Wilder Südwesten

Kategorie: Soziologen Welt (Seite 2 von 3)

Die neue Wirklichkeit

Ein Jahr Pandemie, für viele Zeit und Anlass, „zurückzublicken“. (Warum eigentlich nach genau einem Jahr? So wie die berühmten 100 Tage im Amt einer Politikerin. Als ob man in einer so kurzen Zeit wirklich etwas verstehen, gar verändern könnte…). Keine Angst, ich will das hier nicht tun, aber eines dann doch sagen. Die meisten Zusammenfassungen beginnen mit einem vermeintlichen Allgemeinplatz, den ich mir nur ganz kurz genauer anschauen muss (ganz kurz, weil ich schon bald Philip Frankfurter corona-konform beim Italiener treffe und bitten muss, bei uns zu bleiben).

Ein Jahr Pandemie liegt hinter uns, ein Jahr im Ausnahmezustand.

Diese Gleichsetzung beschäftigt mich, denn der Zeitraum „ein Jahr“ und der Begriff „Ausnahmezustand“ wollen einfach nicht zusammengehen in meinem Köpfchen. Und ist nicht genau das auch das Problem an der ganzen Sache?! Dass wir so tun, als wäre das ein kurzer und schlimmer Ausnahmezustand, der bald schon zu Ende geht und danach alles wieder „normal“ ist?! Ich komme mir ja fast wie auf Armin Laschets „Brücke“ ins Nirgendwo vor, die den Lockdown da unten überbrücken soll. Oder noch besser, wie in der SPD, wo viele immer noch meinen, die 16% seien eine Talsohle, die man durchschreiten müsse, aber schon bald wieder zu den alten Zuständen zurückkehre. Wo nehmen die Leute nur diese Annahmen her? Ich glaube ich weiß es: Angst. Angst und Unsicherheit, was stattdessen kommt, wenn das Altbekannte einfach wegbleibt.

Ich glaube eher, dass wir gerade in der neuen Wirklichkeit angekommen sind. Sicher, irgendwann sind wir geimpft, und tatsächlich wird die Lockdownerei (schönes Wort finde ich) ein Ende haben. Aber vieles, was geschehen ist, wird bleiben. Kleine Verletzungen im Privaten, dass man sich mit Familie und Freunden uneinig ist übers Impfen, oder den Gang in den Kindergarten (oder eben nicht), mit wie vielen man den (vielleicht letzten) Geburtstag der Oma feiern kann/sollte/darf/nicht darf. Und natürlich im Großen: Wie sich eine letzte Volkspartei selber zerlegt hat, einen schlechten, sehr schlechten Vorsitzenden wählte, demontierte, wieder mal fast wie in der SPD. Wie wir erlebt haben, dass grundlegende Reflexionsmechanismen in der Politik nicht mehr (oder noch nie?!) da waren: das, was man tut, erklären zu können, Gründe angeben, warum man so handelt wie man handelt. Und noch vieles mehr. Ein Satz, ich kann es kaum glauben, von Jens Spahn, der sicher zutrifft, war: Wir werden uns viel verzeihen müssen. Richtig. Aber dann doch nicht alles Herr Spahn. Schauen wir, was noch kommt, mehr können wir nicht tun. Ich muss jetzt auch, Sie wissen, der Frankfurter…

Nur noch eines: Irgendwann werden wir auch verstehen, dass Frau K-K’s „Freiwilligendienst im Heimatschutz“ nur ein Chiffre für den jämmerlichen Versuch ist, nach rechts Abgewanderte wieder in die CDU zu bringen. Denn die Leute können weder das Eine noch das Andere gescheit. Ciao, und guten Appetit an alle!
David Emling

 

Gesund ernährt und treibt Sport, aber….

Habe ich mich doch vertippt. „Gut ernährt…“ geschrieben. Nein, das war ein uralter Gedanke, damals, sehr lange her, konnte man so etwas sagen. „Gesund“ muss das Magenfüllen heute sein. Damit kann man alles Übel wegessen. Wenn dann noch Sport dazu kommt, kann ja nichts mehr passieren. Oder? Und falls doch etwas passiert, dann heißt es „gesund ernährt und treibt Sport, aber…“. Egal, ob die Knochen gebrochen sind, das Bindegewebe altert, Zellen mutieren, oder der graue Star die Linse trübt.
Ganz eindeutig besteht hier ein statistischer Zusammenhang mit der Häufigkeit des Kirchganges. Die rapide Abnahme des Kirchganges geht einher mit rasant steigender Unwirksamkeit gesunder Ernährung und unvernünftigen Sportes. Ohne der Kirche Segen geht halt nichts. Und dabei haben wir geglaubt, die alten Vorstellungen eines kirchlich gottgefälligen Lebens seien ein Aberglaube (bitte notieren Sie den Unterschied zwischen gottgefälligem Leben und kirchenamtlich gottgefälligem Leben). Wenn das alte Kirchenamtliche Hokuspokus war, warum korreliert es dann so stark mit dem gesunden Neuen? Ist das vielleicht auch nur Hokuspokus, auch bekannt als Konsumterror?  Oder hat sich der Verfasser vielleicht nicht gesund ernährt?
Peter Mohler

 

