Blog4587

Wilder Südwesten

Seite 7 von 9

Von der Furcht im Herzen Rezension zu Andrea Petković: „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“*

Es gibt viele Gründe, warum man ein Buch mögen kann. Es ist spannend, unterhält, hat eine tolle Geschichte, regt zum Nachdenken an, ist sprachlich ein Genuss. Es hängt auch viel davon ab, welche Art Leser man ist. Mir scheint darüber hinaus, dass man eines sehr allgemein sagen kann: Ein gutes Buch erzählt zwar „nur“ eine Geschichte, diese weist aber über sich hinaus, thematisiert also nicht nur das, was wir lesen können, sondern immer noch mehr. Dieser Geltungsüberschuss macht ein Buch wichtig, weil es den Inhalt von der Zeitlichkeit (von Autor und/oder lyrischem Ich) ablöst und somit in gewisser Hinsicht zeit-los macht. Es gibt viele Passagen, in denen Andrea Petković das gelingt. Die besten aber finden sich vor allem am Anfang, wenn sie nämlich von ihrer Kindheit erzählt. Dort wird ihre Herkunft zum Schnitt- und Achsenpunkt sowohl ihres sportlichen Eifers und Erfolgs, und gleichzeitig wächst ihre Liebe zu Literatur als Ventil sportlicher Enttäuschungen und zutiefst menschlicher Gefühle.
Zum Beispiel ging ihr Vater zuerst alleine nach Deutschland wollte Geld verdienen, um bald wiederzukommen. Jedoch spitzten sich die politischen Konflikte damals in Jugoslawien immer mehr zu, sodass die ganze Familie 1988 nach Deutschland floh. Sein Tennistrainer-Intermezzo 1986 in Deutschland war der Grund, dass die Familie Petković eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung  erhielt. Andernfalls hätten sie als Asylsuchende gegolten. Hier wird klar, wie aktuell die Geschichte der Familie ist, und wie zufällig eine Lebensgeschichte sein kann. Vermutlich wäre Andrea als Flüchtlingskind keine große Tennisspielerin geworden – denn ihr Vater hätte in diesem Fall nicht als Tennistrainer arbeiten können. Das gilt für damals wie heute. Vor diesem Hintergrund bekommt Petkovićs Satz eine ganz besondere, zeit-lose Bedeutung: „»Unbefristete Aufenthaltsgenehmigung« und »Arbeitserlaubnis« waren vielleicht nicht die ersten deutschen Wörter, die ich als kleines Kind aussprechen konnte, aber es waren sicherlich die ersten deutschen Wörter, die ich klar als solche erkennen konnte.“
Noch unmittelbarer erfährt man etwas über die junge Andrea, wenn sie beschreibt, wie sie als Kind eingewanderter Eltern sich mit diesem Malus, der natürlich nie einer sein darf, mit und durch Tennis zu befreien  suchte. Wie dies oft, sehr oft gelang, manchmal aber auch nicht, und was das mit dem auf dem Platz vor Zorn schreienden Teenager machte. Und wie diese Versuche des Hineinanpassens und Dazugehörenwollens immer wieder zu Situationen führten, die ihr unangenehm und zutiefst fremd waren. Besonders augenscheinlich – ich würde sagen geradezu die Essenz des Buches – ist die Passage, wie sie mit ihren Freundinnen aus gutem einheimischem Hause schwarz in der Straßenbahn fuhr: Sie werden eines Tages erwischt, müssen 40 Euro Strafe bezahlen, was Andrea mit Tränen in den Augen und voller Scham und Wut hinnimmt, ihre Freundinnen hingegen nahezu unberührt lässt. Wie sie über Wochen die 40 Euro zusammenspart, vor allem aber zuhause immer die erste am Briefkasten ist, um den Brief mit der Strafzahlung vor ihren Eltern abzufangen. Wie sie es schließlich schafft und ihre Freundinnen später fragt, wie sie es angestellt hätten, die 40 Euro zusammenzubekommen. Und wie diese Andrea völlig ungläubig anschauen und in nüchternem Ton feststellen, dass ihre Eltern es eben bezahlt hätten.
Besonders gelungen ist diese Stelle deshalb, weil Andrea Petković sie mit großen Werken der Literaturgeschichte geschickt verknüpft, in diesem Fall mit Philip Roths „Goodbye Columbus“, in dem es viel um Tennis auf und neben dem Platz geht. „Cocksureness“, bei Roth auf männliche Selbstüberschätzung bezogen, sieht die junge Andrea auch in und an ihren Freundinnen. Die Mischung aus persönlichen Erfahrungen, ganz gleich ob Sieg, Niederlage, Schmerz oder Freude, und die Verbindung dieser Emotion mit Literatur und einem scharfen Blick aufs gesellschaftliche Ganze. Das ist es, was Petkovićs auszeichnet. Ihre Geschichte zu lesen und sich selbst darin zu spiegeln macht großen Spaß und bringt einen innerlich weiter.
Günter Grass, der Mann mit K, argwöhnte, Rezensenten besprächen eher seine Person als seine Werke. Das gehört zum Handwerk. In dieser Hinsicht gefällt mir ihr Buch erst recht. Man spürt Andrea Petković durchgehend im Text, sie ist omnipräsent, weil sie ihr Erlebtes so wunderbar erzählen und darstellen kann. Man ist dabei – auf dem Platz, im Warteraum bei einem wichtigen FED-Cup-Spiel ihrer Freundin Angelique Kerber, stapfend auf den staubigen Straßen Sofias zum Tennisclub neben der noch jungen Andrea, die erst anfängt zu spielen, aber schon so weit weg von allem ist, was sie „zuhause“ nennt. Ja, und überhaupt ist sie schlicht sympathisch. Vor allem aber: Sie setzt sich für Literatur ein. Einen Buchclub zu gründen mutet ja schon irgendwie altbacken an, erinnert einen an amerikanische Serien der 80er und 90er, wo ältere Damen wie die „Golden Girls“ ihre Mittwochabende verbringen. Wie aktuell und cool so etwas aber sein kann, vor allem aber wichtig für die Literatur selbst, zeigt Andrea Petković nahezu täglich, wenn sie postet, welche Bücher gelesen werden. Und noch etwas macht sie so nahbar: dass trotz aller Erfolge ein sehr nachdenklicher Mensch vor uns steht, der seinen Platz im Leben sucht und damit nie aufhören wird, ganz gleich, ob er für eine kurze Weile gefunden wird. 

