Wilder Südwesten

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Grüns Worte

Als ich einmal in einem Artikel schrieb, ein analysierter Text habe „2434 Worte“ enthalten, gab mir  ein sehr wohlmeinder Kollege den Hinweis „Gott spricht Worte“, mein Text enthalte dagegen „Wörter“. Recht hatte er und hat noch heute Recht. Aber wir beide haben die Rechnung ohne Detlev Grün*, RTL und Konsorten beziehungsweise der Individualisierungswelle gemacht. Die abgehobene Sprechweise der „Worte“ gegenüber den angebrachten „Wörtern“ hat es sich in unserer Alltagssprache gemütlich gemacht. Hören Sie mal anderen Leuten zu: man geht zu Tisch, nimmt eine Kleinigkeit zu sich, gönnt sich einen edlen Tropfen und hat kleines Geld ausgegeben, anstelle von Mittagspause machen, etwas essen,  ein Glas Wein genießen und wenig bezahlen. Hänschen Müller berichtet in Grüns Worten über seine erste Speckfalte als sei es ein königliches Leiden. Le roi c‘ est moi oder so, wie der gebildete Pfälzer sagt. Jeder ist sein kleiner König im Traumland: jeder macht Traumurlaub, Traumhochzeit oder Traumnarkose. Wann hatten Sie zuletzt mal herzlich gelacht? Ich würde sagen wollen, das sei schon lange her und da bin ich ganz bei Ihnen, wobei ich nicht weiß, ob Sie ganz bei Sinnen sind und ich auch nicht.

Philipp Frankfurter
*Detlev Grün ist Hauptkommissar in der ZDF Serie „Heldt“ und ein Wunder der abgehobenen Stelzsprache

Gesund ernährt und treibt Sport, aber….

Habe ich mich doch vertippt. „Gut ernährt…“ geschrieben. Nein, das war ein uralter Gedanke, damals, sehr lange her, konnte man so etwas sagen. „Gesund“ muss das Magenfüllen heute sein. Damit kann man alles Übel wegessen. Wenn dann noch Sport dazu kommt, kann ja nichts mehr passieren. Oder? Und falls doch etwas passiert, dann heißt es „gesund ernährt und treibt Sport, aber…“. Egal, ob die Knochen gebrochen sind, das Bindegewebe altert, Zellen mutieren, oder der graue Star die Linse trübt.
Ganz eindeutig besteht hier ein statistischer Zusammenhang mit der Häufigkeit des Kirchganges. Die rapide Abnahme des Kirchganges geht einher mit rasant steigender Unwirksamkeit gesunder Ernährung und unvernünftigen Sportes. Ohne der Kirche Segen geht halt nichts. Und dabei haben wir geglaubt, die alten Vorstellungen eines kirchlich gottgefälligen Lebens seien ein Aberglaube (bitte notieren Sie den Unterschied zwischen gottgefälligem Leben und kirchenamtlich gottgefälligem Leben). Wenn das alte Kirchenamtliche Hokuspokus war, warum korreliert es dann so stark mit dem gesunden Neuen? Ist das vielleicht auch nur Hokuspokus, auch bekannt als Konsumterror?  Oder hat sich der Verfasser vielleicht nicht gesund ernährt?
Peter Mohler

 

Kündigung

Liebe Administratoren,
seit Monaten lese ich Eure Interventionen, Bemerkungen und Analysen. Gelegentlich werfe ich spitze Bemerkungen ein, schreibe mir die Finger wund. Corona hier, Corona da. Endlich ein Lichtblick, Tübinger Freitesten (von Drosten schon 2019 propagiert), hurra! Kaffe auf dem Marktplatz, Spaghetti alio e olio auf dem kleinen Platz. Alles gut. Denkste, sagt die Frau Kanzlerin (ab sofort trinke ich von Mohrbacher nur noch die alte Kanzlermischung): Testen und Bummeln sei nicht die Antwort. So eine Gemeinheit; meinen Kaffe und meine Spaghetti als „schlendernd, ohne Ziel [durch die Straßen] spazieren gehen“ herabzuwürdigen. Obendrauf noch die Unverschämtheit mir zu unterstellen, ich könnte nicht auf zehn zählen. Weiß ich doch genau, was passiert wenn zehn Coronafreie (der neue deutsche Adel) sich treffen, nämlich alles mögliche nur keine Ansteckung mit Covid19. Wer hat hier den Verstand verloren: die Kanzlerin mit Kanzleramt oder ich ganz alleine? Ich habe es so satt mir die Finger wegen dieser indolenten Blasenbewohner wund zu schreiben. Deshalb, liebe Administratoren, nehme ich mir meinen Freitest, gehe auf den Marktplatz, hebe einen Schoppen auf den Pfälzer Verstand und vergesse fortan Corona, die Kanzlerin und die berliner Seifenblasenoper.
Macht’s gut Ihr zwei
Philipp Frankfurter