Spiegel der Ahnungslosigkeit

Der SPIEGEL, Deutschlands selbsternannte führende Nachrichtenseite, ist ein Hort der Ahnungslosigkeit und das nicht wegen der Relotiusaffäre. Nein, die ahnungslosen Redakteure vertrauen bei Wahlen auf  Umfragen, die CICERO schon 2019 als schädlich für unsere Demokratie bezeichnete.*
Nun habe ich im November des letzen Jahres einen Einblick in die Suppenküche der Wahlumfragen gegeben.** Wie jeder weiß, ist Suppenkochen keine Wissenschaft, sondern eine praktische Tätigkeit. Genauso ist das mit der Umfrageforschung. Sie ist, wenn gelungen, eine herausragende Ingenieursleistung, welche die Kritik der Kathedermethodiker blass aussehen lässt. Aber um die geht es heute  nicht.
Hier geht es um die „Geiz ist geil“ Umfragen, über die CICERO zu recht herzieht. Aus aktuellem Anlass, wegen der morgigen Wahlen dazu das Wesentliche, warum der Spiegel ein Tal der Ahnungslosen ist.
Dazu ein kurzer Blick auf die Methodik der Spiegelumfragen***:
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen voll automatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt (»Riversampling«), es werden also nicht nur Nutzer des SPIEGEL befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern.“
Halten wir fest: wer immer auf irgendeiner Website auf die Civey-Werbung stößt, kann sich registrieren und an Umfragen teilnehmen. Civey bastelt sich zuvor ein kleines Modell der deutschen Gesellschaft an Hand von Alter, Geschlecht (wie vielen Geschlechtern?), Stadt-Land (Bevölkerungsdichte) usw. Wer da nicht hineinpasst, kommt nicht in die Auswertung (dessen Stimme wird weggeworfen). Ein zweites Modell, das man nur erahnen kann, nimmt sich wahrscheinlich alte Umfragen vor und schaut dort nach Zusammenhängen zwischen Einstellungen (Civey nennt das Wertvorstellungen, was ein Graus) und Verhalten. Wenn also das Wählen der FDP irgendwie mit Freude am Denken korreliert (statistisch zusammenhängen könnte), oder das Wählen der SPD mit Freude am Wein, das der CDU mit Freude am Pfeffer, das der Grünen mit Badefreuden, der Linken mit Lippenstiftnutzung oder ähnlichem Unsinn der aus den den Daten herausploppt, schlägt das Civey Modell „automatisch“ zu. Wobei „automatisch“ schlicht ein Synonym für „Computerprogramm“ ist, das Menschen gemacht haben. Mit dem „Zuschlagen“ ist die wundersame Vermehrung oder Verminderung einer Person gemeint. Wenn eine Person 1 ist, dann sind zwei Personen 2. Soweit so gut. Wenn jedoch in dem Menschenkonglomerat, von Civey Stichprobe genannt, zu wenige Lippenstiftnutzende mögliche Linke sind, dann werden diese rechnerisch aufgeblasen: sie sind dann nicht mehr 1 sondern etwa 1,3. Zugleich werden die weinseligen SPDler reduziert auf, sagen wir 0,9, weil es von denen zu viele gibt. Das wird, wie Sie sich vorstellen können, ein ziemlich undurchsichtiges rauf- und runterrechnen, wenn Sie an die anderen Parteien denken. Irgendwann ist dann aber Schluss damit und es stehen da dann irgendwelche Zahlen auf dem Bildschirm.
Und da wird es dann richtig lustig. Der Spiegel berichtet am 10. März 2021 ein „Kopf an Kopf Rennen „ zwischen SPD und CDU in Rheinland-Pfalz (wann gab es die letzte „klare Wahl“ in Deutschland) 31% zu 30%. Aha, sagt der kleine Statistiker, das ist doch völliger Unsinn, denn „statistisch“ gesehen geht das nicht. Der berechnete Unterschied liegt doch im Unschärfebereich der Statistik, oder? Ja und Nein. Ja, wenn Civey eine sogenannte Zufallsstichprobe, besser „Wahrscheinlichkeitsstatistische Stichprobe Nach Neyman-Pearson“, gezogen hätte. Dann liesse sich ein Stichprobenfehler berechnen, der im übrigen immer wesentlich kleiner ist als die gesamte Ungenauigkeit einer Umfrage (Total Survey Error, lässt sich bingen oder googeln). Civey macht das aber nicht, wie oben ausgeführt. Civey macht eine Quotenstichprobe mit preiswertem Internetfischzug. Da kann man keinen Stichprobenfehler berechnen. Geht einfach nicht, auch wenn Civey sagt: „In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt.“ Wie gesagt, Geiz ist geil, aber so billig kommen die uns nicht davon.
Denn, mit Schlagwörtern wie „automatisch“, „Internet“, „viele Leute“, „statistischer Fehler“ kann man zwar Spiegelredakteuren etwas vormachen, nicht aber Ihnen, nachdem sie CICERO und das hier gelesen haben. Schade um das Geld.
Was heißt das nun für das Wahlergebnis in Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg? Hier gehe ich einen Schritt zurück zur Ingenieursleistung der Umfrageforschung. Das Modell, das ich mir von Deutschland mache, beruht auf langer Erfahrung mit Wahlen, Umfragen und dem Leben in Deutschland. Erfahrung hat gelegentlich den Nachteil, dass sie blind gegen Neues macht. Das Neue ist Corona. So ein Jahr wie das letzte sprengt unsere Erfahrung. Wir wissen nicht, ob die alten Zusammenhänge von Pfeffer, Wein oder Lippenstift mit Parteien noch gelten. Das müssen wir erst noch erfahren. Weil die Computerprogramme von Civey und anderen diese neue Erfahrung noch nicht enthalten, sind sie prinzipiell falsch. Und damit sind auch die Ergebnisse der sogenannten Umfragen nur mit spitzen Fingern in feuerfesten Handschuhen anzufassen.
Wenn es morgen für die Umfragen nach Civey et al. „gut“ geht, war das reines Glück, keine Ingenieurskunst. Wenn es nicht „gut“ geht? Sie sind gewarnt. In diesem Sinne, bleiben Sie negativ.
Peter Mohler
* Thomas Perry  2019 in www.cicero.de/wirtschaft/civey-yougov-umfragen-meinungen-empirie-methoden-demokratie
** https://blog4587.eu/soziologen-welt/wer-umfragt-kann-sich-irren/
*** https://www.spiegel.de/backstage/die-methodik-hinter-den-civey-umfragen-a-b50353b3-b072-43c8-ab70-7fab20d48710