David Emling
* Andrea Petković „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“, Kiepenheuer & Witsch, 2020, ISBN: 978-3-462-05405-7
Andrea Petkovićs Buchclub gibt’s auf Instagram: https://www.instagram.com/racquetbookclub/Petković

Ochsenglubschaugen ….

Ochsenglubschaugen
Vielleicht kennst Du das, Deine Freundin kuschelt sich in der Öffentlichkeit an Dich. Was machst Du dann? Zurückkuscheln? Also ich, und das was ich so in meinem Umfeld an männlicher Reaktion sehe, mache eine versteifte Wirbelsäule und stieren Blick nach vorne, eben Ochsenglubschaugen. Warum wenden wir uns ihr nicht zu? Gilt Zärtlichkeit als unmännlich? Was soll die Kälte? Was ist peinlich daran, geliebt zu werden und zurückzulieben? Mist, wie oft habe ich versäumt, das Kuscheln zu genießen und jetzt ist es vorbei. Was mir bleibt ist die Trauer, wenn ich wieder mal einen mit Ochsenglubschaugen und dran hängender Frau sehe.

Nummer Zwei
Hello Blues, hello good old times. Ist es ein Frevel, die Nummer Eins sein zu wollen? Ruf mich an, wenn Du magst oder lass es. Bitte mich um etwas, wenn Du es willst, ohne Bitte gibt es nichts. Siehst Du, es geht doch! Ist das nicht eine wunderbare Erfahrung, angerufen zu werden? Sind die Wörter ‚kannst Du bitte‘ ein Balsam auf Deine Seele oder was willst Du? Ah, die Nummer Eins ganz alleine sein. Aha. Man möge sich auf mich konzentrieren und mich alleine, also mich, mich, mich, mich, mich. Pass auf, gleich kommt das Alter Ego wieder um die Ecke, ganz ohne Furcht und pinkelt mich an, dieser Sauertopf. Greif ich mal in meine Körpererinnerungen. Reichlicher Vorrat an Nicht-nummer-eins-erinnerungen. Am schlimmsten nicht die Rivalen, sondern der Erzrivale Arbeit, ein gar garstig gieriger Moloch, bevor ich mich an den wage, erst mal einen Salbeirosmarintee. 36 Jahre habe ich mit ihm gelebt und gelitten. Immer, wenn es schön sein sollte, kam der verrückte Hase aus Alice im Wunderland um die Ecke und rief ‚keine Zeit‘. Dafür war ich die unangefochtene Nummer eins, weil keiner sonst den Job wollte. Und jetzt, wo ich weder eine Nummer noch eine Eins bin, bin ich unzufrieden, wo man mich doch bittet? Darauf einen Schluck Salbeirosmarintee. Vielleicht sind das so komische Merkwürdigkeiten wie mein Ochsenglubschaugenblick aus männlicher Peinlichkeit heraus? Pietistische Reste der Antisexualität gegenüber der Frau und mir Mann? Vergiss es, einfach nicht bekämpfen, sondern laut herausschreien, dass es ein mieses Unglück ist, so in sumpfigen Ideen verfangen zu sein, so verblendet, so ungeschickt das Glück zu sehen. Mein Körper schreit nach neuen Erinnerungen. Let’s dance in the Palatinate.
David Emling & Philipp Frankfurter
Auszug aus Respekt oder Keine Arschlöcher Mehr! – 2020 Preprint

Shut up, enough is enough oder über den Verfall der Normen freier Rede