Lieber Philipp,
wir stellen einen ganz, ganz schweren Fall von Coronitis bei Dir fest. Schau Dich doch um, was sagen die Kommentatoren von rechts nach links? Es lebe Tübingen, es lebe die Vernunft der Freiheit! Du bist in guter Gesellschaft! Was heute Modellstädte oder Pfälzische Notlösungen sind, ist morgen normal. Übrigens, brauchen wir Deine scharfen Spitzen, für den Fall, dass alle geimpft sind oder sein könnten. Dann müsste sich der Staat eigentlich blitzartig aus unserem Privatleben verabschieden. Er hätte seine Schuldigkeit getan und könnte gehen. Glaubst Du er macht das? Dieser machtgeile Moloch? Oder müssen wir Ihn halt doch wie bei Shakespeare meucheln?
Deshalb, gib jetzt nicht auf, halte durch, spätestens im September kannst Du Merkel für teures Geld als Festrednerin buchen und für Dich Bauchreden lassen.
Bis hoffentlich ganz, ganz bald
David und Peter

Spiegel der Ahnungslosigkeit

Der SPIEGEL, Deutschlands selbsternannte führende Nachrichtenseite, ist ein Hort der Ahnungslosigkeit und das nicht wegen der Relotiusaffäre. Nein, die ahnungslosen Redakteure vertrauen bei Wahlen auf  Umfragen, die CICERO schon 2019 als schädlich für unsere Demokratie bezeichnete.*
Nun habe ich im November des letzen Jahres einen Einblick in die Suppenküche der Wahlumfragen gegeben.** Wie jeder weiß, ist Suppenkochen keine Wissenschaft, sondern eine praktische Tätigkeit. Genauso ist das mit der Umfrageforschung. Sie ist, wenn gelungen, eine herausragende Ingenieursleistung, welche die Kritik der Kathedermethodiker blass aussehen lässt. Aber um die geht es heute  nicht.
Hier geht es um die „Geiz ist geil“ Umfragen, über die CICERO zu recht herzieht. Aus aktuellem Anlass, wegen der morgigen Wahlen dazu das Wesentliche, warum der Spiegel ein Tal der Ahnungslosen ist.
Dazu ein kurzer Blick auf die Methodik der Spiegelumfragen***:
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen voll automatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt (»Riversampling«), es werden also nicht nur Nutzer des SPIEGEL befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern.“
Halten wir fest: wer immer auf irgendeiner Website auf die Civey-Werbung stößt, kann sich registrieren und an Umfragen teilnehmen. Civey bastelt sich zuvor ein kleines Modell der deutschen Gesellschaft an Hand von Alter, Geschlecht (wie vielen Geschlechtern?), Stadt-Land (Bevölkerungsdichte) usw. Wer da nicht hineinpasst, kommt nicht in die Auswertung (dessen Stimme wird weggeworfen). Ein zweites Modell, das man nur erahnen kann, nimmt sich wahrscheinlich alte Umfragen vor und schaut dort nach Zusammenhängen zwischen Einstellungen (Civey nennt das Wertvorstellungen, was ein Graus) und Verhalten. Wenn also das Wählen der FDP irgendwie mit Freude am Denken korreliert (statistisch zusammenhängen könnte), oder das Wählen der SPD mit Freude am Wein, das der CDU mit Freude am Pfeffer, das der Grünen mit Badefreuden, der Linken mit Lippenstiftnutzung oder ähnlichem Unsinn der aus den den Daten herausploppt, schlägt das Civey Modell „automatisch“ zu. Wobei „automatisch“ schlicht ein Synonym für „Computerprogramm“ ist, das Menschen gemacht haben. Mit dem „Zuschlagen“ ist die wundersame Vermehrung oder Verminderung einer Person gemeint. Wenn eine Person 1 ist, dann sind zwei Personen 2. Soweit so gut. Wenn jedoch in dem Menschenkonglomerat, von Civey Stichprobe genannt, zu wenige Lippenstiftnutzende mögliche Linke sind, dann werden diese rechnerisch aufgeblasen: sie sind dann nicht mehr 1 sondern etwa 1,3. Zugleich werden die weinseligen SPDler reduziert auf, sagen wir 0,9, weil es von denen zu viele gibt. Das wird, wie Sie sich vorstellen können, ein ziemlich undurchsichtiges rauf- und runterrechnen, wenn Sie an die anderen Parteien denken. Irgendwann ist dann aber Schluss damit und es stehen da dann irgendwelche Zahlen auf dem Bildschirm.
Und da wird es dann richtig lustig. Der Spiegel berichtet am 10. März 2021 ein „Kopf an Kopf Rennen „ zwischen SPD und CDU in Rheinland-Pfalz (wann gab es die letzte „klare Wahl“ in Deutschland) 31% zu 30%. Aha, sagt der kleine Statistiker, das ist doch völliger Unsinn, denn „statistisch“ gesehen geht das nicht. Der berechnete Unterschied liegt doch im Unschärfebereich der Statistik, oder? Ja und Nein. Ja, wenn Civey eine sogenannte Zufallsstichprobe, besser „Wahrscheinlichkeitsstatistische Stichprobe Nach Neyman-Pearson“, gezogen hätte. Dann liesse sich ein Stichprobenfehler berechnen, der im übrigen immer wesentlich kleiner ist als die gesamte Ungenauigkeit einer Umfrage (Total Survey Error, lässt sich bingen oder googeln). Civey macht das aber nicht, wie oben ausgeführt. Civey macht eine Quotenstichprobe mit preiswertem Internetfischzug. Da kann man keinen Stichprobenfehler berechnen. Geht einfach nicht, auch wenn Civey sagt: „In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt.“ Wie gesagt, Geiz ist geil, aber so billig kommen die uns nicht davon.
Denn, mit Schlagwörtern wie „automatisch“, „Internet“, „viele Leute“, „statistischer Fehler“ kann man zwar Spiegelredakteuren etwas vormachen, nicht aber Ihnen, nachdem sie CICERO und das hier gelesen haben. Schade um das Geld.
Was heißt das nun für das Wahlergebnis in Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg? Hier gehe ich einen Schritt zurück zur Ingenieursleistung der Umfrageforschung. Das Modell, das ich mir von Deutschland mache, beruht auf langer Erfahrung mit Wahlen, Umfragen und dem Leben in Deutschland. Erfahrung hat gelegentlich den Nachteil, dass sie blind gegen Neues macht. Das Neue ist Corona. So ein Jahr wie das letzte sprengt unsere Erfahrung. Wir wissen nicht, ob die alten Zusammenhänge von Pfeffer, Wein oder Lippenstift mit Parteien noch gelten. Das müssen wir erst noch erfahren. Weil die Computerprogramme von Civey und anderen diese neue Erfahrung noch nicht enthalten, sind sie prinzipiell falsch. Und damit sind auch die Ergebnisse der sogenannten Umfragen nur mit spitzen Fingern in feuerfesten Handschuhen anzufassen.
Wenn es morgen für die Umfragen nach Civey et al. „gut“ geht, war das reines Glück, keine Ingenieurskunst. Wenn es nicht „gut“ geht? Sie sind gewarnt. In diesem Sinne, bleiben Sie negativ.
Peter Mohler
* Thomas Perry  2019 in www.cicero.de/wirtschaft/civey-yougov-umfragen-meinungen-empirie-methoden-demokratie
** https://blog4587.eu/soziologen-welt/wer-umfragt-kann-sich-irren/
*** https://www.spiegel.de/backstage/die-methodik-hinter-den-civey-umfragen-a-b50353b3-b072-43c8-ab70-7fab20d48710

