Wilder Südwesten

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Anno 1421 nach Philipp Frankfurter und Ockham’s Razor Anno 2021

Es begab sich am Abend des St. Magdalenentags im Jahre 1421 zum Dom in Mainz als die Gemeinde tief in Rosenkränzen versunken unverhofft im Finstern saß. Alle Kerzen mit  einem Male erloschen. Ein vielstimmiges Ahhh erscholl, ein Zeichen Gottes! Der Hauch des Heiligen Geistes hatte die Kerzen gelöscht! Laut wurde Gott für dieses Wunder gepriesen. Als von hinten die sonore Stimme des Küsters rief „mach die Deer zu s‘zieht“.

Am nächsten Tag ward der Scheiterhaufen gerichtet und der vorwitzige Küster ins verdiente Jenseits befördert. Bis heute wird seiner Blasphemie an jedem St. Magdalenentag mit Schaudern gedacht.

Was, fragt der sich modern dünkende Mensch, war in die Leute in Mainz nur gefahren? Nichts besonderes, antwortet die zeitgenössische Psychologie. Es ist das dunkle, mysteriöse, das uns anstelle des alltäglichen „es zieht“ in seinen Bann schlägt.
Ist ja gut für spannende Geschichten. Weniger gut, um mit wirklichen Dingen, wie ausgepustete Kerzen vernünftig umzugehen
.“ Philipp Frankfurter, Blog4587.eu

Lieber Philipp, so weit so kurz. Viel zu kurz, fast ein echter Kurz. Spaß beiseite, warum zu kurz? Weil Du, verehrter Herr Kollege*in, den wesentlichen Knackpunkt einer populären Darstellung zu Liebe weggelassen hast. Dieser Knackpunkt heißt im Fachjargon der Philosophen Ockham’s Razor und besagt Folgendes: wenn es für einen Sachverhalt zwei miteinander konkurrierende Erklärungen gibt, dann solle man die einfachere, mit weniger Annahmen verbundene, Erklärung als zutreffend nehmen.
In Deinem Falle sagt Erklärung 1 es genügte, sich an Kinder und Pusteblumen zu halten und empirisch den Versuch machen ob „Tür auf und Zugluft“ die Kerzen zum Erlöschen bringt oder nicht; Erklärung 2 benötigte erstens einen Gottesbeweis, zweitens eine Annahme, das Gott als Heiliger Geist Luftzug erzeugen kann, drittens, dass es gute Gründe gibt, dass der Heilige Geist sich der Kerzen im Mainzer Dom annahm.
Es ist offensichtlich, dass „Tür auf“ weniger Annahmen zur Erklärung benötigt und, noch viel besser, empirisch beliebig wiederholbar ist. Nach Ockham’s vernünftiger Regel, wäre des Küsters Erklärung (Theorie) als „wahr“ oder „richtig“ zu akzeptieren.
Doch Ockham und all die anderen nach Licht und Erkenntnis strebenden haben die Rechnung ohne die Sehnsucht nach „großen“, „tiefen“, „hintergründigen“ Welterklärungen gemacht. Und auch ohne die Faulpelze, die lieber spekulieren als empirisch hart zu arbeiten oder die Unbescheidenen, die sich grundsätzlich nicht mit irgendeiner Beschränkung und sei es die Lichtgeschwindigkeit oder Gott abfinden wollen.
Die modernen quasi Mystiker der Wissenschaft gehören dem Geheimbund der „Modellierer“ an. Wie sagt aber der alttestamentarische Gott? Du sollst kein Bild von mir machen! Und was ist ein Modell? Ein Abbild, eben. In Deinem Fall ein Abbild von etwas empirisch noch nicht oder vielleicht gar nicht Fassbarem. Wenn ich mit meinem Modell fertig bin, stelle ich es wie eine Götzenfigur hin und lasse es (und damit natürlich auch mich, dessen Schöpfer) anbeten. Bin ich deutlich genug?

