke Svenja.
Peter Mohler
* https://www.swr.de/swr2/wissen/starke-frauen-svenja-flasspoehler-fordert-verlasst-die-opferrolle-100.html
** Svenja Flaßpöhler, Die potente Frau, 2018 (6. Auflage 2020), Ullstein, Berlin

Das verblasste Dreigestirn

Aschermittwoch, das Dreigestirn ist abgetreten, sein schwacher Schein verblasst. Nun ist es wieder Zeit für neues Altes, das Dreigestirn Maske, App und Test. Was hat die App hier und heute noch zu suchen? 35 ist die neue Allzahl. Ich kenne keine Kultur, bei der die 35 eine Glückszahl ist. Also dann doch wieder die APP, trotzt sie doch mit Updates dem Vergessen. Ich kann jetzt sogar ein Tagebuch führen! Warum macht das die APP nicht für mich? Was, ich soll Personen „anlegen“ und „Orte“ eingeben? Wozu läuft mein Ortungssystem? Was soll der Humbug? Datenschutz! Datenschutz! Nein, Datenstuss, aber echt. Wieso können Wissenschaftler auf hochsensible Daten des Rentensystems zugreifen ohne gekniffen zu werden? Weil viel Arbeit und Intelligenz in den Datenschutz gesteckt wurde. Haben Sie schon mal etwas von Datentreuhändern gehört? Das sind Institutionen, wo sensible Daten von gierigen Nutzen ferngehalten werden und zugleich aus sensiblen Informationen wissenschaftlich nutzbare abgespeckte Daten werden, die man im besten Falle auf der Straße vergessen kann, ohne dass ein Unheil geschehen kann. Warum ist das bei Corona, wo es wortwörtlich um Leben und Tod geht, nicht möglich? Haben die Entwickler von SAP und Telekom noch nie etwas vom Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten gehört? Wurden die Spezialistinnen des Statistischen Bundesamtes oder der Rentenversicherungen oder der Wissenschaft angesprochen?
Ich will eine APP, die funktioniert. Punkt.
Philipp Frankfurter

Der Virus der Fachsprache

Von unserem Envoyé Special Retep Relhom aus Landsvinda’s Village

Der Virus der Fachsprache verheert unsere Sprache und Sinne. Seitdem aus „der Virus“ das medizinisch fachsprachliche Virus wurde, stieg seine Gefährlichkeit ins Unermessliche. Eine weitere Steigerung gelang durch das unverdächtige Beiwort „mutierend“, ohne dass Mutanten durch die Filter einer guten Maske durchdringen können.
Und, wie viele Stunden haben wir in den letzten Monaten mit der Frage verbracht, was ein „Hausstand“ denn eigentlich sei, wenn wir uns auf der Straße oder zu Hause mit jemand treffen wollten. Ganz ohne karnevalistische Hintergedanken haben Jürgen Hoffmeyer-Zlotnik und Uwe Warner das mal im internationalen Vergleich aufgedröselt.* Danach zählt zum Beispiel in Italien jeder, der mindesten einmal in der Woche die Füße zum Essen unter den Tisch stellt zu einem Hausstand. Übrigens, Hausstand ist ein Fachbegriff aus der Rechtssprache und könnte grob als „privater Haushalt“ übersetzt werden. Das abschließende Wort zur Definition eines Haushaltes gaben Retep Relhom und Nelletheb Llennepp in ihrem grandiosen Beitrag „The REC-Survey “Remember the Households You Lived In” Question: A Research Note“.** Kurz, es ist eine lange Geschichte, was ein Hausstand eigentlich ist, und falls ein Ordnungshüter Ihnen zu nahe kommt mit der Drohung „Hausstand überschritten“, hauen Sie ihm das JOBS Journal auf die Beamtenfinger (s.u.). Oder Sie fragen sie harmlos nach einer verbindlichen Definition (bitte suchen Sie nicht in der rheinland-pfälzischen Corona Verordnung, da finden Sie nichts dazu).
Das eigentliche Übel des Virus Fachsprache im Alltag ist der damit verbundene Machtanspruch. Man wirft ein Wort aus einem ausreichend definierten fachsprachlichen Umfeld in den Alltag zu dem alleinigen Zweck, ab sofort die Deutungshoheit zu übernehmen. Wer den „Fachbegriff“ verwendet, wird schon wissen, wovon sie redet, auch wenn er keinen Dunst von der Unschärfe dessen Verwendung in der „Fachwelt“ hat. Hauptsache, man erscheint kompetent.
Lassen Sie sich nicht entmutigen. Fragen Sie halt mal, was der Unterschied von „der Virus“ und „das Virus“ sei oder ob die Haushälterin zum Haushalt gehöre, oder das im Parlament etwas ganz anderes bedeute. Nur Mut, nichts ist leichter als Fachsprachlerinnen durch einfache Fragen auf den Boden des Lebens zu holen.