Gefallsucht

Radio an, Küche putzen, Svenja Flaßpöhler spricht zu Feminismus.* Und da gibt es auch ein Buch dazu.** Gleich bestellt und in einem Rutsch gelesen. So geht es los: „Rechtlich ist das Patriachat passé. Die potente Frau hat es auch psychisch überwunden.
Scham und Gefallsucht hat sie abgestreift wie ein altes Kleid. Ihr Zugang zur Lust: unmittelbar.“
Gefallsucht, was für ein Wort. Seit 75 Jahren nicht gehört. Da klingelt etwas in des Soziologen Ohr. Da, ja, da ist es jenseits des Feminismus: Meinungsumfragen als Opioid der Mächtigen. In Umfragen gefallen, positiv bewertet werden. Eine weitverbreitete Sucht. Fällt Ihnen da auch etwas auf?
Zurück zu Svenja Flaßpöhler, wer die Gefallsucht abstreift, erhöht sein Potential, seine Möglichkeiten, erweitert seinen Möglichkeitshorizont, wie die Luhmaenner sagen würden. Anders gesagt, wer gefallsüchtig auf Umfragen baut, schöpft sein Potential nicht aus.
Das gilt nicht nur für die Mächtigen in der Politik, sondern auch für alle anderen. Zum Beispiel die Medien (die ohne Kristallkugel): was für ein künstlerisches Potential ruht da tief unterkühlt im Schreibtisch des Intendanten (Neutrum, dazu kommt noch ein Blog). Auch Virologen sind neuerdings von Gefallsucht befallen. Nein, nicht neuerdings, es gibt nichts eitleres als ein Wissenschaftler (Neutrum), empfindlich gegen Kritik, völlig der Gefallsucht verfallen. Was wäre, wenn die Medien, die Wissenschaft und die Politik ihr Potential anzapften?
Wäre das auszuhalten? Zugang zu Information: unmittelbar, Zugang zu Wissen: unmittelbar, Zugang zur Macht: unmittelbar. Klasse. Danke Svenja.
Peter Mohler
* https://www.swr.de/swr2/wissen/starke-frauen-svenja-flasspoehler-fordert-verlasst-die-opferrolle-100.html
** Svenja Flaßpöhler, Die potente Frau, 2018 (6. Auflage 2020), Ullstein, Berlin

Der Virus der Fachsprache

Von unserem Envoyé Special Retep Relhom aus Landsvinda’s Village

Der Virus der Fachsprache verheert unsere Sprache und Sinne. Seitdem aus „der Virus“ das medizinisch fachsprachliche Virus wurde, stieg seine Gefährlichkeit ins Unermessliche. Eine weitere Steigerung gelang durch das unverdächtige Beiwort „mutierend“, ohne dass Mutanten durch die Filter einer guten Maske durchdringen können.
Und, wie viele Stunden haben wir in den letzten Monaten mit der Frage verbracht, was ein „Hausstand“ denn eigentlich sei, wenn wir uns auf der Straße oder zu Hause mit jemand treffen wollten. Ganz ohne karnevalistische Hintergedanken haben Jürgen Hoffmeyer-Zlotnik und Uwe Warner das mal im internationalen Vergleich aufgedröselt.* Danach zählt zum Beispiel in Italien jeder, der mindesten einmal in der Woche die Füße zum Essen unter den Tisch stellt zu einem Hausstand. Übrigens, Hausstand ist ein Fachbegriff aus der Rechtssprache und könnte grob als „privater Haushalt“ übersetzt werden. Das abschließende Wort zur Definition eines Haushaltes gaben Retep Relhom und Nelletheb Llennepp in ihrem grandiosen Beitrag „The REC-Survey “Remember the Households You Lived In” Question: A Research Note“.** Kurz, es ist eine lange Geschichte, was ein Hausstand eigentlich ist, und falls ein Ordnungshüter Ihnen zu nahe kommt mit der Drohung „Hausstand überschritten“, hauen Sie ihm das JOBS Journal auf die Beamtenfinger (s.u.). Oder Sie fragen sie harmlos nach einer verbindlichen Definition (bitte suchen Sie nicht in der rheinland-pfälzischen Corona Verordnung, da finden Sie nichts dazu).
Das eigentliche Übel des Virus Fachsprache im Alltag ist der damit verbundene Machtanspruch. Man wirft ein Wort aus einem ausreichend definierten fachsprachlichen Umfeld in den Alltag zu dem alleinigen Zweck, ab sofort die Deutungshoheit zu übernehmen. Wer den „Fachbegriff“ verwendet, wird schon wissen, wovon sie redet, auch wenn er keinen Dunst von der Unschärfe dessen Verwendung in der „Fachwelt“ hat. Hauptsache, man erscheint kompetent.
Lassen Sie sich nicht entmutigen. Fragen Sie halt mal, was der Unterschied von „der Virus“ und „das Virus“ sei oder ob die Haushälterin zum Haushalt gehöre, oder das im Parlament etwas ganz anderes bedeute. Nur Mut, nichts ist leichter als Fachsprachlerinnen durch einfache Fragen auf den Boden des Lebens zu holen.

