Wilder Südwesten

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Vom Durchhänger zum Mensch – Eine Rezension

Wer wissen und nachfühlen möchte, wie sich die mit Sprechblasen und Durschnittsneurotikern wohl bestückte Arbeits- und Lebenswelt aktuell darstellt, dem sei „Daniels Hang“ von David Emling ans, hoffentlich noch, empathische Herz gelegt. Ob sich der Protagonist aus diese Hängewelt ins Freie schaufeln kann müssen die Leser schon selbst herausfinden. Spannende Tristesse mit Sonnenflecken garantiert. Erschienen ist seine Novelle kürzlich im Verlag Neuwerk  (Freiburg) – https://verlag-neuwerk.de/produkt/daniels-hang/ (broschiert 11€ gebunden 16€ oder drei Bier oder so…)

Heilig Abend

Da sitzt der alte Mann und ist bewegt. Nicht, weil der Himmel weihnachtlich grau ist. Nicht, wegen coronöser Tristesse. Nicht, weil Weihnachten wegen der Grenzprobleme noch einmal von der Familie getrennt gefeiert wird. Nicht, weil Kirche wieder mal fast ausfällt.
Ein bisschen von Adeline Dieudonné und ihrem Blick in den Rückspiegel.
Überwältigt ist er von den Weihnachtsgrüßen und Aufmerksamkeiten der Nachbarn, Freunde, entfernten Verwandten und früheren Mitarbeitern und Kollegen. Mehr als eine Dekade ist es her. Mit jedem Gruß geht ein Licht im Herzen auf.

Danke
Peter Mohler

Blindflug ohne Instrumente

Was wäre Navigieren heute ohne Instrumente? Wir  kämen nicht bei Franz in Rose Street, Key West,  rechtzeitig zur Weihnachtsfeier an – wenn überhaupt, Fliegen wäre nur sicher bei Sonnenschein, aber nicht gegen die Sonne, Schiffe strandeten allerorten, wo sie nicht sein wollten.
Jedoch, in dieser Pandemie sind wir der festen Überzeugung ohne Instrumente unseren Weg ganz sicher zu finden.
Die Geschichte der Wissenschaft ist voller scheinbar putziger Anekdoten über instrumentenfreie blindwütige Katastrophen. So etwa Folgende: eine britische Armada ist auf Heimfahrt, Herr Admiral gibt Befehl „da lang“, der Obermaat räuspert sich und meint, „da lang“ seien Untiefen. Damals war Widerspruch ein todeswürdiges Verbrechen. Also wurde der Obermaat kurzerhand an der Rah aufgeknüpft. Dadurch entging er allerdings dem kläglichen Ersaufen, alldieweil in der stürmischen nächsten Nacht die herrliche admiralblindgesteuerte Armada auf die besagten Untiefen lief und absoff.
Warum? Das war die Zeit, bevor es genaue Längenmessungen (Längengrad/Breitengrad) mittels exakter Uhren gab. Man konnte zwar den Breitengrad gut bestimmen, aber wo man da gerade war, ob in Berlin, Paris oder Warschau, musste man irgendwie abschätzen. Und da galt halt des Admirals Meinung mehr als des Obermaat Erinnerung.
Heute heißt solches Abschätzen „Modellieren“. Das heißt, ich versuche vernünftige Annahmen über die Geschwindigkeit und Richtungswechsel meines Schiffes zu machen, um dann abzuschätzen, wo ich in zehn Stunden sein könnte, aber nicht unbedingt sein muss, siehe oben.
Und was hat das mit heute und Corona zu tun? Alles. Beispiel: heute sind in einem amerikanischen Bundesstaat 2 Omicron Corona Fälle festgestellt worden. Zufällig, weil zufällig per Test erfasst. Nicht systematisch im Rahmen eines engmaschigen dauernden Beobachtungsystems. Nur dann wüsste man, ob 2 viel oder mehr oder weniger nichts ist.
So ein dauerhaftes Beobachtungssystem wären sehr große Bevölkerungsstichproben, wo sagen wir, 1 Million Menschen zweimal die Woche getestet werden und auf Corona Kontakte befragt werden usw. Man kann sich das wie eine engmaschiges Netz vorstellen, in dem die relativ wenigen Fälle Corona positiv Getesteter systematisch gefunden werden. Warum „wenige Fälle“? Sind 70.000 pro Tag nicht eine enorm große Zahl. Im Prinzip ja, sehr groß, doch bezogen auf 80.000.000 Einwohner nur 0,08%, die sich bis auf Hotspots übers ganze Land verteilen (rechnerisch 223 pro Quadratkilometer).
Wenn man weiß, wo man die Einwohner  üblicherweise findet, also in Gemeinden und Städten, ist es allerdings relativ einfach, eine angemessene Stichprobe für eine „Coronadauerbeobachtung“ zu planen. Für, an den übrigen Coronakosten gemessen, kleines Geld könnte man dann sein Meßinstrument bauen, nutzen und dann die Untiefen der wechselhaften Lockdowns durch exaktes Ausloten vermeiden. Natürlich wäre das mit Anstrengung verbunden, denn ein Messen indem man mit Menschen Kontakt aufnimmt und mit ihnen kommuniziert, erfordert Kraft, Einfühlungsvermögen, Geduld und größte Beharrlichkeit. Dies ist nicht jeder Wissenschaftlerin gegeben.
Sind ja neugierige Leute, diese Wissenschaftler, oft menschenscheu und ungeduldig.
Deshalb lieber im warmen Stübchen den Computer anwerfen, sich ein paar lauwarme Gedanken machen, was denn so der Fall sein kann, im Web nach Zahlen suchen, die wie Daten aussehen, aber keine sind, weil nicht „gegeben“ (datum), sondern „erdacht“, „erzettelt“ oder „erzählt“ sind. Was diese Zahlen mit gemessenen Daten gemeinsam haben ist alleine ihre Form, also „1234567890“,  damit kann man den Computer gut täuschen.
Das ist nicht meine Welt, Frau Admiralin, ich will keinen Blindflug ohne Instrumente, ich will exakte Daten. Und, „da geht’s lang“ modelliert, da ist mit Verlaub gesagt in meiner Erinnerung eine Untiefe. Ihr könnt mich jetzt für meine unbotmäßige Meßsucht hängen, aber das ist mir dann doch lieber, als demnächst elendiglich zu ersaufen.