*Hoffmeyer-Zlotnik, J. H. P., & Warner, U. (2008). Private household concepts and their operationalisation in nationaland international social surveys. (GESIS-Forschungsberichte – Reihe Survey Methodology, 1). Mannheim: GESIS -Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-262343

** Retep HP Relhom and Nelletheb Llennepp , (2005), The REC-Survey “Remember the Households You Lived In” Question: A Research Note, in: Journal of Obnoxious Statistics (JOBS), p. 35-36

Ein Maskenball*

Treffen sich zwei mit FFP2-Masken. Er hustet schrecklich. Wird er sie anstecken? Sehr, sehr wahrscheinlich nicht. Selbst gut sitzende blaue Operationsmasken und ein zusätzliches Tuch sind enorm wirksam.** Das ist seit langem bekannt.
Was soll dann der Totschlag unseres Zusammenlebens, Lockdown genannt, wenn doch ein allgemeiner Maskenball uns schützen kann. Na ja, das sagen die Amerikaner, alles nur Politik. Nein, das sagen auch die deutschen Datenblätter der Maskenhersteller. Also, warum kein Maskenball? Zu einfach? Ja, man kann doch nicht zugeben, dass der ganze Aufwand, das stundenlange Feilschen um 7 Tage Lebenssperre mehr oder weniger, die vielen schönen Bussgelder, oder die häufigen deutlichen Urteile der Gericht schon seit längerem unnötig waren  und bleiben. Man kann auch nicht zugeben, dass die blauen lose hängenden Operationsmasken in den Altenheimen eher Schambedeckungen als Schutz für Pensionisten oder Pfleger waren, sind und auf ewig bleiben werden. Mann und Frau kann nicht zugeben, dass so etwas schlichtes wie OP-Maske plus Tuch eine gute Lösung sein könnten. Und das ganze auch noch mutantenfest. Nicht zugeben können, scheint eine eigene Pandemie zu sein, leider schon älter als Corona und vermutlich auch hartnäckiger .
Einen Lichtblick gibt es, wir können uns alle schützen, während die anderen nicht zugeben können, indem wir den großen deutschen Maskenball ausrufen. Frohe Fastnacht!

Philipp Frankfurter
* Oper von Guiseppe Verdi  mit nur einem Toten
**https://www.cdc.gov/coronavirus/2019-ncov/more/masking-science-sars-cov2.html

Wie weit kann es gehen oder muss oder soll? Das Manifest der 185*: Reden wir darüber, damit wir nicht mehr darüber reden müssen.

Mit Überschriften ist es so ein Kampf. Nicht selten, dass der Text fertig ist aber die Überschrift fehlt. Sie soll das Kommende ankündigen und dafür interessieren, aber nichts vorwegnehmen. Und dann auch noch gut klingen. Gar nicht einfach. Hier stimmt wenigstens die Andeutung „können, müssen und sollen“, drei Begriffe, die verschiedene Ebenen symbolisieren, jedoch im „Manifest der 185“ und der folgenden Debatte vermischt werden. Und nicht unbedingt zum Positiven.

Erstens: Was will der Aufruf bezwecken? Wachrütteln, aufmerksam und sensibel machen für ein wichtiges Thema. Gut, absolut in Ordnung, es ist wichtig, die Mechanismen und Missbräuche aufzudecken und dazu die Leerstellen, die niemand im Blick hat. Zumindest in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in den Debatten der Zeitungen, Feuilletons und Blogs (wie hier) haben wir das schon lange. Von den sogenannten „sozialen Medien“ ganz zu schweigen, die Skandale nun einmal überall „sehen“ wollen oder müssen. In anderer Hinsicht aber wird es problematisch: Wie einige gute Rechercheure festgestellt haben, fehlt bei dem Aufruf die Alterskohorte der Männer von 30-50 Jahren. Ulrich Matthes et.al sind dabei, gut so, aber für die ist das Risiko, bei aller Liebe, gering. Was heißt das? Ist der Aufruf selbst oberflächlich, weil ein wesentlicher Teil der Betroffenen nicht dabei ist, sich vielleicht nicht traut? Oder ist er ein gewichtiger Beweis, wie wichtig und notwendig das Nach-Außen-Treten ist, eben weil sich nach wie vor viele nicht trauen, sich zu outen?
Zweitens: Was impliziert der Aufruf? Die Bitte, prominent vorgetragen von Ulrike Folkerts, dass doch bitte jeder alles spielen können muss oder soll. Da sage ich voller Inbrunst: Gut so! Genau! Die Stoßrichtung ist klar: Ich bin eine lesbische Frau, darf, soll und muss aber eine in Trauer versinkende heterosexuelle Mutter spielen dürfen, die ihre tote Tochter vermisst und ihren Mann verflucht. Dann fragen wir weiter: Warum verzichtete Scarlett Johansson vor zwei Jahren auf die Rolle des Transmannes Dante Gill im Film „Rub & Tug“? Weil wieder einmal die berühmten „sozialen Medien“ angeführt von einigen apokalyptischen Reiter*innen ihr vorwarfen, sie würde Transgender jeglicher Art nicht „repräsentieren“ können, da sie eben eine heterosexuelle Frau sei. Oder Julianne Moore, die neulich kritisch hinterfragte, ob sie die Rolle in „The kids are alright“ gut spielen konnte, da sie eben keine lesbische Frau sei (Spoiler: ja!, konnte sie!). Wer hier einen krassen Widerspruch sieht, der hat Recht. Punkt.
Drittens: Hier könnten wir aufhören und sagen: Was für die einen gilt, sollte auch für die anderen gelten. Oder?! Nun ja, jetzt wird’s kompliziert, denn der eigentümliche Begriff der Repräsentation kommt ins Spiel. Nein, es ist halt nicht das exakt Gleiche, denn Heterosexuelle sind zweifellos anders repräsentiert im Film- und Kunstgewerbe als LGBT. Daraus folgt: Ungleiches auch ungleich behandeln, genau hinschauen, ermutigen und fördern, wo es nur geht. Was nur so elend nervig und bescheuert bleibt, ist die Forderung gegenüber Scarlett Johansson, auf die Rolle zu verzichten, eben weil sie kein Transgender ist. Denn dann rückten wir genau das Merkmal in den Vordergrund, das doch alle Aufrufe und Initiativen dieser Welt im Hintergrund sehen wollen: die sexuelle Identität, und dass sie als Grund herhalten muss, jemandem eine Rolle, einen Job oder was auch immer zu verweigern. Nicht versteckt soll sie werden, aber einfach nicht mehr relevant für Entscheidungen sein.
Was sehen wir? Es vermischt sich ein gesellschaftlich-moralischer Diskurs mit einem künstlerischen. Wir wollen alle offen sein, jeden nach seiner Façon leben lassen, und dafür lohnt es sich, genau hinzuschauen. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Die Kunst aber hat vor allem die Aufgabe, dies zu reflektieren. Sie soll selbst hinterfragen, nicht in dem anderen aufgehen. Moral war schon immer so eine Sache – und die Kunst war oft genug da, ihr die hässliche Maske zu entreißen. Verzichten wir nicht darauf, indem wir über Themen sprechen, die im Jahr 2021 nicht mehr der Rede wert sein sollten.