Jetzt, wo alle auf ihn einschlagen und die Staatsanwälte die Messer wetzen, jetzt sperren Twitter & Co. die Konten von Donald Trump. Was für ein Kraftakt. Wie schön, dass Hass und Putschversuche so rasch eingedämmt werden, oder?
Nein, es ist leider nicht so, weil seit längerem die Norm, niemandem durch Meinungsäußerungen Schaden zuzufügen, verletzt wird.
Gut wäre es hier, wenn wir die feine Unterscheidung von „Meinung äußern“ und „Propaganda“ durchgehend beherzigen würden. Sie wissen nicht, von was ich rede? Ganz einfach von der Begrenzung meiner Freiheit durch die Freiheitsrechte der anderen. Stehe ich in meinem Keller und schimpfe vor mich hin, beleidige Gott und die Welt, ist meine Redefreiheit grenzenlos. Stelle ich mich auf den Balkon, um Gott und die Welt wissen zu lassen, was ich so denke, ist das nicht mehr der Fall, sofern mich eine hören kann. In dem Moment, wo ich weiß, dass mich einer hören kann, schimpfe ich nicht mehr vor mich hin, sondern schimpfe „um zu“. Ich bin so laut, weil ich gehört werden will (um gehört zu werden), weil ich etwas bewirken will (um etwas zu ändern). Genau ab da greifen Recht und Normen ein. „Um zu“ ist ein gesellschaftliches Handeln, das wie alle Handlungen durch Normen (Gesetze, Sitten) regelbar ist und geregelt wird.
Als unzulässiges Handeln gilt vor allem: jedes Eintreten für national, rassisch oder religiös motivierten Hass, das geeignet ist zur Anstiftung von Diskriminierung, Feindseligkeit oder Gewalt (Artikel 20  der internationalen ICCPR-Konvention von 1966). Weiterhin darf die Redefreiheit zum Schutz der Rechte Dritter und deren Ansehen, sowie der nationalen Sicherheit, der öffentlichen Ordnung oder Gesundheit bzw. Moral eingeschränkt werden (§19, 3 ICCPR).
Schon interessant, daß eine britische Richterin im Falle Assange auf die Einschränkung der Rede- und Handlungsfreiheit hinweisen mußte und zugleich die Persönlichkeitsrechte (Würde) von Julien Assange schützte. Vielleicht denken wir alle einmal über den kleinen Trump oder Assange in uns nach, der so gerne “die Wahrheit” über etwas oder jemanden hinausposaunen möchte, um etwas zu bewirken, was wir ansonsten nur durch zähes kontinuierliches Ermitteln, Überzeugen, Handeln und Aushalten bewirken könnten. Diese Abkürzungen via Diebstahl, Fake News, Unwahrheiten, unbewiesenen Behauptungen, übler Nachrede, Besserwisserei, kurz Gemeinheiten haben sich in unser gesellschaftliches Leben über die letzten Jahrzehnte eingeschlichen. Unsere Entschuldigung ist “die gute Sache”, für die wir eintreten. Entschuldigen Sie bitte, aber genau das ist, was Propaganda ausmacht: alles mögliche, das meiner Sache dient, zu behaupten, und meine Sache ist immer gut. Nein danke, so geht das nicht.
Deshalb öfter mal einem lauthalsigen Propagandisten “shut up, enough is enough” zurufen. Das “jetzt reicht es” unterscheidet sich übrigens gewaltig von der political correctness, weil die auch im Keller zuschlägt.