Philipp Frankfurter

Herr Noll ich vermisse Sie (und Ihresgleichen)

Als ich aufwuchs, erfuhr ich von einem großen kulturellen Verlust: der Vernichtung des klaren Gedankens. Man gab mir Kristallklares aus der Vergangenheit zu lesen. Knallharte Schriften, die sich auch gegen die Autoren selbst richteten. Humor lugte dazu aus allen Ecken hervor. Kein Respekt vor großen Namen und allem Schall und Rauch, den es allzeit ja zur Genüge gibt. Sie und Ihresgleichen ließen nicht locker, wenn wieder einmal die Logik verbogen wurde.
Verbrannt haben dann die Unsrigen nicht nur Ihre Bücher und Bilder. Vernichtung war das Ziel. Nicht ganz gelungen, gottseidank, außer hierzulande, dem Ursprung des Unheils.
Ein neues Biedermeier hielt Einzug ins unheimelige Haus. Betschwestern und –brüder nickten sich fleißig in ihren Talaren, später Jeans, zu, dabei jeden scharfen Gedanken meidend wie die Pest.
Herr Noll, Sie und die wenigen Ihresgleichen, die noch auf meine unheimelige Heimat mit scharfer Liebe schauen, auch wenn Sie selbst im Exil sind, ich vermisse Sie jeden Tag mehr und mehr.

Peter Ph. Mohler

Noll, Chaim: „Der Rufer aus der Wüste – Wie 16 Merkel-Jahre Deutschland ramponiert haben. Eine Ansage aus dem Exil in Israel“ ist hier im Achgut.com-Shop sofort bestellbar.

 

Speach Act oder der reale Akt?

