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Wilder Südwesten

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Herr Noll ich vermisse Sie (und Ihresgleichen)

Als ich aufwuchs, erfuhr ich von einem großen kulturellen Verlust: der Vernichtung des klaren Gedankens. Man gab mir Kristallklares aus der Vergangenheit zu lesen. Knallharte Schriften, die sich auch gegen die Autoren selbst richteten. Humor lugte dazu aus allen Ecken hervor. Kein Respekt vor großen Namen und allem Schall und Rauch, den es allzeit ja zur Genüge gibt. Sie und Ihresgleichen ließen nicht locker, wenn wieder einmal die Logik verbogen wurde.
Verbrannt haben dann die Unsrigen nicht nur Ihre Bücher und Bilder. Vernichtung war das Ziel. Nicht ganz gelungen, gottseidank, außer hierzulande, dem Ursprung des Unheils.
Ein neues Biedermeier hielt Einzug ins unheimelige Haus. Betschwestern und –brüder nickten sich fleißig in ihren Talaren, später Jeans, zu, dabei jeden scharfen Gedanken meidend wie die Pest.
Herr Noll, Sie und die wenigen Ihresgleichen, die noch auf meine unheimelige Heimat mit scharfer Liebe schauen, auch wenn Sie selbst im Exil sind, ich vermisse Sie jeden Tag mehr und mehr.

Peter Ph. Mohler

Noll, Chaim: „Der Rufer aus der Wüste – Wie 16 Merkel-Jahre Deutschland ramponiert haben. Eine Ansage aus dem Exil in Israel“ ist hier im Achgut.com-Shop sofort bestellbar.

 

Speach Act oder der reale Akt?

Wie sagt Fischer immer wieder? „Ich bringe dich um“ ist strafrechtlich gesehen, kein Mord. Gleichwohl, es ist eine Formulierung im Indikativ und könnte die Beschreibung eines akutellen Vorganges sein. Könnte. Und selbst wenn, der Richterschaft ist es wurscht, ob die Mörderin die Durchführung ihrer Tat sprachlich begleitet. So gesehen war die Sprache ebenso, wie die Gedanken frei. Aber das war einmal in der guten alten Zeit, so vor 5 Jahren, sagen einige aus der Minderheitsfraktion, die wahrscheinlich die schweigende Mehrheit repräsentieren oder auch nicht, wer weiß das schon.
Es gilt das gesprochene Wort, aha. „Die Rente ist sicher“, ein typischer Speach Act (Sprachhandlung), auf den keine Rentnerin etwas gibt, weil sie ihren Rentenbescheid kennt, denn dort steht die tatsächliche Handlung, die zu einer Banküberweisung führt.
Was geschieht, wenn man eine Sprachhandlung wie, „ich haue Dir Eine runter“ mit einer Ohrfeige etc. gleichsetzt? Dann brennt das Ohr, dann schreie ich vor Schmerz und verlange Schadenersatz.
Wahrscheinlich lacht jetzt jeder über diese, ja was, Absurdität? Wer bei Youtube, Facebook und Genossen wegen solcher Sprachhandlungen abgeschaltet wird, hat da wenig zu lachen.
Alles eine große Dummheit? Oder doch nicht? Ist das, was derzeit so herumspukt, etwa ein Beispiel für den Schaden, den eine unschuldige Theorie der Sprache durch Ignoranten anrichten kann? Eigentlich nicht. Denn Sprache kann gewalttätig sein. Drohungen aller Art wirken. Aber: bitte jetzt mal den Kontext. Wann wirkt eine Drohung? Wann verführt eine falsche Ideologie (gibt’s ja eigentlich nicht, weil alle Ideologie falsch ist, na ja)?
Und jetzt wird es leicht spannend, denn wer bestimmt den Kontext? Die Sprecherin oder der Hörer? Bitte entscheiden Sie!
„Du bist ein so liebes Arschloch“ – Beleidigung wann, wann nicht, wann Bettgeflüster? Wann der Hauch einer Enttäuschung? Herrlich, was man alles für Kontexte für einen Satz finden kann. Eigentlich ein wunderbares Sprachspiel, aber das sind wieder andere Theorien.  Bleiben wir beim Speach Act, der oft unbefriedigend bleibt, wenn die damit gemeinte physische Handlung ausfällt. So etwa das amerikanische „let’s do lunch“.
Ein, wie ich mich zu erinnern glaube, jüdischer Satz, „es gibt kein Verbrechen, das nicht zuvor aufgeschrieben wurde“, wirkt schon. Zumindest bei mir.
Also worum geht es hier und heute? Ob wir es wollen oder nicht, hat die Wiedervereinigung auch Folgen für das verändert, was öffentlich aussprechbar ist. Tabus, wie Judenhass, lösten sich auf. Zugleich sprang die amerikanische Angst, harte Fakten auszusprechen, auf uns über. Und dann kam das Netz. Das ist öffentlich – und wie! Wie ein Stammtisch mit Pissoir in einem Raum, kurz, das stinkt.
Und jetzt? Wir sind alle auf der Suche nach Tabus, nach den Grenzen des öffentlich Aussprechbaren. „Scheiße sagt man nicht“ flöten die Enkel strahlend, wohl wissend, wie viel Spaß dieser Satz bringt. Auch wollen wir privates Geplapper und Plaudern vom öffentlich Gesagten sehr genau unterscheiden. Und so wollen wir das alle halten, fröhlich die Grenzen austesten und Youtube etc. einfach links liegen lassen, es hört dort doch niemand zu, auf den wir Wert legen würden, oder?
Peter Mohler

