Wilder Südwesten

Schlagwort: Corona (Seite 1 von 2)

Armutszeugnis Triage

Dass überhaupt die Frage einer „Triage“, also der Kampf um ein Krankenbett in Deutschland, ernsthaft aufgeworfen werden musste, ist ein Armutszeugnis  für so ein reiches Land.
Rückblende: erinnern wir uns noch an die Notlazarette in China und Großbritannien, die fast über Nacht aus dem Boden gestampft wurden? Ebenso, wie die deutschen Megaimpfzentren, die, bevor man auf drei zählen konnte, aus dem Nichts heraus mit Personal und Instrumenten ausgestattet wurden.
Nicht vergessen sollten wir auch die, wie man sagt, 4.000 mitten in der Pandemie verschwundenen Intensivbetten inklusive Personal.
Und jetzt? Jetzt muss das Bundesverfassungsgericht  auf gesetzlich geregelte Triage drängen, weil Bettenknappheit droht.
Eine Schande ist das.
Aber vielleicht wächst auch Gutes daraus. Vielleicht wird eine nationale Ersatzreserve aufgebaut, mit der die verschollenen 4.000 Intensivbetten im Falle der Not schnell reaktiviert werden können?
Was glauben Sie, schaffen wir das?

Philipp Frankfurter

„Ich tendiere zu einer Impfpflicht“

sagt Christian Lindner, der Führer der Liberalen, am 2. Dezember 2021 in der FAZ. Jawoll, gepflegt gesagt, weniger gepflegt weitergedacht. Nein, nicht was  Sie gleich denken, wieder so ein Querkopf, der sich wissenschaftlicher Erkenntnis verweigert. Nein, gerade anders herum.
Wenn ich mich hinstellen würde und sagen, irgend etwas sei ultima ratio, absolut notwendig, um eine große Gefahr abzuwenden, dann würde man mich sofort nach der Evidenz meiner Ansicht fragen.
Würden Sie meinem Rat folgen, wenn ich zugeben müsste, nur über unzulängliches Wissen hinsichtlich des Vorkommens und der Verbreitung der Ursache meiner ultima ratio zu verfügen? Würden Sie mir folgen, wenn ich zugeben müsste, die allgemeinen Abwehrkräfte nicht gestärkt, sondern geschwächt zu haben? Würden Sie dennoch dreimal täglich Rizinusöl  schlucken?
Wer Impfpflicht sagt und das wie Lindner als ultima ratio hinstellt, muss sich deshalb solche Fragen gefallen lassen, die da wären: Warum fordern Sie nicht eine genaue Erfassung der Inzidenz zusammen mit dem derzeitigen Impfstatus (siehe Bayern)? Warum bestehen Sie nicht darauf zwischen „mit“ und „an“ Corona erkrankt oder verstorben unterscheiden zu können? Wo sind die vom Bundesrechnungshof gesuchten tausende Intensivbetten abgeblieben? Welche Maßnahmen wurden unternommen, um die Arbeit des pflegenden Personals nachhaltig zu verbessern?
Wie wollen Sie, Herr Lindner, aus der Pandemie kommen, wenn Sie weiterhin über keine klare Sicht auf die Dinge verfügen können? Was glauben Sie passiert, wenn weiter Intensivbetten klammheimlich abgebaut werden oder das Personal in Scharen davonläuft? Was wenn selbst die Vollgeimpften, wie ich, aus weniger betroffenen Gebieten, Ihnen die Gefolgschaft aufkündigen?
Ich für meinen Teil tendiere gewöhnlich dazu, nicht nur in bürokratischen Maßnahmen zu denken, sondern in gesellschaftlichen und ökonomischen Prozessen. Und dazu gehören verlässliche Informationen. Aber das scheint selbst den Liberalen nicht mehr so wichtig zu sein.
Philipp Frankfurter