Klingt alles etwas bizarr? Nun, wie wäre es mit etwas Erinnerung an frühere Götzenbilder : zum Beispiel die vielen abgestürzten Modelle der Wahlforscher, die Fehlprognosen des Club of Rome, oder mal ganz anders, die Schreckenszenarien der Weltuntergangsleute Anfang des 20. Jahrhunderts.

Gegen diese Modellgötzen stehen Rosling und die Phalanx der langen Zeitreihen von statistischen Ämtern und Umfragen. Allerdings, ihnen fehlt das dunkle, mythische, eben die unheimlich Begegnung der 4. Art. Also müssen sich die Empiriker heute, im Jahr 2021, weiterhin und ganz besonders tapfer gegen die schrecklichen Vereinfacher, genannt Modellierer, unterschiedlichster Couleur zur Wehr setzen. Corona sei’s geklagt.
Wie gesagt, das Mystische des Modellierens hat einen unheimlichen, höllischen Sog. Es zieht die Politik an und die in ihr agierenden Politiker. Und wir lauschen angespannt, weil es so viel spannender ist, als des Küsters schlichter Ruf „mach die Deer zu, s’zieht“.
Anders gesagt, Modellierer, das sind die neuen Gottesersatzleute, die mittels Excel und höher es schaffen, den Heiligen Geist wahrscheinlicher als des Küsters Zugluft zu machen. Goodbye Ockham, welcome Modellschreiner Müller.

Also verehrter Philipp, seien wir vorsichtig, bevor wir das Offensichtliche sagen, es könnte uns vielleicht ganz real heiß unter den Füßen werden.

Peter Mohler

 

Möchtegerndiktatoren*

Aus der Pfalz kommt nur Gutes. Zum Beispiel Ketchup à la Heinz. Gelegentlich gibt es auch Ausreißer. Der neueste Heinz gehört dazu. Er reiht sich schamlos in die Riege der vielen Möchtegerndiktatoren* aus Wissenschaft und Medien ein. Hervorgetan hat er sich durch interessante Vorstellungen über grundgesetzliche Freiheiten (und das in der Pfalz, einer der Wiegen der deutschen Demokratie). Wobei er selber kein Vorbild hinsichtlich des Aufbaus von Teststationen in der Pfalz ist. Haben Sie in diesem Zusammenhang schon mal gezählt, wie oft Wissenschaftlerinnen und Medienschreiber das Wort „müssen“, immer auf andere bezogen, verwenden?
Ich finde das schon krankhaft, dieses anderen Vorschreiben zu wollen, was sie tun und lassen sollen. Zugleich scheuen Wissenschaftler und Schreiber das harte Brot der Politik, wo man um Zustimmung wirbt und sie selten genug  bekommt, weil andere auch gute Ideen haben. Gut so. Wo kämen wir hin, wenn sich meine beschränkte Weltsicht durchsetzen sollte? In die Klinik wahrscheinlich. Vielleicht sollte sich der neue Heinz mal dorthin zurückziehen. Bedauerlicherweise, so sehe ich das, ist er ein medizinisch hoffnungsloser Fall. Ein palliativer Undemokrat. Punkt.

Philipp Frankfurter
* unser neuer Heinz: https://www.sueddeutsche.de/politik/corona-aktuell-reisen-impfen-1.5342284

Adolf Hitlers letzter Sieg?