Von Flickenteppichen und Jo-Jo-Effekten

Ich sage das, was alle sagen: Es ist schon ein Leid mit den Corona-Beschlüssen. Über Stufenpläne, die schon seit einem Jahr vorliegen könnten, wird neun Stunden debattiert. Die Kanzlerin sagt, man müsse wohl allmählich über langfristige Strategien im Schulbereich nachdenken (was sonst?!), und ach Gott: die Schnelltests dauern natürlich noch schnelle vier Wochen. Darum aber geht’s mir gar nicht, sondern: Im Zuge der Generalkritik von allen an allem finden sich auch immer die gleichen Begriffe, die ich mir ein weniger genauer anschauen will. Besonders prominent vertreten sind der „Flickenteppich“ und der „Jo-Jo-Effekt“.
Zum Ersten: Ein Flickenteppich ist wohl ein Teppich, der aus vielen kleinen Stücken zusammengeflickt ist. Das ist erst einmal nicht schlimm, denn alte Einzelstücke von Restteppichen zu verwerten ist doch voll nachhaltig, oder? Dennoch beschwert sich jeder und vor allem, warnt mit erhobenem Zeigefinger vor einem „Flickenteppich“ aus unterschiedlichen Verordnungen quer durch die Bundesrepublik. Und das wird dann garniert mit dem dringenden Appell an alle, doch bitte einheitliche Lösungen zu suchen. Das klingt doch klasse, wer will da widersprechen?!
Zum Zweiten: Der Jo-Jo-Effekt ist ein Begriff, den ich selber ganz gut kenne. Denn wer wie ich einen – wie wir Pfälzer sagen – stattlichen Ranzen durch die Gegend trägt, hat ihn sicherlich schon erlebt, den Jo-Jo-Effekt, also dass das Gewonnene (also hier: weniger Gewicht) wieder verschwindet und es sogar noch schlimmer wird (man wiegt mehr als vorher; bei mir: acht Wochen USA-Urlaub, schon war’s geschehen…).
Nun stört mich an dieser Redeweise folgendes: Wäre ein Jo-Jo-Effekt, würde er tatsächlich eintreten, denn so schlimm? Genau wie beim Gewicht hieße das doch immerhin, dass die Lage mal vorher deutlich besser gewesen war. Oder soll ich lieber dauerhaft meinen Ranzen behalten anstatt wenigstens zu versuchen, ihn etwas zu verkleinern, auch wenn immer die Gefahr besteht, dass er zurückkommt? Übersetzt hieße das: Hätten wir zwischendurch wenigstens versucht, Schulen und Kitas und anderes zu öffnen (stufenweise, regional unterschiedlich), hätten viele Kinder wieder ein Stück Alltag gehabt. Und es wäre ihnen besser ergangen, Spanien und Italien haben es vorgemacht, aber bitte: von anderen lernen, das geht zu weit. Der Flickenteppich derweil wird deshalb ins Feld geführt, weil es impliziert, es gäbe nahezu überall unterschiedliche Regeln. Das ist richtig, und die Frage ist auch hier: Ist das so schlimm? Oder ist es nicht mehr als angebracht, in unterschiedlichen Regionen (oder Landkreisen z.B.) je nach Ausbreitung des Virus unterschiedliche Maßnahmen zu ergreifen? Kann ich dem Kollegen aus Pirmasens guten Gewissens den Cafébesuch abschlagen, weil wir in Germersheim gerade durch die Decke gehen?
Hier kommen typische deutsche Angewohnheiten zusammen: Die Angst vor allzu schneller Veränderung  führt zu übervorsichtigen Minischritten, die aber in einer Pandemiesituation nix bringen. Und dazu kommt die Sehnsucht nach Einheit, nach bundesweit „klaren“ Regeln, was auch immer die heißen mögen (warum nicht weltweit?). Da muss ich doch den flammenden Föderalisten heraushängen und sagen: Nix da, ich bin froh, dass in Rheinland-Pfalz Regeln gelten, die eine Landesregierung aufstellt, die zumindest in etwa weiß, wie es bei uns aussieht. Merkel et al. wissen das sicher nicht. Aber so ein Schwenk ins Autoritäre hat natürlich was: Man kann die Augen zumachen und hoffen, alles werde gut. Statt hoffen könnte ich auch sagen „glauben“. Wie beim lieben Herrgott, friss hier auf Erden genug Dreck und sei ruhig, im Paradies wirst du dafür belohnt.
Wir leben aber hier und jetzt – das sollte auch ganz schön sein, oder?! 
David Emling