*Hoffmeyer-Zlotnik, J. H. P., & Warner, U. (2008). Private household concepts and their operationalisation in nationaland international social surveys. (GESIS-Forschungsberichte – Reihe Survey Methodology, 1). Mannheim: GESIS -Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-262343

** Retep HP Relhom and Nelletheb Llennepp , (2005), The REC-Survey “Remember the Households You Lived In” Question: A Research Note, in: Journal of Obnoxious Statistics (JOBS), p. 35-36

Für alles ist Geld da, nur nicht für unsere Zukunft – Eine fast verzweifelte Polemik

Weder für eine vernünftige, auskömmliche Rente, noch für die Natur, noch das Klima, noch die Kranken, noch die Alten, noch die Jungen, von Bildung und Kultur wollen erst mal gar nicht reden. Ja, wer verprasst denn unser ganzes Vermögen?
Sind es die nicht immer unbestechlichen Bauunternehmen bei öffentlichen Bauten, die zusammenfallen, bevor sie ordentlich abgeschrieben sind? Sind es die ehrenwerten Verkäufer von Wehrtechnik, die schneller auseinanderfällt, als jeder Feind schießen kann? Sind es die Betreiber und Eintreiber im Gesundheitswesen, die mit Krankheit gute Geschäfte machen? Sind es die Mitarbeiter der manchmal offenen öffentlichen Hand? Sind es die institutionellen Anleger, die überall mit der Drohung zu schließen, unser Steuersäckel plündern und deren Gewinne in den Taschen der Boniträger versickern?
Vielleicht, aber nur vielleicht; das Geld versickert, strömt manchmal sogar, in alte, undichte Kanäle des immer schon Dagewesenen; verwaltet von denen die bei jeder neuen Idee nur fragen können „wie teuer ist das?“
Nur ein Beispiel, die Rente: ich habe vergessen, wie viele Beitragsjahre mir durch „Reformen“ im Laufe der Jahre „wegretouschiert“ wurden. Alle paar Jahre, wurden es weniger. Dabei hatte ich doch einen Vertrag mit der Gesellschaft, an den ich mich zu halten hatte, nicht aber der Staat. Wo kommt die Frechheit her, den Leuten heute zu sagen, ihre Rente könnte nicht bezahlt werden, aber alles andere einschließlich einer unappetitlich gefräßigen Rentenverwaltung?
Liebe ökonomische Pfennigfuchser, ihr habt geholfen und seid noch fleißig dabei, unsere Gesellschaft und vor allem unsere Zukunft in Grund und Boden zu sparen, weil ihr von kaufmännischem Denken nichts begriffen habt. Eure überschlichten Excelrechnungen verbunden mit der Gier einer aalglatten Managementkaste entziehen uns allen Billionen über Billionen, die für die Zukunft aller dringend benötigt werden.
Kurz, die Rente muss wieder sicher werden, Krankenhäuser, Altenheime usw. sind keine Kapitalanlage, Schulen und Universitäten sind kein Geschäftsmodell und die Kultur kein Abrissprojekt.
Was wir nicht brauchen, sind überbordende Verwaltungen in Zeiten von Arbeitskräftemangel, leicht zu eliminierende Panzerziele in Zeiten von IT- und Guerrilliakriegen, keine dummdof ausgeführte Bauvorhaben in Zeiten guter Bildung, keine offenen Hände allerorten in Zeiten des öffentlichen Moralisierens. Es gibt genug Leute, die gerne für gutes Geld, Ausbildung und verlässliche Lebensplanung hart arbeiten. Denen sollten wir eine Chance geben.
Philipp Frankfurter

