Wilder Südwesten

Schlagwort: Deutschland

Übersetzungsfehler, Missverständnisse oder schlicht Propaganda?

Als stolzer neuer Besitzer einer Stanley Classic Camp Mug lese ich doch erst einmal die Gebrauchsanleitung. Da steht zu Pflege und Gebrauch „Befüllen Sie die Flasche nicht mit heißer Flüssigkeit.“ Interessant, ist es doch ein Thermobecher. Also gehen wir zum Englischen über. Da steht „Do not overfill with hot liquids.“ (ähnliches auch im französischen Teil). Aha, gemeint ist „nicht zu voll machen“ oder so. Alles klar, schlampig übersetzt, typisch Gebrauchsanleitung, kleines Gelächter erlaubt.

Gehen wir jetzt mal zu CBS 60 Minutes Sendung zu Internet und Deutschland (kann man googeln). Was sagt z.B. Gunter Frank in Achgut dazu: „Man sieht kichernde, feixende, übereifrige Beamte, die sich über ihre Delinquenten lustig machen. Sie merken gar nicht, wie sie von der amerikanischen Journalistin in souverän professioneller Weise vorgeführt werden. Man sieht den hässlichen Deutschen, so wie man ihn in ausländischen Filmen über die Nazizeit bewundern kann. Doch diesmal nicht als Schauspieler, sondern in echt.

Oh weh, das sitzt, aber halt, was hören wir in der Quelle? Den Rahmen setzt die Anmoderation und der Schluss, aber auch der Titel ist aufschlussreich: „Policing the internet in Germany, where hate speech, insults are a crime“.  Und jetzt aus der Anmoderation (meine Transkription): „… lies and harrasment have unfortunately become the norm online… in the United States most of what anyone says, sends or streams online, even if it is hateful or toxic, is protected by the first amendment as free speech. But Germany is bringing some civility to the World Wide Web…” danach folgen u.a. Interviews mit Staatsanwälten, die erklären, wie im deutschen Recht zwischen Meinungsfreiheit und Beleidigung etc. abgewogen wird. Und in der Abmoderation hört man folgendes „.. but in Lower Saxony prosecutors argue they are protecting democracy and discourse by introducing a touch of German Order to the unruly World Wide Web..”.

Da hat Gunter Frank aber wohl schon abgeschaltet, sonst kämen er und auch andere möglicherweise eher auf Krawall Gestrickte nicht zu ihren Interpretationen.

Das sieht nicht nach schlampiger Übersetzung aus, auch nicht nach Missverständnis, sondern erscheint schlicht Propaganda wie aus dem Lehrbuch: nehme eine Aussage und stopfe sie umgedreht dem Anderen ins Maul.

Gemach, das wird hier kein Bashing konservativ sich nennender Publizisten. Es geht auch andersherum. Nehmen wir die vielzitierte Rede von Vizepräsident Vance in München. Überschrift des Spiegel (online): „J.D. Vance rät deutschen Parteien zur Zusammenarbeit mit der AfD – Die Rede des US-Vize auf der Münchner Sicherheitskonferenz wird mit Spannung erwartet. In einem Interview kritisiert Vance vorab seine europäischen Partner und rät zu Koalitionen mit Rechts-außen-Parteien.“

Gut dann quälen wir uns selbst, schauen die Rede im Web an und …. hören nicht das , was der Spiegel schreibt. Aber man kann sich ja auch verhören. Also Chatgpt gequält und in mindestens fünf Stufen versucht, so etwas wie „Zusammenarbeit“ oder „Kooperation“ aus der Rede heraus- besser gesagt hineinzuinterpretieren. Nicht möglich, nichts gefunden. Ausser folgender Stelle: „Now again, we don’t have to agree with everything or anything that people say, but when people represent, when political leaders represent an important constituency, it is incumbent upon us to at least participate in dialogue with them.”

Dazu gibt es ein berühmtes Zitat, das wechselweise Voltaire oder Friedrich dem Großen oder beiden zugeschrieben wird. „Ich missbillige, was du sagst, aber ich werde bis zum Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen“ (laut Internet soll es tatsächlich von Evelyn Beatrice Hall stammen – The Life of Voltaire, 1903).