Gefallsucht

Radio an, Küche putzen, Svenja Flaßpöhler spricht zu Feminismus.* Und da gibt es auch ein Buch dazu.** Gleich bestellt und in einem Rutsch gelesen. So geht es los: „Rechtlich ist das Patriachat passé. Die potente Frau hat es auch psychisch überwunden.
Scham und Gefallsucht hat sie abgestreift wie ein altes Kleid. Ihr Zugang zur Lust: unmittelbar.“
Gefallsucht, was für ein Wort. Seit 75 Jahren nicht gehört. Da klingelt etwas in des Soziologen Ohr. Da, ja, da ist es jenseits des Feminismus: Meinungsumfragen als Opioid der Mächtigen. In Umfragen gefallen, positiv bewertet werden. Eine weitverbreitete Sucht. Fällt Ihnen da auch etwas auf?
Zurück zu Svenja Flaßpöhler, wer die Gefallsucht abstreift, erhöht sein Potential, seine Möglichkeiten, erweitert seinen Möglichkeitshorizont, wie die Luhmaenner sagen würden. Anders gesagt, wer gefallsüchtig auf Umfragen baut, schöpft sein Potential nicht aus.
Das gilt nicht nur für die Mächtigen in der Politik, sondern auch für alle anderen. Zum Beispiel die Medien (die ohne Kristallkugel): was für ein künstlerisches Potential ruht da tief unterkühlt im Schreibtisch des Intendanten (Neutrum, dazu kommt noch ein Blog). Auch Virologen sind neuerdings von Gefallsucht befallen. Nein, nicht neuerdings, es gibt nichts eitleres als ein Wissenschaftler (Neutrum), empfindlich gegen Kritik, völlig der Gefallsucht verfallen. Was wäre, wenn die Medien, die Wissenschaft und die Politik ihr Potential anzapften?
Wäre das auszuhalten? Zugang zu Information: unmittelbar, Zugang zu Wissen: unmittelbar, Zugang zur Macht: unmittelbar. Klasse. Danke Svenja.
Peter Mohler
* https://www.swr.de/swr2/wissen/starke-frauen-svenja-flasspoehler-fordert-verlasst-die-opferrolle-100.html
** Svenja Flaßpöhler, Die potente Frau, 2018 (6. Auflage 2020), Ullstein, Berlin

Wie weit kann es gehen oder muss oder soll? Das Manifest der 185*: Reden wir darüber, damit wir nicht mehr darüber reden müssen.

Mit Überschriften ist es so ein Kampf. Nicht selten, dass der Text fertig ist aber die Überschrift fehlt. Sie soll das Kommende ankündigen und dafür interessieren, aber nichts vorwegnehmen. Und dann auch noch gut klingen. Gar nicht einfach. Hier stimmt wenigstens die Andeutung „können, müssen und sollen“, drei Begriffe, die verschiedene Ebenen symbolisieren, jedoch im „Manifest der 185“ und der folgenden Debatte vermischt werden. Und nicht unbedingt zum Positiven.