Peter Mohler

Spurenhalter

So fahre ich gestern Abend mit dem neuen Auto meiner Frau durch die Gegend und probiere aus, was das Teil so kann. Lasse das Lenkrad los und schaue, was passiert. Tatsächlich, der Spurenassistent hilft, es blinkt und piepst, und das Lenkrad führt mich zurück in die Mitte der Straße.
Es ist gut, wenn man solche Hilfsmittel hat. Sein ganzes Wohl und Wehe danach auszurichten, kurz, sich komplett darauf zu verlassen, kann manchmal auch daneben gehen. Herr Söder, das geht an Sie.
Beispiel: Ich fahre mit dem Auto ein Dorf hinaus Richtung Landstraße. Die Hauptstraße ist langgezogen, und keine Sau hält sich an dieser Stelle an die erlaubten 50 km/h. Deshalb hat die Gemeinde vor einiger Zeit mobile Inseln aufgestellt, die dazu führen, dass man entweder anhalten muss, um den Gegenverkehr durchzulassen, oder zumindest Kurven fahren muss. Die 50 km/h werden so gut gehalten. Und jetzt kommt das Problem: Der Spurenassistent des Autos kapiert das nicht. Warum auch, woher soll die Maschine wissen, dass hier der Gemeinde eingefallen ist, mobile Inseln aufzustellen?! Er blinkt, piepst vor sich hin, ich korrigiere. Alles gut, halb so wild, aber man muss wachsam bleiben.
Was, wenn der Spurenassistent bei den Söders dieser Welt auch ständig blinkt, sie aber nicht kapieren, dass hier gerade viele neue Hürden stehen? Sich nur auf den Assistenten zu verlassen heißt: Rums, Crash, fertig. Also: Flexibel und vorausschauend die Situation im Blick haben, vorher schon überlegen, welche Entscheidungen bei den Leuten was auslöst. Wenn man aber nur einen Sound drauf hat, schon Verschärfungen eines Lockdowns fordert, bevor der bereits verschärfte überhaupt eingetreten ist, dann ist das das genaue Gegenteil davon.

Es ist die Hilflosigkeit des Fahrers, der sich nur auf seine Technik verlässt. Ziemlich fahruntauglich würde ich sagen…was in dieser Analogie natürlich heißt – kanzleruntauglich…

David Emling

Willkommen in der wilden Grenzlandwelt mitten in Europa

Es ist ein wildes Land hier. Hier ist der Südwesten Deutschlands oder der Nordosten Frankreichs oder fast die Mitte der Europäischen Union oder weit weg von der Mitte Europas oder wie es Euch gefällt.
Kriege und Epidemien verwüsteten Jahrhunderte lang das Land. Die frühere reiche Kulturlandschaft verfiel wie ihre Burgen und Paläste. Seit 75 Jahren kämpft sie sich zurück. Oft mühsam, nie nachlassend, immer noch ein Zentrum suchend, um das man sich scharen kann.
Laute Fröhlichkeit und Weinseligkeit, Weck, Woi unn Worscht übertönen Melancholie und Sehnsucht nach Wahrheit, Licht und Freiheit. In vino sind nicht nur veritas, sondern auch Depressionen en masse.
Genug, sagen wir zwei, genug ist genug. Vorwärts, frech, frei und unfromm schlagen wir uns nach vorne durch. Und vorne ist, wo wir sind.