Zurück zum Spiegel und Achgut; an welcher lichterloh brennenden Schnapsfabrik mit angrenzender Haschplantage fahren so viele neuerdings vorbei, wenn es um das Fertigmachen eines Andersdenkenden geht? Liebe Leute, wenn die Quellen zugänglich sind, dann denkt Euch bitte eine bessere Kritik aus. Im übrigen gebe ich gerne zu, eventuell alles falsch verstanden zu haben. Dann lass uns darüber streiten.

 

Warum sollte ich „Von hier an anders“ lesen?*

Robert Habeck ist in der falschen Partei, denn er sagt: „… ist der Begriff „Klimaschutz“ eigentlich falsch. Das Klima ist, wie es ist. Viel präziser wäre es, von Menschheitsschutz zu reden.“ (S. 321) Ob die Grünen ihn nach so einem Satz noch haben wollen können? Welche ansehnliche Partei könnte heute wagen, so einen als Mitglied zu haben? Sei’s drum.
Die Frage ist ja nicht nach der richtigen Partei für Robert Habeck, sondern, warum ich seine „politische Skizze“ lesen sollte, wo ich überhaupt keine Ahnung habe, was das für  ein Genre ist. Also zuerst einmal mich bilden. Gefunden habe ich: „Eine Skizze oder auch Prosaskizze ist ein für sich stehender, gleichwohl fragmentarischer, absichtlich nicht voll ausgeformter, kurzer Prosatext, der wie flüchtig hingeworfen wirkt. Er kann fiktional oder nichtfiktional sein.“ (https://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Skizze).
Nicht für voll zu nehmen, entnehme ich der Definition, gehört zum Kern einer Skizze. Flüchtigkeit, Vergänglichkeit und Oberflächlichkeit drängen sich da bei mir als weitere Begriffe hinzu. Und, wer macht die Arbeit, der Autor oder der Leser? Oder, ist die unvollständig Skizze eine Lebensversicherung gegen die  Zumutungen seiner Partei? Egal, wenn das so ist, dann ist Lesen nicht angebracht. Stattdessen passt dazu das Durchblättern eines Skizzenbuches.
Damit kann ich mich auch elegant aus dem voreiligen „ja“ herauswinden, das ich dem Blogadministrator auf seine Frage nach einer Besprechung gegeben hatte. Denn nichts ist unehrlicher als eine schnelle, auf wenigen gelesenen Seiten beruhende Besprechung. Unehrlichkeit passt nicht zur öffentlichen Figur, die Robert Habeck gibt. Deshalb folgt jetzt eine ehrliche ungelesene skizzenhafte Besprechung.
Noch in der Einleitung, S.10, springt mir das Hingeworfene des Textes ins Auge und mein Magen ruft in Vorahnung, was noch kommen könnte, leise nach Bullrich Salz. Robert sinniert über Entscheidungen von Politikern: „Oft genug werden Entscheidungen auch schlicht gar nicht getroffen, beispielsweise als letztes europäisches Land ein Tempolimit einzuführen.“ Keine Angst, ich lasse mich durch das Thema nicht zu einer inhaltlichen Äußerung hinreißen.  Mir geht es um einen kategorialen Flüchtigkeitsfehler. Wer über Politik nachsinnt und heftig mitmischt, ist sich mit hoher Wahrscheinlichkeit bewusst, dass keine Entscheidung zu einem Thema zu treffen, eine der schwierigsten und weitreichendsten Entscheidungen sein kann. Soziologen, Gott schütze ihre Sprachfähigkeit, sagen dann, sich zu etwas nicht zu verhalten ist auch ein Verhalten. Punkt. Hier denkt Robert offensichtlich so wie er spricht: zu schnell.
Ja, genau zu schnell sollte man deshalb seinen Text nicht lesen. Beispiel (S.309): „Als Hitler 1933 an die Macht kam, hatte die NSDAP 43,9% – also keine Mehrheit. Aber die Parteien aus dem konservativen Spektrum verhalfen ihr zur Macht“. Innehalten, wie war das damals? Wann wurde Hitler Reichskanzler (ist das damit gemeint „an die Macht kommen“)?
