Wilder Südwesten

Monat: September 2021

Endlich das Ende des Parteipopulismus

Nicht nur die deutsche Politik litt unter der Fuchtel der vermeintlichen direkten Demokratie. Erstaunlich, wie man glaubte, komplexe Fragestellungen, wie einen Koalitionsvertrag, von der Mitgliedschaft entscheiden lassen zu können. Und dann auch noch mit Ja-Nein. Schlichter geht es nicht. 

Denn, entweder die von mir gewählte Leitung ist gut, dann macht sie gute Verträge im Sinne meiner Partei. Wenn nicht ist sie schlecht, dann wird sie abgewählt. 

Ohne ein umfassendes Mandat kann keine Verantwortliche gut verhandeln. Sie steht immer unter dem Vorbehalt eines populistisch aufgeladenen Plebiszits.

Nicht nur deshalb war die Groko strukturell unprofessionell. Der Mitgliederentscheid war ein entscheidender Schwachpunkt für die Verhandlungsführer der SPD.

Damit ist seit gestern Abend Schluss. Die Kanzlermacher Habeck und Lindner wollen nur verhandeln mit Leuten, die Prokura haben. Was in der Verhandlung beschlossen wird, kann an Ort und Stelle ohne Verzug vertraglich abgeschlossen werden. 

Das kühnertsche Spiel über Bande ist damit beim Teufel. Zugleich ist die Verantwortung eindeutig bei den Prokuristen, nicht bei einem amorphen Mitgliederentscheid, Wenn es gut geht, gut so, wenn es schlecht geht, werden die Verantwortlichen sanktioniert.

PS wenn ich Habeck und Lindner wäre, käme weder Scholz noch Laschet als Kanzler in Frage: einer macht eine schlechte Figur, dem anderen hängt die Strafverfolgung im Genick, nix gut, würde ich sagen wollen.

Philipp Frankfurter

Schöne übersichtliche Welt

Ich muss mich beeilen. Meine große Tochter kommt bald von Oma und Opa nach Hause, die Kleine mit ihren sechs Wochen wacht sicher bald auf. So ist das nun einmal als Eltern, und dennoch hab ich etwas Zeit, weil ja die Familie da ist und uns hilft. Man könnte auch sagen: Ist alles einfacher aufm Dorf.
Und schon sind wir mittendrin in einem Thema, das dann doch kurz meine Stellungnahme  Herausfordert. Es geht um den Artikel „Die Verdorfung der Literatur“ der FAZ am Sonntag dem 5. September. Ich bin Autor, wohne auf dem Dorf, also schauen wir mal…
„Verdorfung“ klingt ja schon sehr negativ, und die Autorin will das auch bezwecken, und zwar in einer gelungenen Art. Die „neuen Dorfromane“ nerven sie, und zwar die kleinen wie auch die großen Bestseller von Juli Zeh bis Judith Herrmann. Warum? Weil der Rückzug aufs Dorf fast immer romantisiert und damit radikal vereinfacht wird. Der die gestressten Städter, der die mal aufs Dorf muss, um Ruhe zu finden Dort allerlei schrullige Typen trifft treffen, die die Einfachheit der Provinz verkörpern. So weit, so grobschlächtig, aber eben deshalb auch ein Garant, um viele Bücher zu verkaufen, weil man damit halt ein Nerv bei den Leuten anspricht. Dann wird das in der Regel noch garniert mit einer radikalen Sinnsuche der Protagonistin, die meisten Geschichten spielen im Osten Deutschlands, hat man also ein bissl was zusätzlich für die Repräsentation der ach so armen „Abgehängten“ im Osten getan und versucht obendrauf, die zu verstehen.
Besonders perfide ist das, weil es eine Sichtweise auf die Welt reproduziert, die falscher nicht sein könnte, nämlich „das Dorf“ als einer übersichtlichen Aneinanderreihung ebenso übersichtlicher Lebensentwürfe und –läufe zu sehen. Dem muss man vehement widersprechen, was leider die FAZ-Autorin nur so halb oder, wie man bei uns auf dem Dorf sagt, „viertels“ tut. Diese demonstrative Darstellung einer schlichten Übersichtlichkeit zeigt, dass die Autorinnen solche Bücher nicht ernsthaft bereit sind, tatsächlich auf die Weltsicht „der Dorfgemeinschaft“ einzugehen, also eine Art Ethnographie des Dorfes zu betreiben, sondern in ihrer wunderbar großstädtischen und coolen Distanz hängen bleiben – und so nichts vom Dorf sehen noch verstehen. Deshalb sind solche Bücher auch so langweilig. es Denn es kann gar nicht gelingen, im vermeintlich Kleinen des Dorfes die großen Fragen zu sehen, die letztlich jeden Menschen beschäftigen. Mit Richard Russo kann man sagen: „There is so such thing as a small live“. Die Protagonistinnen der Beststellerlisten sollten es beherzigen.
David Emling