Und so sind wir sortiert:
Editorials sind das, was der Duden darüber sagt
Allgemein ist alles, was nicht was anderes ist
Literaten Welt ist der Platz von und für Schriftsteller
Frankfurters Welt ist die eigentümliche Weltsicht von Philipp Frankfurter
Pfälzer Spitzen
sind kleine Gemeinheiten aus der Hüfte geschossen
Soziologen Welt ist ernster als ernst, hier geht es zur Sache

David Emling & Peter Mohler       

Recht oder Gerechtigkeit?!

Als Philosoph müsste ich Ferdinand von Schirach beinahe dankbar sein, dass er moralische Zwickmühlen auf die Tagesordnung der deutschen Pseudo-Kulturguts-Verwaltung, also des Fernsehens, setzt. Aber eben nur beinahe, denn „die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Warum? Weil das jüngste Werk „Feinde“ in seiner Verengung kaum auszuhalten ist. Die Garnierung des Films bzw. der Filme mit Talkshows etc. tut natürlich sein Übriges.
Was meine ich? Zunächst den kruden binären Code, den dessen Erfinder Niklas Luhmann in der Schirach’schen Einfachheit verabscheut hätte. Was soll ein Gegensatz von Recht oder Gerechtigkeit zur Erkenntnis beitragen? Die Verengung wurde in den Zeitungen der vergangenen Woche fleißig kolportiert. Sicher ein Werbeeffekt, dem der Autor ja aber auch hätte widersprechen können. Hat er aber nicht, und so muss ich davon ausgehen, dass er genau auf diesen Gegensatz (der eben mitnichten einer ist) anspielt. Und es bietet sich ja für eine reißerische Story auch an: Eine Entführung (natürlich ein unschuldiges Mädchen), ein Bösewicht, ein guter Cop, etwas überfordert und selbst mit gleichaltriger Tochter, der Tod des Mädchens, dann die Verhandlung mit schmierigen Anwälten; die eben, und das ist die Botschaft, nur das „Recht“ verteidigen, nicht aber auf der Suche nach „der Gerechtigkeit“ sind. Oder, um dem Titel Rechnung zu tragen: sowohl Anwalt und Polizist sind Feinde, aber eben auch Recht und Gerechtigkeit?! Puh, einmal durchatmen.
Glücklicherweise gibt es in der Philosophiegeschichte allerlei Autoren, die sich mit ähnlichen Gedankenexperimenten ähnliche Fragen gestellt haben, so z.B. Thomas Nagel, der überlegt, ob ein verzweifelter Mann, der seine verletzten Freunde retten will, einem kleinen Jungen Gewalt androhen und ggf. antun darf, um dessen verängstigte Großmutter zur Hilfe zu bewegen. Es gibt davon noch reichlich, und deutlicher versierter, komplexer und länger beschrieben und vor allem diskutiert. Aber das wäre ja Arbeit, sich da hineinzulesen. Noch schlimmer aber, und das, liebe Leser, ist die kleine Botschaft hier: Solche Fragen sind einfach sauschwer zu beantworten. Eben weil es ethische Fragen sind.
Zudem: Moralphilosophische Argumentationen sind teils sehr konkret in die deutsche Rechtsprechung eingegangen, z.B. im Anschluss an 9/11. In Deutschland ist es nämlich verboten, ein Flugzeug allein deshalb abzuschießen, weil eventuell Terroristen es gekapert haben. Warum? Weil alle Insassen einzig als Mittel zum Zweck missbraucht würden – im Grunde genau die Argumentation eines gewissen Immanuel Kant. Ist das nun Recht, oder Gerechtigkeit, richtig oder falsch? Auch das ist schwer zu beantworten, nur eines ist klar: Eine moralphilosophische Haltung ist eindeutig ins deutsche Recht eingegangen.
Ferdinand von Schirach selbst sagte neulich, dass er anders als die meisten Zuschauer abstimmen würde (das ist ja so ein Gimmick seiner Stücke, diese Abstimmung anschließend) und eindeutig das Recht bevorzugt. Die Botschaft dieser Aussage ist: Ich gebe nicht meinen Instinkten nach und halte mich an das Recht. Moralischer Instinkt hier, Recht dort – wieder die Dichotomie, die es nicht gibt. Umso trauriger ist es, dass er damit dem Recht einen Bärendienst erweist, indem er es vermeintlich ethisch „richtigen“ oder zumindest „verständlichen“ Handlungen gegenüberstellt – und es damit massiv diskreditiert, statt es zu verteidigen. Den komplexen Zusammenhang zu beschreiben ist aber natürlich schwere und Arbeit, die sich leider so gar nicht mit billiger Effekthascherei und Talkshows am Sonntag Abend verträgt.  
David Emling