Wie sagt Fischer immer wieder? „Ich bringe dich um“ ist strafrechtlich gesehen, kein Mord. Gleichwohl, es ist eine Formulierung im Indikativ und könnte die Beschreibung eines akutellen Vorganges sein. Könnte. Und selbst wenn, der Richterschaft ist es wurscht, ob die Mörderin die Durchführung ihrer Tat sprachlich begleitet. So gesehen war die Sprache ebenso, wie die Gedanken frei. Aber das war einmal in der guten alten Zeit, so vor 5 Jahren, sagen einige aus der Minderheitsfraktion, die wahrscheinlich die schweigende Mehrheit repräsentieren oder auch nicht, wer weiß das schon.
Es gilt das gesprochene Wort, aha. „Die Rente ist sicher“, ein typischer Speach Act (Sprachhandlung), auf den keine Rentnerin etwas gibt, weil sie ihren Rentenbescheid kennt, denn dort steht die tatsächliche Handlung, die zu einer Banküberweisung führt.
Was geschieht, wenn man eine Sprachhandlung wie, „ich haue Dir Eine runter“ mit einer Ohrfeige etc. gleichsetzt? Dann brennt das Ohr, dann schreie ich vor Schmerz und verlange Schadenersatz.
Wahrscheinlich lacht jetzt jeder über diese, ja was, Absurdität? Wer bei Youtube, Facebook und Genossen wegen solcher Sprachhandlungen abgeschaltet wird, hat da wenig zu lachen.
Alles eine große Dummheit? Oder doch nicht? Ist das, was derzeit so herumspukt, etwa ein Beispiel für den Schaden, den eine unschuldige Theorie der Sprache durch Ignoranten anrichten kann? Eigentlich nicht. Denn Sprache kann gewalttätig sein. Drohungen aller Art wirken. Aber: bitte jetzt mal den Kontext. Wann wirkt eine Drohung? Wann verführt eine falsche Ideologie (gibt’s ja eigentlich nicht, weil alle Ideologie falsch ist, na ja)?
Und jetzt wird es leicht spannend, denn wer bestimmt den Kontext? Die Sprecherin oder der Hörer? Bitte entscheiden Sie!
„Du bist ein so liebes Arschloch“ – Beleidigung wann, wann nicht, wann Bettgeflüster? Wann der Hauch einer Enttäuschung? Herrlich, was man alles für Kontexte für einen Satz finden kann. Eigentlich ein wunderbares Sprachspiel, aber das sind wieder andere Theorien.  Bleiben wir beim Speach Act, der oft unbefriedigend bleibt, wenn die damit gemeinte physische Handlung ausfällt. So etwa das amerikanische „let’s do lunch“.
Ein, wie ich mich zu erinnern glaube, jüdischer Satz, „es gibt kein Verbrechen, das nicht zuvor aufgeschrieben wurde“, wirkt schon. Zumindest bei mir.
Also worum geht es hier und heute? Ob wir es wollen oder nicht, hat die Wiedervereinigung auch Folgen für das verändert, was öffentlich aussprechbar ist. Tabus, wie Judenhass, lösten sich auf. Zugleich sprang die amerikanische Angst, harte Fakten auszusprechen, auf uns über. Und dann kam das Netz. Das ist öffentlich – und wie! Wie ein Stammtisch mit Pissoir in einem Raum, kurz, das stinkt.
Und jetzt? Wir sind alle auf der Suche nach Tabus, nach den Grenzen des öffentlich Aussprechbaren. „Scheiße sagt man nicht“ flöten die Enkel strahlend, wohl wissend, wie viel Spaß dieser Satz bringt. Auch wollen wir privates Geplapper und Plaudern vom öffentlich Gesagten sehr genau unterscheiden. Und so wollen wir das alle halten, fröhlich die Grenzen austesten und Youtube etc. einfach links liegen lassen, es hört dort doch niemand zu, auf den wir Wert legen würden, oder?
Peter Mohler