Erstens: Was will der Aufruf bezwecken? Wachrütteln, aufmerksam und sensibel machen für ein wichtiges Thema. Gut, absolut in Ordnung, es ist wichtig, die Mechanismen und Missbräuche aufzudecken und dazu die Leerstellen, die niemand im Blick hat. Zumindest in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in den Debatten der Zeitungen, Feuilletons und Blogs (wie hier) haben wir das schon lange. Von den sogenannten „sozialen Medien“ ganz zu schweigen, die Skandale nun einmal überall „sehen“ wollen oder müssen. In anderer Hinsicht aber wird es problematisch: Wie einige gute Rechercheure festgestellt haben, fehlt bei dem Aufruf die Alterskohorte der Männer von 30-50 Jahren. Ulrich Matthes et.al sind dabei, gut so, aber für die ist das Risiko, bei aller Liebe, gering. Was heißt das? Ist der Aufruf selbst oberflächlich, weil ein wesentlicher Teil der Betroffenen nicht dabei ist, sich vielleicht nicht traut? Oder ist er ein gewichtiger Beweis, wie wichtig und notwendig das Nach-Außen-Treten ist, eben weil sich nach wie vor viele nicht trauen, sich zu outen?
Zweitens: Was impliziert der Aufruf? Die Bitte, prominent vorgetragen von Ulrike Folkerts, dass doch bitte jeder alles spielen können muss oder soll. Da sage ich voller Inbrunst: Gut so! Genau! Die Stoßrichtung ist klar: Ich bin eine lesbische Frau, darf, soll und muss aber eine in Trauer versinkende heterosexuelle Mutter spielen dürfen, die ihre tote Tochter vermisst und ihren Mann verflucht. Dann fragen wir weiter: Warum verzichtete Scarlett Johansson vor zwei Jahren auf die Rolle des Transmannes Dante Gill im Film „Rub & Tug“? Weil wieder einmal die berühmten „sozialen Medien“ angeführt von einigen apokalyptischen Reiter*innen ihr vorwarfen, sie würde Transgender jeglicher Art nicht „repräsentieren“ können, da sie eben eine heterosexuelle Frau sei. Oder Julianne Moore, die neulich kritisch hinterfragte, ob sie die Rolle in „The kids are alright“ gut spielen konnte, da sie eben keine lesbische Frau sei (Spoiler: ja!, konnte sie!). Wer hier einen krassen Widerspruch sieht, der hat Recht. Punkt.
Drittens: Hier könnten wir aufhören und sagen: Was für die einen gilt, sollte auch für die anderen gelten. Oder?! Nun ja, jetzt wird’s kompliziert, denn der eigentümliche Begriff der Repräsentation kommt ins Spiel. Nein, es ist halt nicht das exakt Gleiche, denn Heterosexuelle sind zweifellos anders repräsentiert im Film- und Kunstgewerbe als LGBT. Daraus folgt: Ungleiches auch ungleich behandeln, genau hinschauen, ermutigen und fördern, wo es nur geht. Was nur so elend nervig und bescheuert bleibt, ist die Forderung gegenüber Scarlett Johansson, auf die Rolle zu verzichten, eben weil sie kein Transgender ist. Denn dann rückten wir genau das Merkmal in den Vordergrund, das doch alle Aufrufe und Initiativen dieser Welt im Hintergrund sehen wollen: die sexuelle Identität, und dass sie als Grund herhalten muss, jemandem eine Rolle, einen Job oder was auch immer zu verweigern. Nicht versteckt soll sie werden, aber einfach nicht mehr relevant für Entscheidungen sein.
Was sehen wir? Es vermischt sich ein gesellschaftlich-moralischer Diskurs mit einem künstlerischen. Wir wollen alle offen sein, jeden nach seiner Façon leben lassen, und dafür lohnt es sich, genau hinzuschauen. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Die Kunst aber hat vor allem die Aufgabe, dies zu reflektieren. Sie soll selbst hinterfragen, nicht in dem anderen aufgehen. Moral war schon immer so eine Sache – und die Kunst war oft genug da, ihr die hässliche Maske zu entreißen. Verzichten wir nicht darauf, indem wir über Themen sprechen, die im Jahr 2021 nicht mehr der Rede wert sein sollten.

David Emling
* Wir sind schon da. In: Zeit Magazin, 5/21, 4. Februar 2021

Am Vorabend eines 30. Januar

Dreißig Tage vor dem 30. Januar 1933 schrieb die Frankfurter Zeitung in einem Rückblick auf das vorangegangene Jahr 1932: „… so ist im Verlauf des beendeten Jahres tatsächlich eine …. politische Entspannung von großer Bedeutung eingetreten: der gewaltige nationalsozialistische Angriff auf den demokratischen Staat ist abgeschlagen und durch einen mächtigen Gegenangriff aus der Sphäre Papen-Schleicher beantwortet worden… der aber in die Reihen der NSDAP große Verwirrung getragen hat: Millionen von Anhängern sind dieser Partei verloren gegangen… Die Parteien haben erneut gelitten in diesem Jahr, … aber die Demokratie hat nicht weiter gelitten; sie hat während des letzten Jahres geradezu einen Triumph erlebt. … Denn die politische Grundtendenz wird bestimmt durch die Tatsache der Entzauberung der NSDAP.“*
In den folgenden drei Monaten, genauer 83 Tagen, wurde die deutsche Demokratie zerlegt und abgeschafft. Am 4. Januar traf sich Papen mit Hitler, um den amtierenden Kanzler Schleicher zu stürzen. Weitere Gespräche folgten, bis dann Staatspräsident Hindenburg Adolf Hitler am 30. Januar zum Reichskanzler ernannte. Zwei Tage später löste Hindenburg den Reichstag auf. Nach weiteren drei Tagen wurde die Kommunistische Partei per Verordnung verboten, drei Wochen später, nach dem Brand des Reichstages, wurden am 28. Februar die Bürgerrechte abgeschafft. Am 5. März, 35 Tage nach Amtsantritt Hitlers, fanden Neuwahlen statt, die nicht mehr frei waren. 14 Tage später trafen die ersten Gefangenen im KZ Dachau ein (22. März 1933), zwei Tage später wurde die Diktatur mit dem Ermächtigungsgesetz festgeschrieben.
Nach nur 83 Tagen war das Schicksal der deutschen Demokratie besiegelt.
Morgen ist wieder ein 30. Januar. Ein Tag, an dem wir uns an unser eigenes und vergangenes „Schöndenken und Schönreden“ der Gegenwart erinnern sollten und bescheiden werden bezüglich unserer Weisheit, die Welt zu verstehen.
Peter Mohler
* Frankfurter Zeitung, 1. Januar 1933, zitiert nach: Peter Ph. Mohler, Abitur 1917-1971, Frankfurt: Peter Lang, 1978, S. 12f, Hervorhebungen im Original

No identity, stupid!