Reichspräsident Hindenburg, so alle Quellen, ernannte Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler. Die NSDAP hatte damals 33,1% Stimmen und 196 Sitze im Parlament (Wahl war im November 1932). SPD 20,4 (121 Sitze) und KPD 16,9% (100 Sitze). Robert bezieht sich offensichtlich hier jedoch auf die Wahl im März 1933, da war Adolf schon an der Macht. Das Unglück war also schon geschehen und es kam nur noch schlimmer, weil u.a. die hundert Sitze der KPD für „ungültig“ erklärt wurden, die SPD völlig alleine stand und die NSDAP deshalb nur einen kleinen Koalitionspartner, die Kampffront Schwarz-Weiss-Rot mit 8% brauchte, um im Reichstag eine Verfassungsmehrheit zu haben. Kompliziert? Ja, so ist halt die wahre Geschichte, nicht die skizzierte.
Gehen wir jetzt dann einfach mal mitten hinein ins politische Geschäft (ab S.  307). Auf zur Macht, dem Herzstück einer jeden Politik, oder ist das Herrschaft? Herr Rezensent, werden Sie nicht kleinlich, wer schert sich schon um so feine Unterschiede, wie etwa bei Besitz und Eigentum, wenn’s dem Argument dient! Schön, dann bleibe ich bei der Macht. „Neue Zeiten brauchen neue Macht“, aha. Das ist eine richtig gute Skizze aus der Werkstatt eines Mächtigen. Feine Zwischentöne, machen nachdenkliche Freude. Die Skizzenschnellschüsse kann man in diesem Kapitel fast leidlos ertragen. Kleines Beispiel für so einen Schnellschuss: „Macht entsteht also aus dem Alltag und durch das Tun bzw. der Bereitschaft und Fähigkeit, etwas zu tun, Verantwortung zu übernehmen. Das Tun erzeugt allerdings eine Hierarchie, sie etabliert einen Unterschied. Es ist eben der Koch, der kocht und nicht der Kellner. Der kellnert ja.“(S. 331)
Es lebe der deutsche Besinnungsaufsatz! Der Gag mit dem Koch und dem Kellner ist abgelutschter Politikjargon. Er unterstellt eine Hierarchie von Koch und Kellner als gegeben. So eine schlichte Argumentation ist eigentlich unter der Würde von Robert. Und auch unter meiner Leserwürde.
Sei’s drum. Hier eine kurze Auflösung: Kellner und Koch, das ist Arbeitsteilung erst mal ohne Hierarchie. Hierarchie, die Möglichkeit, Anweisungen zu geben, bestünde zwischen Oberkellner und Kellner oder Koch und Sous. Ohne Gast ist das alles außerdem wenig sinnvoll. Und da wird es doch erst spannend: Für wen kocht der Koch und wen bedient die Kellnerin? Den Gast, aha. Wer sagt hier wem was und wer macht was? Die Frau Gast sagt dem Kellner was sie bestellt, der Kellner der Köchin, was Frau Gast bestellt hat, die Köchin kocht das, sagt dem Kellner, wenn sie fertig ist, Frau Gast schluckt, wenn sie den Salat sieht und zu guter letzt zahlt Frau Gast die Zeche, die die Kellnerin kassiert.
Wo ist da die Hierarchie von Kellnerin und Koch? Alles implizit gedacht: ist der Koch auch Eigentümer des Lokals? Oder ist das die Kellnerin? Oder sind beide Eigentümer? Oder nur Angestellte von wem? Wer erhält den Reibach?
Übrigens, in der Politik werden die Gäste gerne unterschlagen, also die, die sagen, was gekocht werden soll und auch dafür zahlen, also wir, die Bürger.
Koch und Kellner klingt nach Schröders Einfachsprech. Passt nicht zu Robert. Oder doch, zu Robert Habeck, dem Mächtigen Nuschler.
Zu guter Letzt, warum soll ich Roberts Buch lesen? Nur weil der Administrator mir ein Besprechungsja abgerungen hat? Falsche Frage; das Buch ist kein Buch, sondern eine politische Skizze, hingeworfen, nicht präzise, aber deutlich genug, um zu wissen, Robert ist wirklich in der falschen Partei. Es wird an der Zeit, für Leute wie ihn und mich eine zu gründen.

Philipp Frankfurter
* Robert Habeck, Von hier an anders, Köln, 2021, 22€ gebunden

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