Ach, gut isses net

Vor Jahrzehnten meinte ein eifriger Spiegelleser, er habe dem Spiegel vertraut, bis er etwas las, von dem er selbst etwas verstand.  Daran erinnerte ich mich spontan, als ich bei www.achgut.com einen Beitrag mit dem aufweckenden Titel „Wahlumfragen: Von Irrtümern und selbsterfüllenden Orakeln“ las.
So etwas (bitte setzen Sie selbst etwas Unflätiges ein) ist mir schon lange nicht untergekommen. So von oben herab „1.000 und 2.000 Menschen, die die Institute repräsentativ ausgewählt haben wollen“ –„wollen“ ach herrje,  das Verbildungsbürgerdeutsch schlägt zu. Zweifel ohne Begründung? Geht gar nicht. Doch bei Achgut.com geht es durch die Lappen der Redaktion.
Unkenntnis schützt nicht vor Dummheit: „Bei den Umfragen lassen die meisten Medien weg, dass eben nur ein paar hundert Menschen befragt wurden und setzen das vermeintliche Ergebnis mit einem realen Wahlergebnis gleich.“ Warum ist das ein dummer Satz? Weil der Autor den Kern der statistischen Wahrscheinlichkeit nicht verstanden hat. Es ist halt so, dass die Genauigkeit von Stichproben nicht linear mit der Zahl der Messpunkte (hier Befragte) wächst. So ab 1.000 Befragten sinkt der Zuwachs an Genauigkeit rapide ab. Oder anders gesagt, die als „Fehlertoleranz“ ausgewiesenen Prozentzahlen sinken kaum noch ab. Es wäre unwirtschaftlich, 10.000 zu befragen. Das Ganze hängt allerdings davon ab, wie gut die 1.000 Befragten ausgewählt wurden (übrigens ist das ein Kardinalfehler vieler Onlinebefragungen, hohe Fallzahlen mit Genauigkeit zu verwechseln). Und übrigens zum Zweiten, kein Institut verwechselt eine Umfrage mit einer Wahl.
Und noch so ein Ding: „Die Repräsentativität wird dabei durch so signifikante Kennziffern wie die Telefonnummer und den Geburtstag hergestellt.“ Was soll das: „so signifikante Kennziffern“? Die einzige Bedeutung (Signifikanz) der Telefonnummer ist, ja was? Dass man damit Leute anrufen kann, um eine Telefonumfrage machen zu können.  Und der Geburtstag? Ist ein technisches Hilfsmittel, um in einem Haushalt unter mehreren Leuten jemand zufällig auszusuchen (das Merkmal „wer hatte zuletzt in Ihrem Haushalt Geburtstag“ ist hinreichend zufällig verteilt).
Jetzt reicht’s mir. Nein, noch einen drauf: „Die Ergebnisse der Umfragen differieren zu stark und keine Umfrage trifft den Mittelwert“. Mein Gott, hilf mir, nicht ausfällig zu werden. Der Mittelwert ist ein berechneter Wert, kein gemessener. Man kann den Mittelwert nicht „treffen“, man kann ihn nur berechnen und die Spannweite zwischen Mittelwert und anderen Werten betrachten.
Was mache ich nun aus dem Unsinn? Ich zweifle sehr an der Qualität von achgut.com, wenn deren Redaktion so etwas durchgehen lässt. Aus der Traum vom guten Journalismus. Lese den Spiegel, die Faz, die Zeit und vielerlei Geblogtes und dennoch: Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor!

Peter Mohler

Anno 1421 nach Philipp Frankfurter und Ockham’s Razor Anno 2021

Es begab sich am Abend des St. Magdalenentags im Jahre 1421 zum Dom in Mainz als die Gemeinde tief in Rosenkränzen versunken unverhofft im Finstern saß. Alle Kerzen mit  einem Male erloschen. Ein vielstimmiges Ahhh erscholl, ein Zeichen Gottes! Der Hauch des Heiligen Geistes hatte die Kerzen gelöscht! Laut wurde Gott für dieses Wunder gepriesen. Als von hinten die sonore Stimme des Küsters rief „mach die Deer zu s‘zieht“.

Am nächsten Tag ward der Scheiterhaufen gerichtet und der vorwitzige Küster ins verdiente Jenseits befördert. Bis heute wird seiner Blasphemie an jedem St. Magdalenentag mit Schaudern gedacht.