Am Vorabend eines 30. Januar

Dreißig Tage vor dem 30. Januar 1933 schrieb die Frankfurter Zeitung in einem Rückblick auf das vorangegangene Jahr 1932: „… so ist im Verlauf des beendeten Jahres tatsächlich eine …. politische Entspannung von großer Bedeutung eingetreten: der gewaltige nationalsozialistische Angriff auf den demokratischen Staat ist abgeschlagen und durch einen mächtigen Gegenangriff aus der Sphäre Papen-Schleicher beantwortet worden… der aber in die Reihen der NSDAP große Verwirrung getragen hat: Millionen von Anhängern sind dieser Partei verloren gegangen… Die Parteien haben erneut gelitten in diesem Jahr, … aber die Demokratie hat nicht weiter gelitten; sie hat während des letzten Jahres geradezu einen Triumph erlebt. … Denn die politische Grundtendenz wird bestimmt durch die Tatsache der Entzauberung der NSDAP.“*
In den folgenden drei Monaten, genauer 83 Tagen, wurde die deutsche Demokratie zerlegt und abgeschafft. Am 4. Januar traf sich Papen mit Hitler, um den amtierenden Kanzler Schleicher zu stürzen. Weitere Gespräche folgten, bis dann Staatspräsident Hindenburg Adolf Hitler am 30. Januar zum Reichskanzler ernannte. Zwei Tage später löste Hindenburg den Reichstag auf. Nach weiteren drei Tagen wurde die Kommunistische Partei per Verordnung verboten, drei Wochen später, nach dem Brand des Reichstages, wurden am 28. Februar die Bürgerrechte abgeschafft. Am 5. März, 35 Tage nach Amtsantritt Hitlers, fanden Neuwahlen statt, die nicht mehr frei waren. 14 Tage später trafen die ersten Gefangenen im KZ Dachau ein (22. März 1933), zwei Tage später wurde die Diktatur mit dem Ermächtigungsgesetz festgeschrieben.
Nach nur 83 Tagen war das Schicksal der deutschen Demokratie besiegelt.
Morgen ist wieder ein 30. Januar. Ein Tag, an dem wir uns an unser eigenes und vergangenes „Schöndenken und Schönreden“ der Gegenwart erinnern sollten und bescheiden werden bezüglich unserer Weisheit, die Welt zu verstehen.
Peter Mohler
* Frankfurter Zeitung, 1. Januar 1933, zitiert nach: Peter Ph. Mohler, Abitur 1917-1971, Frankfurt: Peter Lang, 1978, S. 12f, Hervorhebungen im Original