Weihnachten und politischer Zynismus

Frohes Fest! Das muss gesagt werden und immer wieder gesagt werden, denn die zweitausend Jahre alte Botschaft kündet von Befreiung, Gleichheit, Gerechtigkeit und Liebe. Der Rest ist Muff von zweitausend Jahren unter den Talaren. Freuet Euch alle, nicht nur die Christenheit, denn die Nachricht ist klar: lasst Euch nichts, aber auch gar nichts von Talar- und Krawattenträgern und deren weiblichen Epigonen einreden. Damit sind wir beim Thema.

Schrecklich, diese Bilder von Lastwagenschlangen vor Dover. Nicht vergessen, in jedem der Laster sitzt mindestens ein Nachbar, ein Freund, ein Verwandter, ein Mensch, nicht eine Maschine. Warum stehen die da vor Weihnachten herum? Boris sei Dank. Ohne Not stellt er sich hin, zischelt etwas von 70% infektiöserer Variante, knallt einen Überlockdown seiner Bürgerschaft vor die Füße und hofft klammheimlich, dass die Nachbarn nervös werden. Denen kam das gerade recht, mal so richtig Krawall machen. Blitzartig alle Grenzen zu, Menschen über Nacht im Flughafen einsperren, schaut her, wie stark und mächtig wir sind. Pustekuchen. Kleingeister, Auf-die-nächste-Wahl-Gucker, ungebildeter gesellschaftlicher Bodensatz. Taub für der Virologen Beruhigung. Der ganze Zinnober auf dem Rücken von Menschen, Nachbarn, Verwandten, Freunden, Gästen.
Dem setzen wir ein Krönchen mit den Bildern von in den Wald getriebenen Flüchtlingen auf. Lieber lass ich doch ein paar Leute im Wald verrecken, als dass ich auf die Bilder verzichte mit der tollen Abschreckung für Leute, die meine Nachrichten nicht sehen wollen oder können. Kein Transport in eine vernünftige Unterkunft um die Ecke. Gruselig. Gott schütze unsere Kinder, dass sie dereinst nicht in einem fremden Wald an Weihnachten verrecken.
Der ganz große Preis geht an Boris den Schrecklichen. Nicht vergessen, es gab eine ausverhandelte Vereinbarung zwischen der EU und GB. Und dann kam Boris. Der wollte seinen Spaß wie einst auf der Uni. Verhandlungsklamauk ohne Ende. Barnier & Co. sei Dank, dass die 27 EU-Partner nicht in diesem Tollhaus untergingen. Das Kleinkind Boris ist wohl von zu vielen B-Movies mit Chickenkämpfen verdorben worden (zwei Autos rasen aufeinander zu, wer zuerst ausweicht hat verloren). In seinem Eifer hat er verpasst, dass er schon am Start verloren hatte und Barnier nur die Trümmer auflesen und Heftpflaster an GB verteilen musste. Dafür durfte die EU- Kommission Weihnachten vertagen. Ja, auch dort arbeiten Verwandte, Freunde, Nachbarn.
Ein wackeliger Deal verpackt als Weihnachtsgeschenk, wo keiner weiß, an wen das Geschenk gehen soll, das ist nur die Spitze des Eisberges der alltäglichen Politikzynismen.

Also Leute – höret die zweitausend Jahre alte Botschaft von Befreiung, Gleichheit, Gerechtigkeit und Liebe. Verschließt Augen und Ohren vor den süßen zynischen Gesänge der Andermachtbleibenwollenden (aka Politikerinnen und Politiker).
Frohes Fest.

Philipp Frankfurter

Ich schreibe, also bin ich.

Was Schreiben heute bedeutet? Es ist ja nicht gerade so, dass diese Frage noch niemand gestellt hätte. Als ob es dazu nicht schon genügend Antworten gäbe. Aber vielleicht nur genug ungenügende. Warum sonst sollte jetzt auch noch David Emling das fragen? Nur um seinen Blog zu füllen?