Was, fragt der sich modern dünkende Mensch, war in die Leute in Mainz nur gefahren? Nichts besonderes, antwortet die zeitgenössische Psychologie. Es ist das dunkle, mysteriöse, das uns anstelle des alltäglichen „es zieht“ in seinen Bann schlägt.
Ist ja gut für spannende Geschichten. Weniger gut, um mit wirklichen Dingen, wie ausgepustete Kerzen vernünftig umzugehen
.“ Philipp Frankfurter, Blog4587.eu

Lieber Philipp, so weit so kurz. Viel zu kurz, fast ein echter Kurz. Spaß beiseite, warum zu kurz? Weil Du, verehrter Herr Kollege*in, den wesentlichen Knackpunkt einer populären Darstellung zu Liebe weggelassen hast. Dieser Knackpunkt heißt im Fachjargon der Philosophen Ockham’s Razor und besagt Folgendes: wenn es für einen Sachverhalt zwei miteinander konkurrierende Erklärungen gibt, dann solle man die einfachere, mit weniger Annahmen verbundene, Erklärung als zutreffend nehmen.
In Deinem Falle sagt Erklärung 1 es genügte, sich an Kinder und Pusteblumen zu halten und empirisch den Versuch machen ob „Tür auf und Zugluft“ die Kerzen zum Erlöschen bringt oder nicht; Erklärung 2 benötigte erstens einen Gottesbeweis, zweitens eine Annahme, das Gott als Heiliger Geist Luftzug erzeugen kann, drittens, dass es gute Gründe gibt, dass der Heilige Geist sich der Kerzen im Mainzer Dom annahm.
Es ist offensichtlich, dass „Tür auf“ weniger Annahmen zur Erklärung benötigt und, noch viel besser, empirisch beliebig wiederholbar ist. Nach Ockham’s vernünftiger Regel, wäre des Küsters Erklärung (Theorie) als „wahr“ oder „richtig“ zu akzeptieren.
Doch Ockham und all die anderen nach Licht und Erkenntnis strebenden haben die Rechnung ohne die Sehnsucht nach „großen“, „tiefen“, „hintergründigen“ Welterklärungen gemacht. Und auch ohne die Faulpelze, die lieber spekulieren als empirisch hart zu arbeiten oder die Unbescheidenen, die sich grundsätzlich nicht mit irgendeiner Beschränkung und sei es die Lichtgeschwindigkeit oder Gott abfinden wollen.
Die modernen quasi Mystiker der Wissenschaft gehören dem Geheimbund der „Modellierer“ an. Wie sagt aber der alttestamentarische Gott? Du sollst kein Bild von mir machen! Und was ist ein Modell? Ein Abbild, eben. In Deinem Fall ein Abbild von etwas empirisch noch nicht oder vielleicht gar nicht Fassbarem. Wenn ich mit meinem Modell fertig bin, stelle ich es wie eine Götzenfigur hin und lasse es (und damit natürlich auch mich, dessen Schöpfer) anbeten. Bin ich deutlich genug?

Klingt alles etwas bizarr? Nun, wie wäre es mit etwas Erinnerung an frühere Götzenbilder : zum Beispiel die vielen abgestürzten Modelle der Wahlforscher, die Fehlprognosen des Club of Rome, oder mal ganz anders, die Schreckenszenarien der Weltuntergangsleute Anfang des 20. Jahrhunderts.

Gegen diese Modellgötzen stehen Rosling und die Phalanx der langen Zeitreihen von statistischen Ämtern und Umfragen. Allerdings, ihnen fehlt das dunkle, mythische, eben die unheimlich Begegnung der 4. Art. Also müssen sich die Empiriker heute, im Jahr 2021, weiterhin und ganz besonders tapfer gegen die schrecklichen Vereinfacher, genannt Modellierer, unterschiedlichster Couleur zur Wehr setzen. Corona sei’s geklagt.
Wie gesagt, das Mystische des Modellierens hat einen unheimlichen, höllischen Sog. Es zieht die Politik an und die in ihr agierenden Politiker. Und wir lauschen angespannt, weil es so viel spannender ist, als des Küsters schlichter Ruf „mach die Deer zu, s’zieht“.
Anders gesagt, Modellierer, das sind die neuen Gottesersatzleute, die mittels Excel und höher es schaffen, den Heiligen Geist wahrscheinlicher als des Küsters Zugluft zu machen. Goodbye Ockham, welcome Modellschreiner Müller.

Also verehrter Philipp, seien wir vorsichtig, bevor wir das Offensichtliche sagen, es könnte uns vielleicht ganz real heiß unter den Füßen werden.