Trauma 2021

Da steht sie vor mir, die Krankenpflegerin, geimpft und doch war sie von Corona heftig gebeutelt. Gedämpft und heute geschützt durch FFP 2 erzählt sie, wie es ihr erging. Wie sie eine fast volle Ladung Viren abbekam, schwerlich gebremst durch die einfache OP-Maske.
Da steht er vor mir, der Kollege, der seine todkranke Angehörige weder fühlen noch sehen durfte, egal, ob er das Risiko der Ansteckung auf sich nehmen wollte oder nicht.
In der Luft hängen noch die stummen Schreie nach Zuwendung, die verzweifelten Gebete nach Nähe, die laute Trauer der Ausgesperrten.
Welcher Teufel ist in uns gefahren? Wieso konnten wir unsere Menschlichkeit so leicht aufgeben? Warum standen wir nicht für einander ein?
Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?
Hier bei und unter uns.
Was für ein Elend.

Philipp Frankfurter

Sunday for Privacy

Was interessiert mich, mit wem Wowereit Händchen hält und Maas sich nach Dienstschluss herumtreibt? Was interessiert mich, was Döpfner oder ich oder Du so en passant über die Welt und Andere untereinander austauschen. Alles Deppen, außer uns, wer hat das noch nicht gesagt? Was interessiert mich das Privatleben anderer? Jaaaa, meine Neugier, Gier auf dunkle Stellen, außergewöhnliche Sexpraktiken, wie zum Beispiel die Bekehrtenstellung.
Aber die Gier ist ja eigentlich eine Sünde oder?
Demnach sündigt unsere Gesellschaft derzeit in einem fort. Wie wäre es mit einem Sunday for Privacy? Keine Klicks mehr auf die Neugierartikel? So lange, bis sie sich nicht mehr lohnen für die Aasgeier der Neugier? Oder wollen wir uns weiter am Aas laben?
Igitt!

