Wilder Südwesten

Kategorie: Editorials

Kündigung

Liebe Administratoren,
seit Monaten lese ich Eure Interventionen, Bemerkungen und Analysen. Gelegentlich werfe ich spitze Bemerkungen ein, schreibe mir die Finger wund. Corona hier, Corona da. Endlich ein Lichtblick, Tübinger Freitesten (von Drosten schon 2019 propagiert), hurra! Kaffe auf dem Marktplatz, Spaghetti alio e olio auf dem kleinen Platz. Alles gut. Denkste, sagt die Frau Kanzlerin (ab sofort trinke ich von Mohrbacher nur noch die alte Kanzlermischung): Testen und Bummeln sei nicht die Antwort. So eine Gemeinheit; meinen Kaffe und meine Spaghetti als „schlendernd, ohne Ziel [durch die Straßen] spazieren gehen“ herabzuwürdigen. Obendrauf noch die Unverschämtheit mir zu unterstellen, ich könnte nicht auf zehn zählen. Weiß ich doch genau, was passiert wenn zehn Coronafreie (der neue deutsche Adel) sich treffen, nämlich alles mögliche nur keine Ansteckung mit Covid19. Wer hat hier den Verstand verloren: die Kanzlerin mit Kanzleramt oder ich ganz alleine? Ich habe es so satt mir die Finger wegen dieser indolenten Blasenbewohner wund zu schreiben. Deshalb, liebe Administratoren, nehme ich mir meinen Freitest, gehe auf den Marktplatz, hebe einen Schoppen auf den Pfälzer Verstand und vergesse fortan Corona, die Kanzlerin und die berliner Seifenblasenoper.
Macht’s gut Ihr zwei
Philipp Frankfurter

Lieber Philipp,
wir stellen einen ganz, ganz schweren Fall von Coronitis bei Dir fest. Schau Dich doch um, was sagen die Kommentatoren von rechts nach links? Es lebe Tübingen, es lebe die Vernunft der Freiheit! Du bist in guter Gesellschaft! Was heute Modellstädte oder Pfälzische Notlösungen sind, ist morgen normal. Übrigens, brauchen wir Deine scharfen Spitzen, für den Fall, dass alle geimpft sind oder sein könnten. Dann müsste sich der Staat eigentlich blitzartig aus unserem Privatleben verabschieden. Er hätte seine Schuldigkeit getan und könnte gehen. Glaubst Du er macht das? Dieser machtgeile Moloch? Oder müssen wir Ihn halt doch wie bei Shakespeare meucheln?
Deshalb, gib jetzt nicht auf, halte durch, spätestens im September kannst Du Merkel für teures Geld als Festrednerin buchen und für Dich Bauchreden lassen.
Bis hoffentlich ganz, ganz bald
David und Peter

Willkommen in der wilden Grenzlandwelt mitten in Europa

Es ist ein wildes Land hier. Hier ist der Südwesten Deutschlands oder der Nordosten Frankreichs oder fast die Mitte der Europäischen Union oder weit weg von der Mitte Europas oder wie es Euch gefällt.
Kriege und Epidemien verwüsteten Jahrhunderte lang das Land. Die frühere reiche Kulturlandschaft verfiel wie ihre Burgen und Paläste. Seit 75 Jahren kämpft sie sich zurück. Oft mühsam, nie nachlassend, immer noch ein Zentrum suchend, um das man sich scharen kann.
Laute Fröhlichkeit und Weinseligkeit, Weck, Woi unn Worscht übertönen Melancholie und Sehnsucht nach Wahrheit, Licht und Freiheit. In vino sind nicht nur veritas, sondern auch Depressionen en masse.
Genug, sagen wir zwei, genug ist genug. Vorwärts, frech, frei und unfromm schlagen wir uns nach vorne durch. Und vorne ist, wo wir sind.

Und so sind wir sortiert:
Editorials sind das, was der Duden darüber sagt
Allgemein ist alles, was nicht was anderes ist
Literaten Welt ist der Platz von und für Schriftsteller
Frankfurters Welt ist die eigentümliche Weltsicht von Philipp Frankfurter
Pfälzer Spitzen
sind kleine Gemeinheiten aus der Hüfte geschossen
Soziologen Welt ist ernster als ernst, hier geht es zur Sache

David Emling & Peter Mohler       

Der Blick durchs Fenster – Editorial

Die Soziologie ist jene Wissenschaft, die den Menschen am ernstesten nimmt. Weil sie am wenigsten über ihn zu sagen hat. Sich am ehesten traut, die Schultern zu zucken und zu sagen: „Keine Ahnung.“ Schon Max Weber wunderte sich, wie so eine Straßenbahn funktioniert und es auch noch schafft, allerlei Menschen zu transportieren. Erving Goffman saß auf den Shetland Inseln in der Hotel-Lobby, sah den Menschen beim Kommunizieren zu, und wunderte sich, dass überhaupt irgendeine Kommunikation funktioniert. Und Niklas Luhmann sprach erst gar nicht mehr vom Menschen, sondern von Kommunikationssituationen, die es zu beschreiben gilt.
Auch wir sind beides Soziologen (aber das spielt ab jetzt keine Rolle mehr), und wollen den Menschen ernst nehmen und fragen: Was wissen wir wirklich? Und was ist nur Gerede? Wir glauben, dass wir mit dem uns eigenen Blick durch die uns eigenen Fenster und Scheuklappen wenig bis nichts erkennen, was in der Welt geschieht. Und dennoch täglich versuchen, das Wenige, was wir wissen können, auch zu finden.
In diesem kritischen und sich zurückhaltenden Sinne lesen Sie hier allerlei darüber, was wir trotz allem versuchen zu verstehen. Und noch mehr, wir schauen auf die, die nicht versuchen zu verstehen, sondern einfach machen – in Politik, Journaille und Wissenschaft.
Ich für meinen Teil kann das, was ich aussagen will, oder genauer – was ich will dass der Leser zwischen den Zeilen selbst herbeiliest – am besten durch literarische Texte ausdrücken. Mein Freund Peter Mohler schafft dies durch Essays. Und unsere Gäste, die wir immer wieder hier begrüßen wollen, auf ihre je eigene Weise.
David Emling

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