Blindflug ohne Instrumente

Was wäre Navigieren heute ohne Instrumente? Wir  kämen nicht bei Franz in Rose Street, Key West,  rechtzeitig zur Weihnachtsfeier an – wenn überhaupt, Fliegen wäre nur sicher bei Sonnenschein, aber nicht gegen die Sonne, Schiffe strandeten allerorten, wo sie nicht sein wollten.
Jedoch, in dieser Pandemie sind wir der festen Überzeugung ohne Instrumente unseren Weg ganz sicher zu finden.
Die Geschichte der Wissenschaft ist voller scheinbar putziger Anekdoten über instrumentenfreie blindwütige Katastrophen. So etwa Folgende: eine britische Armada ist auf Heimfahrt, Herr Admiral gibt Befehl „da lang“, der Obermaat räuspert sich und meint, „da lang“ seien Untiefen. Damals war Widerspruch ein todeswürdiges Verbrechen. Also wurde der Obermaat kurzerhand an der Rah aufgeknüpft. Dadurch entging er allerdings dem kläglichen Ersaufen, alldieweil in der stürmischen nächsten Nacht die herrliche admiralblindgesteuerte Armada auf die besagten Untiefen lief und absoff.
Warum? Das war die Zeit, bevor es genaue Längenmessungen (Längengrad/Breitengrad) mittels exakter Uhren gab. Man konnte zwar den Breitengrad gut bestimmen, aber wo man da gerade war, ob in Berlin, Paris oder Warschau, musste man irgendwie abschätzen. Und da galt halt des Admirals Meinung mehr als des Obermaat Erinnerung.
Heute heißt solches Abschätzen „Modellieren“. Das heißt, ich versuche vernünftige Annahmen über die Geschwindigkeit und Richtungswechsel meines Schiffes zu machen, um dann abzuschätzen, wo ich in zehn Stunden sein könnte, aber nicht unbedingt sein muss, siehe oben.
Und was hat das mit heute und Corona zu tun? Alles. Beispiel: heute sind in einem amerikanischen Bundesstaat 2 Omicron Corona Fälle festgestellt worden. Zufällig, weil zufällig per Test erfasst. Nicht systematisch im Rahmen eines engmaschigen dauernden Beobachtungsystems. Nur dann wüsste man, ob 2 viel oder mehr oder weniger nichts ist.
So ein dauerhaftes Beobachtungssystem wären sehr große Bevölkerungsstichproben, wo sagen wir, 1 Million Menschen zweimal die Woche getestet werden und auf Corona Kontakte befragt werden usw. Man kann sich das wie eine engmaschiges Netz vorstellen, in dem die relativ wenigen Fälle Corona positiv Getesteter systematisch gefunden werden. Warum „wenige Fälle“? Sind 70.000 pro Tag nicht eine enorm große Zahl. Im Prinzip ja, sehr groß, doch bezogen auf 80.000.000 Einwohner nur 0,08%, die sich bis auf Hotspots übers ganze Land verteilen (rechnerisch 223 pro Quadratkilometer).
Wenn man weiß, wo man die Einwohner  üblicherweise findet, also in Gemeinden und Städten, ist es allerdings relativ einfach, eine angemessene Stichprobe für eine „Coronadauerbeobachtung“ zu planen. Für, an den übrigen Coronakosten gemessen, kleines Geld könnte man dann sein Meßinstrument bauen, nutzen und dann die Untiefen der wechselhaften Lockdowns durch exaktes Ausloten vermeiden. Natürlich wäre das mit Anstrengung verbunden, denn ein Messen indem man mit Menschen Kontakt aufnimmt und mit ihnen kommuniziert, erfordert Kraft, Einfühlungsvermögen, Geduld und größte Beharrlichkeit. Dies ist nicht jeder Wissenschaftlerin gegeben.
Sind ja neugierige Leute, diese Wissenschaftler, oft menschenscheu und ungeduldig.
Deshalb lieber im warmen Stübchen den Computer anwerfen, sich ein paar lauwarme Gedanken machen, was denn so der Fall sein kann, im Web nach Zahlen suchen, die wie Daten aussehen, aber keine sind, weil nicht „gegeben“ (datum), sondern „erdacht“, „erzettelt“ oder „erzählt“ sind. Was diese Zahlen mit gemessenen Daten gemeinsam haben ist alleine ihre Form, also „1234567890“,  damit kann man den Computer gut täuschen.
Das ist nicht meine Welt, Frau Admiralin, ich will keinen Blindflug ohne Instrumente, ich will exakte Daten. Und, „da geht’s lang“ modelliert, da ist mit Verlaub gesagt in meiner Erinnerung eine Untiefe. Ihr könnt mich jetzt für meine unbotmäßige Meßsucht hängen, aber das ist mir dann doch lieber, als demnächst elendiglich zu ersaufen.