Peter Mohler

 

Fit for the intended use

Da sitze ich und löffle genüsslich einen wunderbar künstlichen Joghurt (warum mit h und nicht mit y?) aus dem Glas. Ach wie zeitgemäß ich doch bin. Kein Plastik, nur Metall und Glas. Da fällt mein Auge auf die Banderole: „Um das Glas nicht zu beschädigen, bitte keinen Metalllöffel zum Verzehr verwenden. Bitte Pfandglas ausgespült mit Verschluss zurückgeben.“
Da fällt mir doch glatt der Löffel ins Glas zurück. Soll ich etwa einen Plastiklöffel nehmen? Oder den uralten perlmutternen? Ja, was ist denn das? Ein Glasbecher aus billigstem Pressglas ist nicht löffelfest? Muss ich als Kunde schon wieder die Unfähigkeit der Hersteller ausgleichen?
Aus meiner kleinen Weltsicht ist der Glasbecher ungeeignet für seinen Verwendungszweck als Joghurtbehältnis (wenn ich den Inhalt vor dem Verzehr umfüllen sollte, warum ist dann der Becher oben so eng, dass ich gerade so mit einem Esslöffel hineinkomme und die letzten 10% nur mit dem Finger herauspfrimeln kann?).
Qualität wird heutzutage als „fitness for the intended use“ (für den vorgesehenen Zweck geeignet) definiert. Die Qualität eines Joghurtbechers sollte demnach sein, ein Nahrungsmittel unverdorben an die Esser zu bringen und das so, dass man das Nahrungsmittel mit minimalem Aufwand verzehren kann. Dazu gehört ein beliebiger Löffel oder Spatel und auch nicht die Notwendigkeit, die Verpackung nach Gebrauch sauber zu spülen.
Stattdessen sieht das Glas aus wie eine altmodische Milchkanne, deren Verschluss in der Spülmaschine gerne durch den Rost fällt und deren Banderole den Filter der Spülmaschine verstopft. Sie fragen, was hat der Joghurtbecher in der Spülmaschine zu suchen? Er gehört dorthin, dichtgepackt mit allem anderen, weil das die ökologischste, energie- und wassersparendste Art ihn zu reinigen ist, wenn man er Presse glauben darf.
Schauen Sie sich um. Wo wird Ihnen etwas angeboten, das wirklich fit ist? Eigentlich jede Menge, solange es sich nicht um so einzigartige Prestigeartikel wie Joghurt im Glas handelt: Streichhölzer, schlicht in einer Pappverpackung, Butter in Alufolie, Brot in der Tüte, echte E-Mails mit ordentlichem Betreff, solide Politik ohne Notstandsprogramm. Sobald jedoch so etwas wie „Wertigkeit“ dazukommt, es also nicht mehr um die Erdbeere im Joghurt, sondern das „besondere Produkt“ geht, wird die Verpackung wichtiger als der Nutzen.
Wie eine hässliche Schleimspur zieht sich der Wertigkeitvortäuschungsversuch durch unser Leben. Wenige Beispiele: Nachrichten – nicht mehr ohne Infotainment, Auto – nicht mehr ohne Wurzelholz oder Großbildschirm, Nahrungsmittel – nicht mehr ohne Gesundheitspass, Änderung der Verkehrsregeln – nicht ohne Talkshow und Pseudoshitstorm, vor Mitternacht – bitte ohne Lanz.
Ach und bei all dem Übel, bin ich denn fit for the intende use? Oder bin ich gar useless?
Philipp Frankfurter

Emling in der Wortschau

Nr. 37 der Wortschau hat auch einen Emling gewonnen… (http://www.wortschau.com/Hefte/)
Hier ein Auszug : Fenster