Philipp Frankfurter

Manipulation

Und wieder laufen, hin und her, versuchen zu Ihr durchzukommen. Der Weg ist versperrt, der nicht begehbar, mühsam, keuchend durchs Watt sich vorkämpfen, irgendwann verzweifelt an einer Hotelrezeption nur noch um ein Zimmer für die Nacht bettelnd, da, von der Seite, ein strahlendes Lächeln, ich bin da, habe Dich die ganze Zeit gesehen.
Jähes Aufwachen aus dem Traum. Was hätten Sie gefühlt?
Unbändige Freude, dass es doch geklappt hat? Doch das Ziel erreicht!
Nicht bei mir, der letzte Teil des Traumes war wütend, zornig und beziehungsbeendend. Es gibt Spiele, die ich nie gespielt habe, bei denen ich nicht mitgemacht habe und nicht einbezogen werden will.
Einen bewusst zu hintergehen, mit der Verzweiflung der anderen spielen, abgehoben sich fast allwissend geben, nicht meine Sache. War ein übler Traum. Er kam aus dem Nichts. Einfach so, oder auch nicht? Wo gab es in letzter Zeit solche bewusste Manipulation?
Wie wäre es mal sich zu erinnern. Zum Beispiel an die Stellungnahme der Leopoldina zu Corona, wo Masken als untauglich bezeichnet wurden. Unterschrift: die allwissende Kollegenschaft. Manipulation? Ja, wenn man die alten Datenblätter der Berufsgenossenschaften kennt, die eindeutigen Schutz vor Viren durch geeignete Masken im beruflichen Alltag schon lange vor Corona festgestellt haben.
Oder, an die noch maskenlosen Hygienemaßnahmen zu dauernden Händedesinfektion. Nichts gegen saubere Hände, aber gegen Aerosole helfen die garantiert nicht, nur Drosten traute sich (damals) noch dies leise zu erwähnen.
Oder an die endlosen Versprechungen zur Freiheit, eine nach der anderen wegvergessen. Nachfragen irrelevant.
Oder, die Impfpflicht mit Hinweis auf die AfD abzulehnen (weil die es will) oder, oder, oder.
Corona ist vorbei. Wir sind wieder frei, so der Traum.
Was wird sein, wenn alle aus dem Traum erwachen, was werden sie fühlen? Unbändige Freude oder unbändige Wut?

Philipp Frankfurter

Buwe

Da sitzen sie jahrein, jahraus im Parlament. Auf der Bank gegenüber die großkotzigen Blaulichtfahrer. Kurz vor Sitzungsende demonstrativ die leere Aktentasche ergriffen und raus zur Blaulichtsause durch Berlin, am besten gleich als Kavalkade.

Das macht die Buwe (und Mädele) im Halbrund grundneidisch. Will auch haben. Denn das mit dem Blaulicht bekommt man ja sonst nur bei Mord und Totschlag oder Herzanfall.

Und kaum ist die Wahl vorbei, schon schielen sie auf das Amt mit dem Blaulicht. Das Ziel jeden Berufspolitikers ist  die eigene Blaulichtkavalkade bei 180 auf der Autobahn und bei Rot über die Ampel.

Ampel? Habe ich da was gesagt? Nein, es geht sicher um die Zukunft. Ganz sicher?

Philipp Frankfurter

Kiesinger 2.6

 

Es war einmal in einem nahen Land in einer fernen Zeit, als König Kurt-Georg den Thron bestieg. Die Zeit war reif, nicht für Ihn, aber davon ahnte er nichts, Das Reich war offensichtlich gefestigt, alles ging seinen Gang. Bei genauerem Hinsehen ging wenig oder nichts und wenn, dann rückwärts. Der Ansturm von Rock‘n Roll war abgewehrt. Der Schlager summte vor sich hin. Dixieland und Swing kamen zurück als fast Vorkriegsware, so wie König Kurt-Georgs Vorkriegsbiografie vielen nicht auffiel. 

Dann kam ein unerwarteter Wumms. Mädels kreischten sich die Seele aus dem Hals, Jungs tanzten sich ins Delirium, auch ohne Drogen, oft aber mit. Die bleierne Stille des Landes zeriss unter dem Ansturm einer neuen Zeit: die 68er waren geboren. König Kurt-Georg versank in der politischen Versenkung und König Willy wagte mehr Demokratie. Von da an ging es bergauf, lange Zeit.

Es ist einmal heute in einem nahen Land in nicht allzu ferner Zeit, nachdem König Olaf den Thron bestiegen hat. Die Zeit war wieder reif, aber nicht für ihn, davon ahnte er nichts. Das Reich war offensichtlich gefestigt, alles ging seinen  eingeschränkten Gang. Bei genauerem Hinsehen, ging wenig oder nichts und wenn, dann rückwärts. Der Ansturm des finnischen Hard Rock war abgewehrt. Helene Fischer auf dem Weg in die Rente. Die Beatles und ABBA kamen zurück, fast unschuldig, so wie König Olafs Biografie, was nur wenigen auffiel.