Philipp Frankfurter

Trauma 2021

Da steht sie vor mir, die Krankenpflegerin, geimpft und doch war sie von Corona heftig gebeutelt. Gedämpft und heute geschützt durch FFP 2 erzählt sie, wie es ihr erging. Wie sie eine fast volle Ladung Viren abbekam, schwerlich gebremst durch die einfache OP-Maske.
Da steht er vor mir, der Kollege, der seine todkranke Angehörige weder fühlen noch sehen durfte, egal, ob er das Risiko der Ansteckung auf sich nehmen wollte oder nicht.
In der Luft hängen noch die stummen Schreie nach Zuwendung, die verzweifelten Gebete nach Nähe, die laute Trauer der Ausgesperrten.
Welcher Teufel ist in uns gefahren? Wieso konnten wir unsere Menschlichkeit so leicht aufgeben? Warum standen wir nicht für einander ein?
Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?
Hier bei und unter uns.
Was für ein Elend.

Philipp Frankfurter

Manipulation

Und wieder laufen, hin und her, versuchen zu Ihr durchzukommen. Der Weg ist versperrt, der nicht begehbar, mühsam, keuchend durchs Watt sich vorkämpfen, irgendwann verzweifelt an einer Hotelrezeption nur noch um ein Zimmer für die Nacht bettelnd, da, von der Seite, ein strahlendes Lächeln, ich bin da, habe Dich die ganze Zeit gesehen.
Jähes Aufwachen aus dem Traum. Was hätten Sie gefühlt?
Unbändige Freude, dass es doch geklappt hat? Doch das Ziel erreicht!
Nicht bei mir, der letzte Teil des Traumes war wütend, zornig und beziehungsbeendend. Es gibt Spiele, die ich nie gespielt habe, bei denen ich nicht mitgemacht habe und nicht einbezogen werden will.
Einen bewusst zu hintergehen, mit der Verzweiflung der anderen spielen, abgehoben sich fast allwissend geben, nicht meine Sache. War ein übler Traum. Er kam aus dem Nichts. Einfach so, oder auch nicht? Wo gab es in letzter Zeit solche bewusste Manipulation?
Wie wäre es mal sich zu erinnern. Zum Beispiel an die Stellungnahme der Leopoldina zu Corona, wo Masken als untauglich bezeichnet wurden. Unterschrift: die allwissende Kollegenschaft. Manipulation? Ja, wenn man die alten Datenblätter der Berufsgenossenschaften kennt, die eindeutigen Schutz vor Viren durch geeignete Masken im beruflichen Alltag schon lange vor Corona festgestellt haben.
Oder, an die noch maskenlosen Hygienemaßnahmen zu dauernden Händedesinfektion. Nichts gegen saubere Hände, aber gegen Aerosole helfen die garantiert nicht, nur Drosten traute sich (damals) noch dies leise zu erwähnen.
Oder an die endlosen Versprechungen zur Freiheit, eine nach der anderen wegvergessen. Nachfragen irrelevant.
Oder, die Impfpflicht mit Hinweis auf die AfD abzulehnen (weil die es will) oder, oder, oder.
Corona ist vorbei. Wir sind wieder frei, so der Traum.
Was wird sein, wenn alle aus dem Traum erwachen, was werden sie fühlen? Unbändige Freude oder unbändige Wut?