Das Licht war noch aus, sie stand im dunklen Schlafzimmer. Blickte durch das Fenster auf die vom Regen glänzende Straße, dahinter die Bäume wie eine schwarze Wand. Der Blick, der am Horizont endete und doch darüber hinauswollte. Unzählige Male war sie dort mit dem Kinderwagen unterwegs gewesen, sah ängstlich in die Kinderschale, ob ihr Junge endlich schlief. Kurze Momente der Ruhe, bevor es wieder von vorne losginge, der Zyklus von Stillen, Wickeln, Schlafenlegen und dazwischen versuchen zu leben. Nach den zermürbenden 19 Stunden, die sie gebraucht hatte, um ihn zur Welt zu bringen, hatte sie verstanden, dass sie nicht wusste, wie es weitergehen würde, nun, da er wirklich da war. Das ist ganz normal, das kommt schon noch, hätte ihre Mutter gesagt. Wie gerne hätte sie sie ein letztes Mal gefragt, wie man werden kann wie sie. So aber sah sie Abend für Abend in das Bettchen und wusste nur, dass sie etwas zu fühlen hatte, das nicht da war.

Jetzt machte sie das Licht an, sah nochmals durch das Fenster, erkannte aber nichts, nur Umrisse ihres Spiegelbildes. Sie nickte der verschwommenen Gestalt im Fenster zu. Es war so weit.

***
David Emling

Demokratien sind nicht resilient

Richard Farson, den Namen sollten Sie sich merken. Vor fast dreißig Jahren schrieb er alles auf, was Managern an paradoxem so widerfahren kann. Etwa, dass die gute Managerin nicht der Versuchung erliegt darf, sie sei „in control“, habe also alles fest im Griff.* Das führt unweigerlich ins Unglück. Oder, dass es so etwas wie „Overcommunication“ gäbe, was man auch als Kommunikationskakophonie beschreiben könne. Experimente haben gezeigt, dass „auf allen Kanälen funken“, die Problemlösungsfähigkeit von Gruppen negativ beeinflusst. Vor allem, eines der paradoxesten, verstörendsten Ergebnisse moderner Sozialforschung, das Richard Farson beschreibt, ist die geringe Widerstandskraft von Organisationen oder Institutionen.** Denken Sie an eine Beziehung. Schon eine dumme Bemerkung kann eine Beziehung in Frage stellen oder gar zerstören.*** Es zeigt sich, Menschen haben die Fähigkeit wieder aufzustehen, wenn sie hingefallen sind. Organisationen dagegen nicht.
Das erschreckende ist, dass auch Staaten und Nationen genauso wie Organisationen schnell auseinanderfallen können. Natürlich freuen wir uns nachträglich über den blitzartigen Zusammenbruch des Ostblocks als totalitärem System. Demokratien kann so etwas doch nicht passieren, oder? Denken Sie an die Weimarer Republik: in weniger als 90 Tagen war aus einer demokratischen Verfassung ein totalitäres Machtinstrument geworden.
Wir Deutschen haben im 20. Jahrhundert viel erlebt und verbrochen. Und viele haben unwahrscheinliches Glück gehabt: 1945 wurden nicht alle von uns in die Arktis deportiert, einem Teil des Deutschen Reiches wurde die Demokratie in die Wiege zum neuen Anfang gelegt, nur 40 Jahre später kam der zweite Teil dazu.
Und heute? Das politische Führungspersonal ist dem Irrglauben verfallen „to be in control“ sein zu müssen. Kreuz und quer wird unkoordiniert kommuniziert, werden ganze, für die Demokratie zentrale Wissenschaftsbereiche wie Soziologie, Psychologie und Politikwissenschaft von undemokratisch organisierten, hierarchisch verfassten Laborwissenschaften am Gängelband geführt. Abgeschaltet wurden Bildung, Kultur, Sport, Geselligkeit, freies Wirtschaften, kurz das Menschsein. Gegenteilige Meinungen werden niedergebrüllt, gedemütigt, in modernen Schauprozessen zu Geständnissen gebracht. Gleichzeitig sehen radikale Radaubrüder und –schwestern ihre Chance gekommen, von links, rechts, oben und unten auf die Demokratie zu hauen, am liebsten, wenn diese eine Polizeiuniform trägt. Demokratie verträgt keine Gesinnungsübeltäter. Daran geht sie zugrunde. Demokratien, auch unsere, sind nicht resilient. Sie können ebenso zusammenbrechen wie Diktaturen. Das gilt auch in einer Pandemie.
Peter Mohler
*Richard Farson, Management of the Absurd – Paradoxes in Leadership. New York, 1996/1997, S. 38
** S. 89
*** David Emling weist notorisch darauf hin

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