 

Ach, gut isses net

Vor Jahrzehnten meinte ein eifriger Spiegelleser, er habe dem Spiegel vertraut, bis er etwas las, von dem er selbst etwas verstand.  Daran erinnerte ich mich spontan, als ich bei www.achgut.com einen Beitrag mit dem aufweckenden Titel „Wahlumfragen: Von Irrtümern und selbsterfüllenden Orakeln“ las.
So etwas (bitte setzen Sie selbst etwas Unflätiges ein) ist mir schon lange nicht untergekommen. So von oben herab „1.000 und 2.000 Menschen, die die Institute repräsentativ ausgewählt haben wollen“ –„wollen“ ach herrje,  das Verbildungsbürgerdeutsch schlägt zu. Zweifel ohne Begründung? Geht gar nicht. Doch bei Achgut.com geht es durch die Lappen der Redaktion.
Unkenntnis schützt nicht vor Dummheit: „Bei den Umfragen lassen die meisten Medien weg, dass eben nur ein paar hundert Menschen befragt wurden und setzen das vermeintliche Ergebnis mit einem realen Wahlergebnis gleich.“ Warum ist das ein dummer Satz? Weil der Autor den Kern der statistischen Wahrscheinlichkeit nicht verstanden hat. Es ist halt so, dass die Genauigkeit von Stichproben nicht linear mit der Zahl der Messpunkte (hier Befragte) wächst. So ab 1.000 Befragten sinkt der Zuwachs an Genauigkeit rapide ab. Oder anders gesagt, die als „Fehlertoleranz“ ausgewiesenen Prozentzahlen sinken kaum noch ab. Es wäre unwirtschaftlich, 10.000 zu befragen. Das Ganze hängt allerdings davon ab, wie gut die 1.000 Befragten ausgewählt wurden (übrigens ist das ein Kardinalfehler vieler Onlinebefragungen, hohe Fallzahlen mit Genauigkeit zu verwechseln). Und übrigens zum Zweiten, kein Institut verwechselt eine Umfrage mit einer Wahl.
Und noch so ein Ding: „Die Repräsentativität wird dabei durch so signifikante Kennziffern wie die Telefonnummer und den Geburtstag hergestellt.“ Was soll das: „so signifikante Kennziffern“? Die einzige Bedeutung (Signifikanz) der Telefonnummer ist, ja was? Dass man damit Leute anrufen kann, um eine Telefonumfrage machen zu können.  Und der Geburtstag? Ist ein technisches Hilfsmittel, um in einem Haushalt unter mehreren Leuten jemand zufällig auszusuchen (das Merkmal „wer hatte zuletzt in Ihrem Haushalt Geburtstag“ ist hinreichend zufällig verteilt).
Jetzt reicht’s mir. Nein, noch einen drauf: „Die Ergebnisse der Umfragen differieren zu stark und keine Umfrage trifft den Mittelwert“. Mein Gott, hilf mir, nicht ausfällig zu werden. Der Mittelwert ist ein berechneter Wert, kein gemessener. Man kann den Mittelwert nicht „treffen“, man kann ihn nur berechnen und die Spannweite zwischen Mittelwert und anderen Werten betrachten.
Was mache ich nun aus dem Unsinn? Ich zweifle sehr an der Qualität von achgut.com, wenn deren Redaktion so etwas durchgehen lässt. Aus der Traum vom guten Journalismus. Lese den Spiegel, die Faz, die Zeit und vielerlei Geblogtes und dennoch: Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor!

Peter Mohler

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