Philipp Frankfurter

Anno 1421 nach Philipp Frankfurter und Ockham’s Razor Anno 2021

Es begab sich am Abend des St. Magdalenentags im Jahre 1421 zum Dom in Mainz als die Gemeinde tief in Rosenkränzen versunken unverhofft im Finstern saß. Alle Kerzen mit  einem Male erloschen. Ein vielstimmiges Ahhh erscholl, ein Zeichen Gottes! Der Hauch des Heiligen Geistes hatte die Kerzen gelöscht! Laut wurde Gott für dieses Wunder gepriesen. Als von hinten die sonore Stimme des Küsters rief „mach die Deer zu s‘zieht“.

Am nächsten Tag ward der Scheiterhaufen gerichtet und der vorwitzige Küster ins verdiente Jenseits befördert. Bis heute wird seiner Blasphemie an jedem St. Magdalenentag mit Schaudern gedacht.

Was, fragt der sich modern dünkende Mensch, war in die Leute in Mainz nur gefahren? Nichts besonderes, antwortet die zeitgenössische Psychologie. Es ist das dunkle, mysteriöse, das uns anstelle des alltäglichen „es zieht“ in seinen Bann schlägt.
Ist ja gut für spannende Geschichten. Weniger gut, um mit wirklichen Dingen, wie ausgepustete Kerzen vernünftig umzugehen
.“ Philipp Frankfurter, Blog4587.eu

Lieber Philipp, so weit so kurz. Viel zu kurz, fast ein echter Kurz. Spaß beiseite, warum zu kurz? Weil Du, verehrter Herr Kollege*in, den wesentlichen Knackpunkt einer populären Darstellung zu Liebe weggelassen hast. Dieser Knackpunkt heißt im Fachjargon der Philosophen Ockham’s Razor und besagt Folgendes: wenn es für einen Sachverhalt zwei miteinander konkurrierende Erklärungen gibt, dann solle man die einfachere, mit weniger Annahmen verbundene, Erklärung als zutreffend nehmen.
In Deinem Falle sagt Erklärung 1 es genügte, sich an Kinder und Pusteblumen zu halten und empirisch den Versuch machen ob „Tür auf und Zugluft“ die Kerzen zum Erlöschen bringt oder nicht; Erklärung 2 benötigte erstens einen Gottesbeweis, zweitens eine Annahme, das Gott als Heiliger Geist Luftzug erzeugen kann, drittens, dass es gute Gründe gibt, dass der Heilige Geist sich der Kerzen im Mainzer Dom annahm.
Es ist offensichtlich, dass „Tür auf“ weniger Annahmen zur Erklärung benötigt und, noch viel besser, empirisch beliebig wiederholbar ist. Nach Ockham’s vernünftiger Regel, wäre des Küsters Erklärung (Theorie) als „wahr“ oder „richtig“ zu akzeptieren.
Doch Ockham und all die anderen nach Licht und Erkenntnis strebenden haben die Rechnung ohne die Sehnsucht nach „großen“, „tiefen“, „hintergründigen“ Welterklärungen gemacht. Und auch ohne die Faulpelze, die lieber spekulieren als empirisch hart zu arbeiten oder die Unbescheidenen, die sich grundsätzlich nicht mit irgendeiner Beschränkung und sei es die Lichtgeschwindigkeit oder Gott abfinden wollen.
Die modernen quasi Mystiker der Wissenschaft gehören dem Geheimbund der „Modellierer“ an. Wie sagt aber der alttestamentarische Gott? Du sollst kein Bild von mir machen! Und was ist ein Modell? Ein Abbild, eben. In Deinem Fall ein Abbild von etwas empirisch noch nicht oder vielleicht gar nicht Fassbarem. Wenn ich mit meinem Modell fertig bin, stelle ich es wie eine Götzenfigur hin und lasse es (und damit natürlich auch mich, dessen Schöpfer) anbeten. Bin ich deutlich genug?