Es ist zu einfach, um wahr zu sein: Über 73 Millionen Wähler gaben Joe Biden ihre Stimme, so viele wie noch nie in der Geschichte der USA. Ein deutlicher Sieg sowohl in den absoluten Stimmen als auch bei den Wahlleuten, wohl über 300 (vielleicht sogar 306, genau jene Zahl von Trumps „Triumph“ vor vier Jahren; wäre keine schlechte Ironie). Die Demokratie hat zurück geschlagen, sich gewehrt gegen Populismus oder „Trumpismus“ (gibt es davon eine Definition, und wenn ja, wie viele?!) Dazu kommt, dass linke „Identitätspolitiker*innen“ (auch hier, Definition…?!) wie Alexandria Ocasio-Cortez, Rashida Tlaib oder Ayanna Pressley ihre Sitze im Repräsentantenhaus verteidigt haben. Alles gut, wir sehen, die linke Wahrheit ist endlich auf dem Durchmarsch, sogar in den USA.

Wären da nur nicht die paar Stimmen für Donald Trump. Mindestens 69 Millionen, wahrscheinlich mehr. Joe Biden also ist der Präsident, der die meisten Stimmen jemals bekam. Kurz dahinter liegt Donald Trump nach einer, sagen wir, sehr turbulenten Amtszeit. Es gibt sie also, die Trump-Fans, mehr denn je. Vor allem aber gibt es noch etwas: Junge Menschen, Schwarze, Latinos und Frauen, die ihn gewählt haben, und zwar auch ohne seine Fans zu sein,  einfach, weil die demokratische Alternative nichts für sie war. Mist, schon ist die schöne Erzählung gesprengt, und mit ihr die sogenannten Lehren, die wir aus dieser Wahl ziehen können. Ich bin sicher, die Erklärungen dafür lagen schon lange in den Schubladen der Parteizentralen über den Globus verteilt, zum Teil wurden sie auch  in einem euphorischen „die Demokratie schlägt zurück“ Ton veröffentlicht. Nur – diese Erklärungen  passen eben nicht. Die USA sind, bleiben (und vor allem: waren schon immer) ein gespaltenes Land. Fliegen Sie mal, wie ich es mal getan habe, vom kalten New York ins warme San Diego – Eis und Schnee allenthalben, nach sechs Stunden Flug (sechs!) ist man noch immer im gleichen Land, aber mit Palmen und Sonne erwartet einen ein anderes Leben (von der Pampa in Wyoming oder der Natur Alaskas ganz zu schweigen). Das ist wahrlich nicht einfach zusammenzubringen, vielleicht auch gar nicht möglich.

Was also tun? Vielleicht, ausnahmsweise, gar nichts. Froh sein, wie die meisten, dass es dieses Mal ein pragmatischer und erfahrener Politiker (und tatsächlich Politiker, nicht Entertainer) geschafft hat, Präsident zu werden. Hoffen, dass er einige gute Projekte durchbekommt. Aber nicht meinen, dass nun auch der letzte Amische in Pennsylvania verstanden hat, dass die moderne Identitätspolitik, angeführt von demokratischen Sozialist*innen, endgültig gesiegt habe. Es könnte in vier Jahren ein böses Erwachen geben, mit einem dann 78-jährigen Präsidenten. Republikaner. Sie wissen schon, wen ich meine…