Warum sollte ich „Von hier an anders“ lesen?*

Robert Habeck ist in der falschen Partei, denn er sagt: „… ist der Begriff „Klimaschutz“ eigentlich falsch. Das Klima ist, wie es ist. Viel präziser wäre es, von Menschheitsschutz zu reden.“ (S. 321) Ob die Grünen ihn nach so einem Satz noch haben wollen können? Welche ansehnliche Partei könnte heute wagen, so einen als Mitglied zu haben? Sei’s drum.
Die Frage ist ja nicht nach der richtigen Partei für Robert Habeck, sondern, warum ich seine „politische Skizze“ lesen sollte, wo ich überhaupt keine Ahnung habe, was das für  ein Genre ist. Also zuerst einmal mich bilden. Gefunden habe ich: „Eine Skizze oder auch Prosaskizze ist ein für sich stehender, gleichwohl fragmentarischer, absichtlich nicht voll ausgeformter, kurzer Prosatext, der wie flüchtig hingeworfen wirkt. Er kann fiktional oder nichtfiktional sein.“ (https://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Skizze).
Nicht für voll zu nehmen, entnehme ich der Definition, gehört zum Kern einer Skizze. Flüchtigkeit, Vergänglichkeit und Oberflächlichkeit drängen sich da bei mir als weitere Begriffe hinzu. Und, wer macht die Arbeit, der Autor oder der Leser? Oder, ist die unvollständig Skizze eine Lebensversicherung gegen die  Zumutungen seiner Partei? Egal, wenn das so ist, dann ist Lesen nicht angebracht. Stattdessen passt dazu das Durchblättern eines Skizzenbuches.
Damit kann ich mich auch elegant aus dem voreiligen „ja“ herauswinden, das ich dem Blogadministrator auf seine Frage nach einer Besprechung gegeben hatte. Denn nichts ist unehrlicher als eine schnelle, auf wenigen gelesenen Seiten beruhende Besprechung. Unehrlichkeit passt nicht zur öffentlichen Figur, die Robert Habeck gibt. Deshalb folgt jetzt eine ehrliche ungelesene skizzenhafte Besprechung.
Noch in der Einleitung, S.10, springt mir das Hingeworfene des Textes ins Auge und mein Magen ruft in Vorahnung, was noch kommen könnte, leise nach Bullrich Salz. Robert sinniert über Entscheidungen von Politikern: „Oft genug werden Entscheidungen auch schlicht gar nicht getroffen, beispielsweise als letztes europäisches Land ein Tempolimit einzuführen.“ Keine Angst, ich lasse mich durch das Thema nicht zu einer inhaltlichen Äußerung hinreißen.  Mir geht es um einen kategorialen Flüchtigkeitsfehler. Wer über Politik nachsinnt und heftig mitmischt, ist sich mit hoher Wahrscheinlichkeit bewusst, dass keine Entscheidung zu einem Thema zu treffen, eine der schwierigsten und weitreichendsten Entscheidungen sein kann. Soziologen, Gott schütze ihre Sprachfähigkeit, sagen dann, sich zu etwas nicht zu verhalten ist auch ein Verhalten. Punkt. Hier denkt Robert offensichtlich so wie er spricht: zu schnell.
Ja, genau zu schnell sollte man deshalb seinen Text nicht lesen. Beispiel (S.309): „Als Hitler 1933 an die Macht kam, hatte die NSDAP 43,9% – also keine Mehrheit. Aber die Parteien aus dem konservativen Spektrum verhalfen ihr zur Macht“. Innehalten, wie war das damals? Wann wurde Hitler Reichskanzler (ist das damit gemeint „an die Macht kommen“)?