David Emling
* Wir sind schon da. In: Zeit Magazin, 5/21, 4. Februar 2021

Für alles ist Geld da, nur nicht für unsere Zukunft – Eine fast verzweifelte Polemik

Weder für eine vernünftige, auskömmliche Rente, noch für die Natur, noch das Klima, noch die Kranken, noch die Alten, noch die Jungen, von Bildung und Kultur wollen erst mal gar nicht reden. Ja, wer verprasst denn unser ganzes Vermögen?
Sind es die nicht immer unbestechlichen Bauunternehmen bei öffentlichen Bauten, die zusammenfallen, bevor sie ordentlich abgeschrieben sind? Sind es die ehrenwerten Verkäufer von Wehrtechnik, die schneller auseinanderfällt, als jeder Feind schießen kann? Sind es die Betreiber und Eintreiber im Gesundheitswesen, die mit Krankheit gute Geschäfte machen? Sind es die Mitarbeiter der manchmal offenen öffentlichen Hand? Sind es die institutionellen Anleger, die überall mit der Drohung zu schließen, unser Steuersäckel plündern und deren Gewinne in den Taschen der Boniträger versickern?
Vielleicht, aber nur vielleicht; das Geld versickert, strömt manchmal sogar, in alte, undichte Kanäle des immer schon Dagewesenen; verwaltet von denen die bei jeder neuen Idee nur fragen können „wie teuer ist das?“
Nur ein Beispiel, die Rente: ich habe vergessen, wie viele Beitragsjahre mir durch „Reformen“ im Laufe der Jahre „wegretouschiert“ wurden. Alle paar Jahre, wurden es weniger. Dabei hatte ich doch einen Vertrag mit der Gesellschaft, an den ich mich zu halten hatte, nicht aber der Staat. Wo kommt die Frechheit her, den Leuten heute zu sagen, ihre Rente könnte nicht bezahlt werden, aber alles andere einschließlich einer unappetitlich gefräßigen Rentenverwaltung?
Liebe ökonomische Pfennigfuchser, ihr habt geholfen und seid noch fleißig dabei, unsere Gesellschaft und vor allem unsere Zukunft in Grund und Boden zu sparen, weil ihr von kaufmännischem Denken nichts begriffen habt. Eure überschlichten Excelrechnungen verbunden mit der Gier einer aalglatten Managementkaste entziehen uns allen Billionen über Billionen, die für die Zukunft aller dringend benötigt werden.
Kurz, die Rente muss wieder sicher werden, Krankenhäuser, Altenheime usw. sind keine Kapitalanlage, Schulen und Universitäten sind kein Geschäftsmodell und die Kultur kein Abrissprojekt.
Was wir nicht brauchen, sind überbordende Verwaltungen in Zeiten von Arbeitskräftemangel, leicht zu eliminierende Panzerziele in Zeiten von IT- und Guerrilliakriegen, keine dummdof ausgeführte Bauvorhaben in Zeiten guter Bildung, keine offenen Hände allerorten in Zeiten des öffentlichen Moralisierens. Es gibt genug Leute, die gerne für gutes Geld, Ausbildung und verlässliche Lebensplanung hart arbeiten. Denen sollten wir eine Chance geben.
Philipp Frankfurter

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