Als CSDI wieder auferstand, hörte man schon die Erde beben. Wieder kam ein unerwarteter Wumms, die Jugend warf die bleierne Last der 68er Bibeltexte ab. Die Jungs schrien sich die Freiheitslust aus der Seele, die Mädels taten es ihnen gleich. Ganz ohne Drogen, fast. Die Neue Freiheit war geboren. Die Musik, das Leben, riss sie mit sich und König Olaf in den Untersuchungsausschuss.
Philipp Frankfurter 

Endlich das Ende des Parteipopulismus

Nicht nur die deutsche Politik litt unter der Fuchtel der vermeintlichen direkten Demokratie. Erstaunlich, wie man glaubte, komplexe Fragestellungen, wie einen Koalitionsvertrag, von der Mitgliedschaft entscheiden lassen zu können. Und dann auch noch mit Ja-Nein. Schlichter geht es nicht. 

Denn, entweder die von mir gewählte Leitung ist gut, dann macht sie gute Verträge im Sinne meiner Partei. Wenn nicht ist sie schlecht, dann wird sie abgewählt. 

Ohne ein umfassendes Mandat kann keine Verantwortliche gut verhandeln. Sie steht immer unter dem Vorbehalt eines populistisch aufgeladenen Plebiszits.

Nicht nur deshalb war die Groko strukturell unprofessionell. Der Mitgliederentscheid war ein entscheidender Schwachpunkt für die Verhandlungsführer der SPD.

Damit ist seit gestern Abend Schluss. Die Kanzlermacher Habeck und Lindner wollen nur verhandeln mit Leuten, die Prokura haben. Was in der Verhandlung beschlossen wird, kann an Ort und Stelle ohne Verzug vertraglich abgeschlossen werden. 

Das kühnertsche Spiel über Bande ist damit beim Teufel. Zugleich ist die Verantwortung eindeutig bei den Prokuristen, nicht bei einem amorphen Mitgliederentscheid, Wenn es gut geht, gut so, wenn es schlecht geht, werden die Verantwortlichen sanktioniert.

PS wenn ich Habeck und Lindner wäre, käme weder Scholz noch Laschet als Kanzler in Frage: einer macht eine schlechte Figur, dem anderen hängt die Strafverfolgung im Genick, nix gut, würde ich sagen wollen.

Philipp Frankfurter

Schöne übersichtliche Welt

Ich muss mich beeilen. Meine große Tochter kommt bald von Oma und Opa nach Hause, die Kleine mit ihren sechs Wochen wacht sicher bald auf. So ist das nun einmal als Eltern, und dennoch hab ich etwas Zeit, weil ja die Familie da ist und uns hilft. Man könnte auch sagen: Ist alles einfacher aufm Dorf.
Und schon sind wir mittendrin in einem Thema, das dann doch kurz meine Stellungnahme  Herausfordert. Es geht um den Artikel „Die Verdorfung der Literatur“ der FAZ am Sonntag dem 5. September. Ich bin Autor, wohne auf dem Dorf, also schauen wir mal…
„Verdorfung“ klingt ja schon sehr negativ, und die Autorin will das auch bezwecken, und zwar in einer gelungenen Art. Die „neuen Dorfromane“ nerven sie, und zwar die kleinen wie auch die großen Bestseller von Juli Zeh bis Judith Herrmann. Warum? Weil der Rückzug aufs Dorf fast immer romantisiert und damit radikal vereinfacht wird. Der die gestressten Städter, der die mal aufs Dorf muss, um Ruhe zu finden Dort allerlei schrullige Typen trifft treffen, die die Einfachheit der Provinz verkörpern. So weit, so grobschlächtig, aber eben deshalb auch ein Garant, um viele Bücher zu verkaufen, weil man damit halt ein Nerv bei den Leuten anspricht. Dann wird das in der Regel noch garniert mit einer radikalen Sinnsuche der Protagonistin, die meisten Geschichten spielen im Osten Deutschlands, hat man also ein bissl was zusätzlich für die Repräsentation der ach so armen „Abgehängten“ im Osten getan und versucht obendrauf, die zu verstehen.
Besonders perfide ist das, weil es eine Sichtweise auf die Welt reproduziert, die falscher nicht sein könnte, nämlich „das Dorf“ als einer übersichtlichen Aneinanderreihung ebenso übersichtlicher Lebensentwürfe und –läufe zu sehen. Dem muss man vehement widersprechen, was leider die FAZ-Autorin nur so halb oder, wie man bei uns auf dem Dorf sagt, „viertels“ tut. Diese demonstrative Darstellung einer schlichten Übersichtlichkeit zeigt, dass die Autorinnen solche Bücher nicht ernsthaft bereit sind, tatsächlich auf die Weltsicht „der Dorfgemeinschaft“ einzugehen, also eine Art Ethnographie des Dorfes zu betreiben, sondern in ihrer wunderbar großstädtischen und coolen Distanz hängen bleiben – und so nichts vom Dorf sehen noch verstehen. Deshalb sind solche Bücher auch so langweilig. es Denn es kann gar nicht gelingen, im vermeintlich Kleinen des Dorfes die großen Fragen zu sehen, die letztlich jeden Menschen beschäftigen. Mit Richard Russo kann man sagen: „There is so such thing as a small live“. Die Protagonistinnen der Beststellerlisten sollten es beherzigen.
David Emling