David Emling

Kopfarbeit und Wahlprognosen

Und wieder ist es passiert. Wieder hat die amerikanische Umfrageforschung in einer wichtigen Wahl entscheidende Veränderungen in der Gesellschaft verpasst: Florida!
Wie gesagt, wer umfragt, kann irren, aber bitte nicht schon wieder, stöhnt der geplagte Bürger.
Zur Verteidigung wird vorgetragen, die „Modelle“ seien verbessert worden, man habe auch verstärkt auf „Bildung“ geachtet, aber es habe nicht gereicht. Das reicht nicht.
Was kann ich zur Verteidigung der Umfrageforschung vorbringen? Denn sie funktioniert. Immer dann, wenn sie ihren Kopf einschaltet, Lehrbuch nur als Grundlage, nicht als Bibel verwendet und dazu noch die Glaceehandschuhe aus- und die Gummistiefel für die Feldarbeit anzieht („Feld“ war der Fachbegriff für das Abklappern von staubigen Straßen und Gassen, um Bürgerinnen zu befragen – heute ist das alles elektronisch steril). Oder wie Luther dem Volk aufs Maul schaute, also anstelle von „Probanden“ Menschen um Mithilfe bei einer Umfrage zu bitten.
Weil’s im Lehrbuch steht, wird immer und ewich (ja mit ch) geschaut, wie Geschlecht, Alter und Bildung als „Verursacher“ einer Meinung, Werthaltung oder gar Handlung befragter Menschen funktionieren („demographische Merkmale“). Das ergibt oft Sinn, vor allem dann, wenn es gute Gründe für die Annahme der Wirkung von Alter auf ein Verhalten gibt (z.B. unterschiedliche Formen der abendlichen Betätigung). Noch viel öfter ergibt das keinen Sinn mehr, weil alte festgefressene Sozialstrukturen neuen Lebensformen gewichen sind (wie die Konsumstilforschung herausgefunden hat).
Und dann gibt es noch etwas. Was, wenn sich hinter so einem demographischen Merkmal mehr als nur eine Gruppe verbirgt? Dazu gibt es ein amerikanisches Beispiel: Zu den üblichen verdächtigen demographischen Merkmalen gehört in den USA das klebrige Merkmal „Race“ (oft „Black, White, Latino, Other“). Zur Freude der Routiniers liefert das Merkmal „Black“ fast immer schöne Unterschiede zu „White“. (Empfehlung der Redaktion: bevor Sie weiterlesen, genehmigen Sie sich einen Schluck der ehemaligen Whiskeykultmarke). Bereit?
In den üblichen Umfragen von 1.000, 2.000 Teilnehmern sind nicht genügend „Black“, um diese Gruppe detailliert zu betrachten. 1994 aber hat der General Social Survey (kann man googeln) extra mehr „Black“ gesucht und gefunden, um etwas genauer hinschauen zu können. Da hat man dann u.a. auch gefragt “When you think of social and political issues, do you think of yourself mainly as a member of a particular ethnic, racial, or nationality group or do you think of yourself mainly as just an American?”  (Kurzfassung: Wenn sie über unsere Gesellschaft nachdenken, tun Sie das dann als Amerikaner(in) oder als Angehöriger einer anderen ethnischen Gruppe?). Da hat es dann richtig geknallt: von den „Black“ antworteten 28%, sie dächten an eine andere ethnische Gruppe, von den „White“ magere 3%. Anders gesagt, ein Drittel der „Black“ Teilnehmer denkt nicht im Sinne von „just an American“. Was machen wir damit?
Wir bilden vier neue Gruppen: „Just American/White“, „Just American/Black“, „Andere White“ und „Andere Black“. So: und jetzt kommt das, wofür Sie, hoffentlich, einen tiefen Schluck „Black and White“ getrunken haben: Untersucht man verschiedene politische Meinungen für jede Gruppe, dann findet man keinen Unterschied zwischen den beiden ersten „Just American“ Gruppen, während sich der Unterschied zu „Andere Black“ erheblich vertieft.
Anders gesagt: Während die „White“ Gruppe sehr homogen zu sein scheint, zerfällt die „Black“ Gruppe in zwei Teile. Der Witz ist, dass die „White“ fast immer so antworten, als seien sie „Just Black“ (Blackwashing?) und natürlich anders herum (Whitewashing). Kurz, der behauptete allgemeine Unterschied zwischen „Afro-Amerikanern und Weißen“ ist eine Erfindung der Umfrageforschung. Dass und warum ein Drittel der Afro-Amerikaner anders denkt, als der große Rest, das, und nur das sollte einem zum Denken bringen.
Was haben wir gelernt? Hinter scheinbar einfachen demographischen Merkmalen verbirgt sich doch komplexere Realität, der man nur beikommt, wenn man seinen Kopf einschaltet, so wie der General Social Survey. Aber dafür ist in der Hektik der Wahlforschung wahrscheinlich keine Zeit. Stattdessen schnitzt man sich lieber ein neues Modell und gibt magersüchtige Prognosen ab. In diesem Sinne bis zur nächsten Wahl.
Peter Mohler