Klingt alles etwas bizarr? Nun, wie wäre es mit etwas Erinnerung an frühere Götzenbilder : zum Beispiel die vielen abgestürzten Modelle der Wahlforscher, die Fehlprognosen des Club of Rome, oder mal ganz anders, die Schreckenszenarien der Weltuntergangsleute Anfang des 20. Jahrhunderts.

Gegen diese Modellgötzen stehen Rosling und die Phalanx der langen Zeitreihen von statistischen Ämtern und Umfragen. Allerdings, ihnen fehlt das dunkle, mythische, eben die unheimlich Begegnung der 4. Art. Also müssen sich die Empiriker heute, im Jahr 2021, weiterhin und ganz besonders tapfer gegen die schrecklichen Vereinfacher, genannt Modellierer, unterschiedlichster Couleur zur Wehr setzen. Corona sei’s geklagt.
Wie gesagt, das Mystische des Modellierens hat einen unheimlichen, höllischen Sog. Es zieht die Politik an und die in ihr agierenden Politiker. Und wir lauschen angespannt, weil es so viel spannender ist, als des Küsters schlichter Ruf „mach die Deer zu, s’zieht“.
Anders gesagt, Modellierer, das sind die neuen Gottesersatzleute, die mittels Excel und höher es schaffen, den Heiligen Geist wahrscheinlicher als des Küsters Zugluft zu machen. Goodbye Ockham, welcome Modellschreiner Müller.

Also verehrter Philipp, seien wir vorsichtig, bevor wir das Offensichtliche sagen, es könnte uns vielleicht ganz real heiß unter den Füßen werden.

Peter Mohler

 

Möchtegerndiktatoren*

Aus der Pfalz kommt nur Gutes. Zum Beispiel Ketchup à la Heinz. Gelegentlich gibt es auch Ausreißer. Der neueste Heinz gehört dazu. Er reiht sich schamlos in die Riege der vielen Möchtegerndiktatoren* aus Wissenschaft und Medien ein. Hervorgetan hat er sich durch interessante Vorstellungen über grundgesetzliche Freiheiten (und das in der Pfalz, einer der Wiegen der deutschen Demokratie). Wobei er selber kein Vorbild hinsichtlich des Aufbaus von Teststationen in der Pfalz ist. Haben Sie in diesem Zusammenhang schon mal gezählt, wie oft Wissenschaftlerinnen und Medienschreiber das Wort „müssen“, immer auf andere bezogen, verwenden?
Ich finde das schon krankhaft, dieses anderen Vorschreiben zu wollen, was sie tun und lassen sollen. Zugleich scheuen Wissenschaftler und Schreiber das harte Brot der Politik, wo man um Zustimmung wirbt und sie selten genug  bekommt, weil andere auch gute Ideen haben. Gut so. Wo kämen wir hin, wenn sich meine beschränkte Weltsicht durchsetzen sollte? In die Klinik wahrscheinlich. Vielleicht sollte sich der neue Heinz mal dorthin zurückziehen. Bedauerlicherweise, so sehe ich das, ist er ein medizinisch hoffnungsloser Fall. Ein palliativer Undemokrat. Punkt.

Philipp Frankfurter
* unser neuer Heinz: https://www.sueddeutsche.de/politik/corona-aktuell-reisen-impfen-1.5342284

Adolf Hitlers letzter Sieg?