Reichspräsident Hindenburg, so alle Quellen, ernannte Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler. Die NSDAP hatte damals 33,1% Stimmen und 196 Sitze im Parlament (Wahl war im November 1932). SPD 20,4 (121 Sitze) und KPD 16,9% (100 Sitze). Robert bezieht sich offensichtlich hier jedoch auf die Wahl im März 1933, da war Adolf schon an der Macht. Das Unglück war also schon geschehen und es kam nur noch schlimmer, weil u.a. die hundert Sitze der KPD für „ungültig“ erklärt wurden, die SPD völlig alleine stand und die NSDAP deshalb nur einen kleinen Koalitionspartner, die Kampffront Schwarz-Weiss-Rot mit 8% brauchte, um im Reichstag eine Verfassungsmehrheit zu haben. Kompliziert? Ja, so ist halt die wahre Geschichte, nicht die skizzierte.
Gehen wir jetzt dann einfach mal mitten hinein ins politische Geschäft (ab S.  307). Auf zur Macht, dem Herzstück einer jeden Politik, oder ist das Herrschaft? Herr Rezensent, werden Sie nicht kleinlich, wer schert sich schon um so feine Unterschiede, wie etwa bei Besitz und Eigentum, wenn’s dem Argument dient! Schön, dann bleibe ich bei der Macht. „Neue Zeiten brauchen neue Macht“, aha. Das ist eine richtig gute Skizze aus der Werkstatt eines Mächtigen. Feine Zwischentöne, machen nachdenkliche Freude. Die Skizzenschnellschüsse kann man in diesem Kapitel fast leidlos ertragen. Kleines Beispiel für so einen Schnellschuss: „Macht entsteht also aus dem Alltag und durch das Tun bzw. der Bereitschaft und Fähigkeit, etwas zu tun, Verantwortung zu übernehmen. Das Tun erzeugt allerdings eine Hierarchie, sie etabliert einen Unterschied. Es ist eben der Koch, der kocht und nicht der Kellner. Der kellnert ja.“(S. 331)
Es lebe der deutsche Besinnungsaufsatz! Der Gag mit dem Koch und dem Kellner ist abgelutschter Politikjargon. Er unterstellt eine Hierarchie von Koch und Kellner als gegeben. So eine schlichte Argumentation ist eigentlich unter der Würde von Robert. Und auch unter meiner Leserwürde.
Sei’s drum. Hier eine kurze Auflösung: Kellner und Koch, das ist Arbeitsteilung erst mal ohne Hierarchie. Hierarchie, die Möglichkeit, Anweisungen zu geben, bestünde zwischen Oberkellner und Kellner oder Koch und Sous. Ohne Gast ist das alles außerdem wenig sinnvoll. Und da wird es doch erst spannend: Für wen kocht der Koch und wen bedient die Kellnerin? Den Gast, aha. Wer sagt hier wem was und wer macht was? Die Frau Gast sagt dem Kellner was sie bestellt, der Kellner der Köchin, was Frau Gast bestellt hat, die Köchin kocht das, sagt dem Kellner, wenn sie fertig ist, Frau Gast schluckt, wenn sie den Salat sieht und zu guter letzt zahlt Frau Gast die Zeche, die die Kellnerin kassiert.
Wo ist da die Hierarchie von Kellnerin und Koch? Alles implizit gedacht: ist der Koch auch Eigentümer des Lokals? Oder ist das die Kellnerin? Oder sind beide Eigentümer? Oder nur Angestellte von wem? Wer erhält den Reibach?
Übrigens, in der Politik werden die Gäste gerne unterschlagen, also die, die sagen, was gekocht werden soll und auch dafür zahlen, also wir, die Bürger.
Koch und Kellner klingt nach Schröders Einfachsprech. Passt nicht zu Robert. Oder doch, zu Robert Habeck, dem Mächtigen Nuschler.
Zu guter Letzt, warum soll ich Roberts Buch lesen? Nur weil der Administrator mir ein Besprechungsja abgerungen hat? Falsche Frage; das Buch ist kein Buch, sondern eine politische Skizze, hingeworfen, nicht präzise, aber deutlich genug, um zu wissen, Robert ist wirklich in der falschen Partei. Es wird an der Zeit, für Leute wie ihn und mich eine zu gründen.