Wer umfragt kann sich irren

Nein, kein Schreibfehler, nein, es soll nicht „herumfragen“ heißen, auch wenn sich die Sache für manchen so anfühlen mag. Mit „Umfragen“ sind gemeint: Techniken zur Feststellung der Anzahl von Meinungen, Wertvorstellungen, Verhalten in der Bevölkerung. Diese Techniken gehören zur Empirischen Sozialforschung, gelegentlich auch als Demoskopie bezeichnet.
Erstaunlich, was diese Technik kann. Dass von 66 000 000 (sechsundsechzig Millionen) Erwachsenen in Deutschland 13 000000 (dreizehn Millionen) nicht an Gott glauben, weiß man mit ziemlicher Gewissheit, wenn man nur 1 000 (tausend) Erwachsene danach fragt.
Hokuspokus? Nein, Wissenschaft, nämlich die von der Stichprobe. Und da hat man etwas Verwunderliches gefunden, was jeder Suppenkoch intuitiv weiß: Die Größe des Löffels zum Probieren hängt nicht von der Größe des Suppentopfes ab. Ob 10, 100 oder 1000 Liter Suppe, der normale Suppenlöffel reicht zum Probieren aus. Es muss nicht die Kelle sein, aber ein Teelöffel reicht dann auch nicht. Irgendwo zwischen Teelöffel und Kelle gibt es eine optimale Probierlöffelgröße, die auch beim größten Topf zuverlässig den Salzgeschmack zu prüfen erlaubt: der Suppenlöffel. Die Prüfung wird nicht besser, wenn wir den Löffel zur Kelle aufblasen. Sie wird nur kostspieliger, weil wir mehr Suppe zum Probieren herausnehmen. Geil, gell!
Für die Umfrage hat man herausgefunden, dass die ausreichende Probiergröße  etwa 1000 Leute umfasst, wenn man die per Zufall aussucht  (https://www.surveymonkey.com/curiosity/how-many-people-do-i-need-to-take-my-survey/)
Und so macht man das dann, theoretisch. 
Praktisch geht das nicht so leicht. Weil, ja weil die Welt kein gut umgerührter Suppentopf ist. In der gesellschaftlichen Wirklichkeit klebt ein Teil am Boden, ein anderer am Rand, Brocken schwimmen unregelmäßig herum, ein Teil flutscht immer vom Löffel, kurz: Nichts ist homogen oder gleichförmig, sondern bestenfalls geschichtet oder geklumpt. Eine ziemlich trübe Brühe diese Wirklichkeit.
Wieso sagen die Wahlprognostiker dann doch so oft ein Wahlergebnis ordentlich voraus und wieso geht das Geschäft dann wieder mal voll daneben? Im Prinzip ist es wie beim Suppenkochen: die erste glückt oft nicht, mit der Zeit bekommt man Erfahrung und mischt die Zutaten immer besser. Versalzen wird sie dann nur noch im Liebesfall oder durch Schlamperei. So geht das auch bei den Wahlen. Nach 50 und mehr Wahlen in einem Land weiß man, wo die roten, grünen, schwarzen, gelben, blauen und blöden Klumpen sind und korrigiert seine Daten entsprechend. Ein guter Statistiker überlässt wenn nur irgend möglich nichts dem Zufall. Deshalb steckt er alles Wissen über frühere Wahlen in ihre Stichprobe – dass bestimmte Wahlkreise typisch sind, dass alle großen Städte eingeschlossen werden, kein Bundesland vergessen wird und so weiter. Erst ganz zum Schluss, wenn man sich zwischen verschiedenen Haushalten in einer Straße oder einem Stadtteil entscheiden muss, wird gelost. Das nennt sich „geschichtete Stichprobe“ – in ihr ist die ganze Wahl-Geschichte des Landes berücksichtigt. Aber das reicht nicht. Denn an zwei weiteren Stellen kommt die Wirklichkeit der Wahlforschung in die Quere. Die erste sind wir Bürger. Nicht immer haben wir Zeit, uns befragen zu lassen. Also nehmen von 1000 ausgewählten Haushalte nicht alle Teil. Das wäre nicht so schlimm, wenn man ganz einfach diejenigen, die keine Zeit für Umfragen haben, durch solche ersetzt, die Zeit haben. Aber, oh weh, woher weiß ich, ob beide Gruppen das gleiche Wahlverhalten haben? Bis heute gibt es kein allgemeingültiges System, wie man damit vernünftig umgeht. Und wieder sind wir in der Suppenküche: Die erfahrene Köchin greift in ihre Trickkiste (geheim, natürlich) und macht die Suppe essbar, so Gott will. In der Wahlforschung nennt sich das verharmlosend „gewichten“. Wenn das mehr oder weniger gelungen ist, dann kommt dem Forscher das Wahlrecht in die Quere. In Amerika ist das zum Beispiel die von Bundestaat zu Bundestaat unterschiedliche Art die Wahlpersonen (Wahlmänner) zu bestimmen. Bekanntlich hatte Trump bei seiner letzten Wahl 3 000 000 (drei Millionen) Stimmen weniger, am Schluß aber die Mehrheit der Wahlpersonen. In Deutschland sind das die Überhangmandate, die erst nach der Wahl berechnet werden. Damit ist die Zahl der Parlamentssitze vor der Wahl unbekannt. Wenn sich da viel tut, können Effekte wie bei der Trump-Wahl auftreten. Unglaublich, wie die Wahlforschung auch das so oft in den Griff bekommt, es sei denn…
Es sei denn sie stolpert über ihre eigenen Füße, meistens als „Geiz ist geil“ Effekt. Irgendwann mal wurde in England wieder ein Kopf-an-Kopf-Rennen ausgerufen (verkauft sich besser in der Zeitung), wobei Labour mit einer Kopflänge in den Umfragen voran lag (zur Kopflänge kommen wir noch mal am Schluss). Geizig wie die Engländer sind, sparten viele Umfrager es sich, an der Haustür zu klingeln und zu warten bis eine aufmacht. War es doch einfacher die Leute auf der Straße anzusprechen. Dummerweise gingen im Winter weniger ältere Leute auf die Straße. Blöd, dass die eher konservativ wählten. Das gab dann auch eine heftige Bruchlandung für die Wahlforschung. Die Trump-Wahl dagegen war ein Beispiel für gesellschaftliche Veränderungen, die der bisherigen Wahlgeschichte eine andere Wendung gaben. Hier war es nicht nur der Geiz, sondern die festgefressene Borniertheit der Forscher. Sie haben die beobachtbaren Veränderungen „weggewichtet“, anders gesagt, Demoskopen, die den Kontakt zur Bevölkerung verloren hatten, machten sich selber blind.
Um das Wunder der zutreffenden Wahlprognose zu einem Superwunder zu machen, müssen wir uns noch kurz die Pferdekopflängen betrachten. Wie jeder weiß oder gleich wissen wird, gibt es keine absolut „richtige“ Messung. Beim Bau genügt beispielsweise der Faltmeter, beim Computerbau braucht man das Rastermikroskop. In der Umfrageforschung handelt man mit Ungenauigkeiten von 3-5% (sehr hoffnungsvoll, übrigens). Will heißen, dass die eingangs erwähnten 13 Millionen eigentlich plus/minus 650 000 lauten sollte. Oder in Prozenten ausgedrückt: In Deutschland 2018 zwischen 15 und 25 Prozent der Erwachsenen nicht an Gott glauben. Übertragen auf die Wahlforschung bedeutet dies, dass eine Aussage „die SPD liegt 2 Prozent vor der AfD“ bei der bekannten statistischen Ungenauigkeit Unsinn ist.

Fassen wir zusammen: Von der schlichten Idee der Suppenstichprobe bis zur Ungenauigkeit aller statischen Messungen ist es ein weiter, steiniger Weg. Das Superwunder der Umfrageforschung ist: Sie irrte sich relativ selten. Leider zu oft, wenn es wichtig wird.
Peter Mohler

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