David Emling habe ich in der Darmstädter Textwerkstatt bei Kurt Drawert kennen gelernt. Und schätzen gelernt. David ist nicht der Typ, der fragt, was schon alle gefragt haben, nur weil er es noch nicht gefragt hat. Und doch, so scheint es, hat das Thema ein bisschen diesen Geruch. Oberflächlich gerochen.

Was Schreiben heute bedeutet, weiß ich nicht. Interessiert mich auch nicht. Was David Emling Schreiben bedeutet oder Kurt Drawert, gestern, vorgestern oder morgen und von mir aus auch heute, das interessiert mich schon. Warum sie schreiben. Warum ich schreibe. Grundsätzlich, generell und überhaupt. Oder ganz konkret was. Und warum. Und warum gerade das, was, usw.. Das riecht nach frischer Erkenntnis.

Warum ich schreibe? Ich weiß, warum ich heute schreibe. Heute, an diesem trüben, nassen Dezembermorgen, dem Tag 0 vor dem Tag 1 der neuen Lockdown-Zeitrechnung. Ich schreibe, weil David mich gefragt hat. Und weil ich noch keine Lust habe, mit meinem Tagesgeschäften anzufangen. Die auch was mit Schreiben zu tun haben. Auftragsarbeiten. Die nix mit mir zu tun haben. Außer dass ich mit ihnen zu tun habe.

Aber warum schreibe ich, wenn ich schreibe, ohne einen Auftrag zu haben? Was treibt mich an? Wer oder was ist mein innerer Auftraggeber?

Warum schreibt ihr? Kurt Drawerts Frage auf einem Textwerkstattseminar an einem trüben Novemberwochenende in einem ähnlich trüben Seminarhotel. Klar, diese Frage gehört zum guten Geruch eines jeden Schreibseminars. Riecht nach Besinnungsübung. Schreibt es auf, sagte Kurt Drawert, ihr habt Zeit bis zur Kaffeepause. Und wir Textwerkstättler schrieben. Ich schrieb:

„Warum ich schreibe, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Trotzdem schreibe ich ziemlich viel, in der Summe, in der Rückschau betrachtet. Die Menge liegt möglicherweise an der Themenvielfalt, die Themenvielfalt möglicherweise daran, dass ich gar kein Thema habe. Jedenfalls kein bestimmtes lebensbegleitend existenzielles, das nach Aufarbeitung schreit. Möglicherweise steckt es ja noch zu tief im Inneren, so dass ich den Schrei nicht höre, nicht hören kann oder nicht hören will. Vielleicht komme ich also der Sache näher, wenn ich darüber nachdenke, was mich spontan zum Schreiben impulsiert.
Lust an der Sprache, Lust am Sprachwitz, an der Verfremdung, minimalinvasive Eingriffe ins Buchstabengefüge, die plötzlich einen hintergründigen Sinnkontext offenbaren. Assoziatives, Ironisches. Und immer mit mindestens doppelter, besser dreifacher Bodenlosigkeit.
Lust an der Formvorgabe, je enger, je lieber. Klassische Formen, je komplexer, je ehrgeizweckender. Ein Namensanagrammgedicht z.B. führt mich in einen zwischenbewussten Trancezustand, schaltet alle Synapsenampeln auf grün.
Lust an der Verdichtung, Minimalisierungen, Pointierungen. Kurzfassungen, das, wozu mir in der mündlichen Kommunikation zumeist die Disziplin fehlt. Oder die Disziplin zumindest kleiner ist als die narzisstische Neigung zur Selbstinszenierung. Entschuldigung, ich hatte nicht genügend Zeit, mich kurz zu fassen. Erich Kästner. Eines meiner seiner Lieblingszitate, nach diesem: Der Abend begann um halb acht. Als ich um halb elf auf die Uhr sah, war es halb neun. Ich hasse Lageweile. Außer wenn ich mit mir alleine bin.
Letztlich kommentiere ich lieber, bleibe damit außen vor. Und das ist dann doch vielleicht die Spur, die zur Innerlichkeit führt. Ich hatte nie das Gefühl, wirklich dazu zu gehören. Eine Not von frühster Kindheit an, aus der sich möglicherweise eine Tugend entwickelt hat. Die Not gibt es nur noch in meinen nicht sprachspielerischen Gedichten.
Ich schreibe nicht wg. des Prozesses, sondern für das Produkt. Und ich schreibe nicht für mich selbst. Aber möglicherweise passt diese Aussage genau an dieser Stelle nicht mehr: Ohne das Wissen, dass ein Dritter oder viele Dritte meine Texte lesen, würde ich sicher nichts schreiben. Was vielleicht auch nicht mehr stimmt. Auch nicht zur Bereicherung meiner Therapieakte. Was ganz bestimmt stimmt.
Schreiben ist die Ermöglichung eines ungleichzeitigen Dialogs. Gleichzeitig beginnt beim Schreiben mein Dialog in mir mit mir selbst. Und könnte gerade jetzt spannend werden.