Habe ich Ihre Aufmerksamkeit erregt? Gut bleiben Sie dran. Zuerst aber zum kleinen Einmaleins, nein, vielleicht doch eher zum Sport. Das höchste Lob, das ich als Torwart erfuhr, war der Beifall des Gegners für eine gelungene Abwehr. Besseres konnte einem nicht passieren. Hätte mir einer gesagt, ich sollte weniger gut spielen, damit die Gegner nicht applaudieren, hätte ich an dessen Verstand gezweifelt. Da passt auch das kleine Einmaleins hin: sagt einer von der Afd 1+1=2, stimmt das dann oder muss ich das politisch hinterfragen? Oder stimmt mir einer von der AfD zu, wenn ich sage 2+2=4, bin ich dann ein Rechter? Was ist wirklich dran am „falschen Beifall von der falschen Seite“? Oder trifft das nur auf Söder zu?
Nähern wir uns Adolf Hitlers letztem Sieg. Als ich aufwuchs, trauerte man noch über den Verlust der messerscharfen jüdischen Satire, Kritik und Philosophie. Nur aus Büchern konnte man erahnen, welche kulturelle Triebkraft in Deutschland fehlte. Sehr, sehr vereinzelt konnte man die Luzididät dieser Denkschule am Horizont aufleuchten sehen. Stattdessen machte sich der deutsche Besinnungsaufsatz breit. Wie sagte doch der amtlich bestellte Lehrer? „der Schüler ersetzt durch Tiefe, was er an Breite vermissen läßt“. Ja, breit, sehr breit alle möglichen Argumente aufführen, umrühren, zusammenführen und ein abgetropftes, abgestandenes, niemanden beunruhigendes Ergebnis formulieren. Breitstrahler, am besten rosarot, anstelle scharfer Laser.
Eine Gesellschaft, die verlernt hat, mit dem scharfen Laser jüdischer Tradition umzugehen, verbrüht sich am sanften Licht der besinnlichen deutschtümlichen Bräsigkeit und Oberlehrerhaftigkeit.
Adolf Hitler und seine vielen Gefolgsleute haben die deutsche Kultur ihrer jüdischen Tradition beraubt. Die unsäglichen Debatten um  künstlerische Verarbeitungen der allgemeinen Coronitis deuten Hitlers letzten Sieg an. Wollen wir das wirklich hinnehmen? Oder vielleicht doch dann lieber den guten Paraden der Gegner Beifall zollen?
Philipp Frankfurter

Daten-Notschrei oder die Armada läuft auf Grund

Ausgangssperre! Heißes Thema, auf und ab diskutiert. Eine der besten Darstellungen hat die formidable Sibylle Anderl in der FAZ gegeben.* Ihr Fazit: nichts genaues weiß man nicht, insbesondere weil die  Frage nach der Wirkung von Ausgangssperren komplexe, umfangreiche Untersuchungen erforderte, die es eben nicht gibt.
Bevor es ernst wird und wir  zu schlechten coronösen Datenlagen kommen, eine kleine Episode aus der Geschichte der Seefahrt, berichtet von Dava Sobel**: Seit ewigen Zeiten konnten Seefahrer den Breitengrad, auf dem sie sich gerade bewegten, mit Hilfe des Sonnenstandes sehr genau bestimmen. Das war zwar sehr hilfreich, jedoch wusste man nicht, wo genau man sich auf dem Breitengrad befand. Hässlich, wenn man bedenkt, dass der Breitengrad am