Philipp Frankfurter
* Robert Habeck, Von hier an anders, Köln, 2021, 22€ gebunden

Am fünfundzwanzigsten Mai ist Corona vorbei

Warum? Weil es sich reimt. Und am dreißigsten Mai wäre ja Weltuntergang oder? Ganz im Ernst, so weit hergeholt ist das nicht, weil: derzeit fast 200 Impfstoffe in der Planung sind, bei 9 läuft Phase III der Erprobung, 2 sind in der EU zugelassen, Indien, China und Russland haben eigene Impfstoffe und fast jeden Tag kommt ein neuer Impfstoff in die Erprobung.* Es lohnt sich einfach Impfstoff herzustellen. Wenn etwas in dieser Pandemie exponentiell wachsen wird, dann die Menge an guten Impfstoffen. Nicht lange und die Impfzentren werden abgebaut, weil es auch im Kaufhaus geht (fahren Sie nach Moskau).
Deshalb ist der fünfundzwanzigste Mai nicht nur ein Reim.
Und was macht Spahn danach? Das ist doch die große Frage. Wird es ihm gelingen Corona künstlich bis zur Wahl am Leben  zu halten? Werden die Grünen das zulassen? Werden die Sozialwissenschaftlern den Virologen und Physikern endlich mal die Datenleviten lesen?
Dennoch, der Mai wird kommen, die Bäume werden ausschlagen und wir über die Stränge.
Peter Mohler

*https://www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/woran-wir-forschen/impfstoffe-zum-schutz-vor-coronavirus-2019-ncov

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