Doch da kommt Kurt und es gibt Kaffee.“

Mein Kaffee im Hier und Jetzt ist kalt geworden. Und es gibt Kaffee auch nicht, ich muss mir einen machen. Das ist weiter kein Problem. Aufstehen, Kaffeetasse unterstellen, Knopf drücken.

Kaffee riecht nicht, Kaffee duftet nach frischer Erkenntnis. Draußen wird es langsam heller. Die Straßenlaternen sind ausgegangen. Und mir die Muse. Ich bin nicht mehr geneigt zu schreiben, was ich nicht muss. Die Pflicht ruft. Ich weiß noch nicht genau, was ich schreiben werde und nur ein bisschen, wie ich es anfange, aber ich weiß worüber. Und somit, was mir das Schreiben heute bedeutet.

Ich bin, also schreibe ich.
© Michael Hüttenberger – 20201215

Für was ich schreibe.

Ich schreibe, damit die Leser das vor sich haben, was ich hinter mir habe. Nie habe ich verstanden, wie man Stephen King als Nachtlektüre genießen kann. Ich mag mich nicht gruseln, das Leben ist gruselig genug. Aber wenn es denn schon Leute gibt, die sich noch vor Mitternacht voller Schauer über das grimmige Leben Texte reinziehen, warum dann nicht meine? Also schreibe ich, was mich bedrückt, was mir auf der Seele liegt. Ich schreibe es mir von der Seele und werfe es denen, die nichts zu bedrücken scheint, zu ihrer Wollust hin. Dann habe ich es hinter mir bis zum nächsten Mal.
Philipp Frankfurter

Weil ich’s nicht kann, schreibe ich

Irgendwo in einer meiner Schatztruhen liegt das amtliche Dokument meines Nichtschreibenkönnens. Mohler, setzen sechs, teilt der hauptamtliche Deutschlehrer mit. Danach ging’s bergauf zur Fünf und im Endspurt eine Vier als Gnadenbeweis. Ganz offensichtlich war das ein Akt der Befreiung für mich, denn schlimmer konnte es nicht mehr werden, dachte ich und schrieb munter ohne weitere Folgen vor mich hin.
Und es kam schlimmer. Nein, nicht wegen meiner Unentschiedenheit zwischen dem Recht und der Schreibung, sondern wegen meiner unschuldigen Annahme, linke Soziologen mögen keinen Blocksatz (das war noch vor der Zeit des Blogsatzes). Deshalb schrieb ich meinen Habilitationsvortrag mühsam mit der Hand, obwohl ich mit der Schreibmaschine und Zehnfingersystem viel flotter war. Weil aber Soziologen, die sich links dünkten, nur das äußerst mühsame Zweifingergeierhacksystem intus hatten (plus jede Menge Kraut), dachte die versammelte Fakultät, ich nähme sie mit meinem handschriftlichen Manuskript nicht ernst. Mit ernsten Folgen, denn ich musste noch mal ran.
Was lernte ich daraus? Die Leser und Zuhörer verstehen viel öfter als ich mag genau das Gegenteil von dem, was ich sagen will. Das wiederum beweist die Klugheit des hauptamtlichen Deutschlehrers. Kurz: ich kann’s nicht, deshalb schreibe ich.
Peter Mohler

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2025 Blog4587

Theme von Anders NorénHoch ↑