 

Ach, gut isses net

Vor Jahrzehnten meinte ein eifriger Spiegelleser, er habe dem Spiegel vertraut, bis er etwas las, von dem er selbst etwas verstand.  Daran erinnerte ich mich spontan, als ich bei www.achgut.com einen Beitrag mit dem aufweckenden Titel „Wahlumfragen: Von Irrtümern und selbsterfüllenden Orakeln“ las.
So etwas (bitte setzen Sie selbst etwas Unflätiges ein) ist mir schon lange nicht untergekommen. So von oben herab „1.000 und 2.000 Menschen, die die Institute repräsentativ ausgewählt haben wollen“ –„wollen“ ach herrje,  das Verbildungsbürgerdeutsch schlägt zu. Zweifel ohne Begründung? Geht gar nicht. Doch bei Achgut.com geht es durch die Lappen der Redaktion.
Unkenntnis schützt nicht vor Dummheit: „Bei den Umfragen lassen die meisten Medien weg, dass eben nur ein paar hundert Menschen befragt wurden und setzen das vermeintliche Ergebnis mit einem realen Wahlergebnis gleich.“ Warum ist das ein dummer Satz? Weil der Autor den Kern der statistischen Wahrscheinlichkeit nicht verstanden hat. Es ist halt so, dass die Genauigkeit von Stichproben nicht linear mit der Zahl der Messpunkte (hier Befragte) wächst. So ab 1.000 Befragten sinkt der Zuwachs an Genauigkeit rapide ab. Oder anders gesagt, die als „Fehlertoleranz“ ausgewiesenen Prozentzahlen sinken kaum noch ab. Es wäre unwirtschaftlich, 10.000 zu befragen. Das Ganze hängt allerdings davon ab, wie gut die 1.000 Befragten ausgewählt wurden (übrigens ist das ein Kardinalfehler vieler Onlinebefragungen, hohe Fallzahlen mit Genauigkeit zu verwechseln). Und übrigens zum Zweiten, kein Institut verwechselt eine Umfrage mit einer Wahl.
Und noch so ein Ding: „Die Repräsentativität wird dabei durch so signifikante Kennziffern wie die Telefonnummer und den Geburtstag hergestellt.“ Was soll das: „so signifikante Kennziffern“? Die einzige Bedeutung (Signifikanz) der Telefonnummer ist, ja was? Dass man damit Leute anrufen kann, um eine Telefonumfrage machen zu können.  Und der Geburtstag? Ist ein technisches Hilfsmittel, um in einem Haushalt unter mehreren Leuten jemand zufällig auszusuchen (das Merkmal „wer hatte zuletzt in Ihrem Haushalt Geburtstag“ ist hinreichend zufällig verteilt).
Jetzt reicht’s mir. Nein, noch einen drauf: „Die Ergebnisse der Umfragen differieren zu stark und keine Umfrage trifft den Mittelwert“. Mein Gott, hilf mir, nicht ausfällig zu werden. Der Mittelwert ist ein berechneter Wert, kein gemessener. Man kann den Mittelwert nicht „treffen“, man kann ihn nur berechnen und die Spannweite zwischen Mittelwert und anderen Werten betrachten.
Was mache ich nun aus dem Unsinn? Ich zweifle sehr an der Qualität von achgut.com, wenn deren Redaktion so etwas durchgehen lässt. Aus der Traum vom guten Journalismus. Lese den Spiegel, die Faz, die Zeit und vielerlei Geblogtes und dennoch: Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor!

Peter Mohler

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