Äquator 40.000km lang ist. Da kann man sich schon mal verlaufen. So geschah es auch mit einer britischen Armada, die nach langer Seereise guten Mutes der Heimat zusteuerte. Allerdings war die Sicht nicht gut, eher schlecht und der Wind stark. Auch wenn der Admiral in seine neues Fernrohr starrte, sah er nur grauen Dunst. Dennoch hielt er munter seinen Kurs. Da meldete sich ein erfahrener Maat mit letztem Mut zu Wort. Er meinte, man steuere geradewegs auf Sandbänke zu, der Untergang drohe. Nun wurde bei so freier Rede damals kurzer Prozess gemacht. Der Maat wurde unverzüglich aufgeknüpft und die stürmische Fahrt fortgesetzt. So wurde ihm das schlimmere Schicksal des elendiglichen Ersaufens erspart, das den Rest der Armada einschließlich Admiral am nächsten Tag traf.
Fehlende Daten, hier die Information, an welchem Punkt des Breitengrades die Armada sei, war die Ursache dieses und vieler anderer Unglücke, bis John Harris im 18. Jahrhundert Uhren konstruierte, die sehr genau gingen. Damit konnte man dann den Abstand zum Ausgangshafen genau berechnen oder anders gesagt, der Längengrad konnte so gut bestimmt werden, wie der Breitengrad. Die Datenlage war bereinigt und fast alles wurde gut.
Nach diesem Ausflug in die Geschichte der Seefahrt wird die Leserschaft sicher bemerkt haben, worauf es hier hinausläuft: auch in der Pandemie fehlen entscheidende Daten. Die Admirale steuern munter auf dem bekannten Breitengrad entlang, ohne zu wissen, wo die nächste Untiefe ist. Da ist Schiffbruch sehr wahrscheinlich.
Der Unterschied zum 18. Jahrhundert ist allerdings, dass es keines John Harris bedarf, um die fehlenden Informationen oder Daten zu beschaffen. Die notwendige Technik ist vor mehr als hundert Jahren erfunden worden und wurde seitdem stetig verbessert. Ihr Name ist „Umfrageforschung“. Gerne in der Politik zur Beliebtheitsmessung herangezogen, dagegen argwöhnisch beäugt, wenn es um wichtige soziale Tatsachen, insbesondere die Wirkung politischer Maßnahmen geht. So gab es zum Beispiel zur Wirkung der Umstellung des Sozialsystems genannt HartzIV, keine umfassende, öffentlich finanzierte Wirkungsforschung. Na ja, mit den Arbeitslosen  und Sozialhilfeempfängern meinten die Zyniker könne man ja machen, was man wolle. So, aber hier und heute, geht es um uns alle. Ausgangssperre! Und noch viel mehr! Volle Kanne im Blindflug auf die Sandbank!
Deshalb liebe Mitbürgerschaft, schaut Euch doch mal den Daten-Notschrei der empirischen Statistiker an uns alle an: https://www.dagstat.de/fileadmin/dagstat/documents/DAGStat_PI.pdf  ***
In einem Satz heißt der Daten-Notschrei: „gute Pandemiedaten braucht jedes Land. Jetzt.“
Schreibt Leserbriefe, sagt es weiter, geht Euren Abgeordneten auf die Nerven, lasst Euch nicht entmutigen und von hochnäsigen Admiralen bedrohen. Dann wird  alles gut, fast.