Habe ich Ihre Aufmerksamkeit erregt? Gut bleiben Sie dran. Zuerst aber zum kleinen Einmaleins, nein, vielleicht doch eher zum Sport. Das höchste Lob, das ich als Torwart erfuhr, war der Beifall des Gegners für eine gelungene Abwehr. Besseres konnte einem nicht passieren. Hätte mir einer gesagt, ich sollte weniger gut spielen, damit die Gegner nicht applaudieren, hätte ich an dessen Verstand gezweifelt. Da passt auch das kleine Einmaleins hin: sagt einer von der Afd 1+1=2, stimmt das dann oder muss ich das politisch hinterfragen? Oder stimmt mir einer von der AfD zu, wenn ich sage 2+2=4, bin ich dann ein Rechter? Was ist wirklich dran am „falschen Beifall von der falschen Seite“? Oder trifft das nur auf Söder zu?
Nähern wir uns Adolf Hitlers letztem Sieg. Als ich aufwuchs, trauerte man noch über den Verlust der messerscharfen jüdischen Satire, Kritik und Philosophie. Nur aus Büchern konnte man erahnen, welche kulturelle Triebkraft in Deutschland fehlte. Sehr, sehr vereinzelt konnte man die Luzididät dieser Denkschule am Horizont aufleuchten sehen. Stattdessen machte sich der deutsche Besinnungsaufsatz breit. Wie sagte doch der amtlich bestellte Lehrer? „der Schüler ersetzt durch Tiefe, was er an Breite vermissen läßt“. Ja, breit, sehr breit alle möglichen Argumente aufführen, umrühren, zusammenführen und ein abgetropftes, abgestandenes, niemanden beunruhigendes Ergebnis formulieren. Breitstrahler, am besten rosarot, anstelle scharfer Laser.
Eine Gesellschaft, die verlernt hat, mit dem scharfen Laser jüdischer Tradition umzugehen, verbrüht sich am sanften Licht der besinnlichen deutschtümlichen Bräsigkeit und Oberlehrerhaftigkeit.
Adolf Hitler und seine vielen Gefolgsleute haben die deutsche Kultur ihrer jüdischen Tradition beraubt. Die unsäglichen Debatten um  künstlerische Verarbeitungen der allgemeinen Coronitis deuten Hitlers letzten Sieg an. Wollen wir das wirklich hinnehmen? Oder vielleicht doch dann lieber den guten Paraden der Gegner Beifall zollen?
Philipp Frankfurter

Daten-Notschrei oder die Armada läuft auf Grund

Ausgangssperre! Heißes Thema, auf und ab diskutiert. Eine der besten Darstellungen hat die formidable Sibylle Anderl in der FAZ gegeben.* Ihr Fazit: nichts genaues weiß man nicht, insbesondere weil die  Frage nach der Wirkung von Ausgangssperren komplexe, umfangreiche Untersuchungen erforderte, die es eben nicht gibt.
Bevor es ernst wird und wir  zu schlechten coronösen Datenlagen kommen, eine kleine Episode aus der Geschichte der Seefahrt, berichtet von Dava Sobel**: Seit ewigen Zeiten konnten Seefahrer den Breitengrad, auf dem sie sich gerade bewegten, mit Hilfe des Sonnenstandes sehr genau bestimmen. Das war zwar sehr hilfreich, jedoch wusste man nicht, wo genau man sich auf dem Breitengrad befand. Hässlich, wenn man bedenkt, dass der Breitengrad am Äquator 40.000km lang ist. Da kann man sich schon mal verlaufen. So geschah es auch mit einer britischen Armada, die nach langer Seereise guten Mutes der Heimat zusteuerte. Allerdings war die Sicht nicht gut, eher schlecht und der Wind stark. Auch wenn der Admiral in seine neues Fernrohr starrte, sah er nur grauen Dunst. Dennoch hielt er munter seinen Kurs. Da meldete sich ein erfahrener Maat mit letztem Mut zu Wort. Er meinte, man steuere geradewegs auf Sandbänke zu, der Untergang drohe. Nun wurde bei so freier Rede damals kurzer Prozess gemacht. Der Maat wurde unverzüglich aufgeknüpft und die stürmische Fahrt fortgesetzt. So wurde ihm das schlimmere Schicksal des elendiglichen Ersaufens erspart, das den Rest der Armada einschließlich Admiral am nächsten Tag traf.
Fehlende Daten, hier die Information, an welchem Punkt des Breitengrades die Armada sei, war die Ursache dieses und vieler anderer Unglücke, bis John Harris im 18. Jahrhundert Uhren konstruierte, die sehr genau gingen. Damit konnte man dann den Abstand zum Ausgangshafen genau berechnen oder anders gesagt, der Längengrad konnte so gut bestimmt werden, wie der Breitengrad. Die Datenlage war bereinigt und fast alles wurde gut.
Nach diesem Ausflug in die Geschichte der Seefahrt wird die Leserschaft sicher bemerkt haben, worauf es hier hinausläuft: auch in der Pandemie fehlen entscheidende Daten. Die Admirale steuern munter auf dem bekannten Breitengrad entlang, ohne zu wissen, wo die nächste Untiefe ist. Da ist Schiffbruch sehr wahrscheinlich.
Der Unterschied zum 18. Jahrhundert ist allerdings, dass es keines John Harris bedarf, um die fehlenden Informationen oder Daten zu beschaffen. Die notwendige Technik ist vor mehr als hundert Jahren erfunden worden und wurde seitdem stetig verbessert. Ihr Name ist „Umfrageforschung“. Gerne in der Politik zur Beliebtheitsmessung herangezogen, dagegen argwöhnisch beäugt, wenn es um wichtige soziale Tatsachen, insbesondere die Wirkung politischer Maßnahmen geht. So gab es zum Beispiel zur Wirkung der Umstellung des Sozialsystems genannt HartzIV, keine umfassende, öffentlich finanzierte Wirkungsforschung. Na ja, mit den Arbeitslosen  und Sozialhilfeempfängern meinten die Zyniker könne man ja machen, was man wolle. So, aber hier und heute, geht es um uns alle. Ausgangssperre! Und noch viel mehr! Volle Kanne im Blindflug auf die Sandbank!
Deshalb liebe Mitbürgerschaft, schaut Euch doch mal den Daten-Notschrei der empirischen Statistiker an uns alle an: https://www.dagstat.de/fileadmin/dagstat/documents/DAGStat_PI.pdf  ***
In einem Satz heißt der Daten-Notschrei: „gute Pandemiedaten braucht jedes Land. Jetzt.“
Schreibt Leserbriefe, sagt es weiter, geht Euren Abgeordneten auf die Nerven, lasst Euch nicht entmutigen und von hochnäsigen Admiralen bedrohen. Dann wird  alles gut, fast.