Peter Mohler

*Sibylle Anderl, Abends nur noch drinnen? FAZ-Net, wer Corona satt hat, sollte mal ihr Buch „das Universum und ich“ lesen. Astrophysik kann wirklich Spaß machen.
** Dava Sobel, Longitude, 1995, deutsch: Längengrad- Die wahre Geschichte eines einsamen Genies, welches das größte wissenschaftliche Problem seiner Zeit löste.
*** DAGSTAT ist die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Statistik. Ihr gehören an: Deutsche Statistische Gesellschaft, Internationale Biometrische Gesellschaft – Deutsche Region, Fachgruppe Stochastik der Deutschen Mathematikervereinigung, Gesellschaft für Klassifikation, Verband deutscher Städtestatistiker, Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie, Verein zur Förderung des schulischen Stochastikunterrichts, Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie, Ökonometrischer Ausschuss des Vereins für Socialpolitik, Fachgruppe Methoden und Evaluation der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Sektion Methoden der Empirischen Sozialforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, European Network for Business and Industrial Statistics – Deutsche Sektion, DESTATIS – Statistisches Bundesamt,  Sektion Methoden der Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft.

Brief aus der Zukunft

Landswinda Vilare, 30. Mai 2111

Lieber Philipp,
morgen öffnen die Staatsarchive ihre Tresore zur Coronakrise von 2020. Aus Deinem Nachlass weiß ich, wie Dich diese Krise damals umgetrieben hat. Die fast wöchentlich wechselnden Informationen über das, was damals Covid19 hieß, haben Dich offensichtlich immer wieder sehr beschäftigt. Wie konntest Du das damals nur aushalten? Ich schreibe Dir heute, am Tag vor der Wahrheit, um mich Deiner und Deiner Generation zu erinnern, um noch einmal mir vor Augen zu führen, was vor fast hundert Jahren alles an Wahrheiten, Gerüchten, Machtspielen und platten Lügen auf Euch prasselte.
Da ist zuerst die bis heute offizielle Geschichtsschreibung, nach der ein todbringender Virus innerhalb weniger Monate sich über tausende von Kilometern verbreitete. Er wütete anfänglich sehr unterschiedlich; in München, dort schnell lokalisiert und eingedämmt, in Bergamo dagegen übel wütend, von Wuhan kennt man nur Ungefähres. Dann durchdrang er alle Welt. In Deiner Heimat, damals Europäische Union, heute Teil von  Palatina Occidentalis, traf er auf ein vernachlässigtes, ökonomisch ausgerichtetes Gesundheitssystem, das mit voller Wucht getroffen wurde und sich seitdem nicht mehr erholt hat, sondern gemeinwirtschaftlich betrieben werden muss.
Viele, auch Du, wollten einen klaren Kopf bewahren, alles tun, was möglich sei um eine Katastrophe abzuwenden. Die Bürokratie versuchte ihr Bestes, die Politik hörte auf manche Wissenschaftlers, Ihr Menschen ward damals enorm geduldig.
Von heute auf morgen habt Ihr Euer Leben auf den Kopf gestellt. Ihr habt privat auf fast alles, was das Leben wert macht, verzichtet, um schlecht geführte Pensionistenheime und die große Wirtschaft zu schützen. Immer wieder hat man Euch gesagt „haltet durch, in ein paar Wochen ist alles vorbei“. Im letzten großen Krieg haben das die Leute „Durchhalteparolen“ genannt. Wie gebannt habt Ihr auf die täglichen Nachrichten des Robert-Koch-Instituts gestarrt. Gehofft habt Ihr, dass die Zahlen irgendwie der Wirklichkeit entsprechen, weil Ihr sonst verrückt geworden wärt. Welle auf Welle habt Ihr durchgestanden, ohne dass klar war, wo genau der Virus zuschlug (morgen werden auch diese Daten öffentlich). Und dann, am 22. September 2021, als in Deiner Heimat der Notstand offiziell für beendet erklärt wurde (ein halbes Jahr nach anderen Ländern),  habt Ihr nicht einmal mehr die Kraft zum Feiern gehabt.
Das ist die eine Geschichte, die offizielle.
Parallel dazu wurde alles, was möglich ist erfunden, auch, dass es den Virus nicht gab. Das habt Ihr locker als Lüge weggeschoben. Andere Narrative haben Euch mehr zu schaffen gemacht. Etwa das Narrativ der relativen Harmlosigkeit des Virus, weil  bestimmte Rechnungen keine höhere Sterblichkeit ergaben. Dass das Maskentragen sogar die Grippe praktisch zum Erliegen gebracht hatte. Andere behaupteten, die hohe Sterblichkeit der künstlich Beatmeten sei auf Behandlungsfehler zurückzuführen, weil viel zu viele an die Beatmungsgeräte angeschlossen worden seien und diese seien reine Bakterienschleudern. Andere bezweifelten die Gültigkeit und Zuverlässigkeit der offiziellen Daten. Sie seien so schlecht erhoben worden, dass selbst der Papierkorb zu schade für sie gewesen sei.
Das alles habt Ihr weggesteckt, weiter gemacht, nicht die Bazooka ausgepackt, nicht die radikalen Parteien gewählt, nicht den großen Populisten auf den Leim gegangen (wohl aber den kleinen). Hut ab, Respekt. Ich weiß nicht, wie ich mich an Eurer Stelle verhalten hätte. Wahrscheinlich hätte ich revoltiert, aber das ist im Nachhinein leicht gesagt (vor allem unter der gütigen Herrschaft von Miranda III, Kaiserin von Palatina Occidentalis).
Lieber Philipp, ich hoffe, morgen wird das offizielle Narrativ bestätigt. Alles andere wäre sehr, sehr traurig. Hoffen wir.
In liebevoller Erinnerung
Dein Urgroßneffe
Heinrich Philipp

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