Peter Mohler

*Sibylle Anderl, Abends nur noch drinnen? FAZ-Net, wer Corona satt hat, sollte mal ihr Buch „das Universum und ich“ lesen. Astrophysik kann wirklich Spaß machen.
** Dava Sobel, Longitude, 1995, deutsch: Längengrad- Die wahre Geschichte eines einsamen Genies, welches das größte wissenschaftliche Problem seiner Zeit löste.
*** DAGSTAT ist die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Statistik. Ihr gehören an: Deutsche Statistische Gesellschaft, Internationale Biometrische Gesellschaft – Deutsche Region, Fachgruppe Stochastik der Deutschen Mathematikervereinigung, Gesellschaft für Klassifikation, Verband deutscher Städtestatistiker, Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie, Verein zur Förderung des schulischen Stochastikunterrichts, Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie, Ökonometrischer Ausschuss des Vereins für Socialpolitik, Fachgruppe Methoden und Evaluation der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Sektion Methoden der Empirischen Sozialforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, European Network for Business and Industrial Statistics – Deutsche Sektion, DESTATIS – Statistisches Bundesamt,  Sektion Methoden der Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft.

Brief aus der Zukunft

Landswinda Vilare, 30. Mai 2111

Lieber Philipp,
morgen öffnen die Staatsarchive ihre Tresore zur Coronakrise von 2020. Aus Deinem Nachlass weiß ich, wie Dich diese Krise damals umgetrieben hat. Die fast wöchentlich wechselnden Informationen über das, was damals Covid19 hieß, haben Dich offensichtlich immer wieder sehr beschäftigt. Wie konntest Du das damals nur aushalten? Ich schreibe Dir heute, am Tag vor der Wahrheit, um mich Deiner und Deiner Generation zu erinnern, um noch einmal mir vor Augen zu führen, was vor fast hundert Jahren alles an Wahrheiten, Gerüchten, Machtspielen und platten Lügen auf Euch prasselte.
Da ist zuerst die bis heute offizielle Geschichtsschreibung, nach der ein todbringender Virus innerhalb weniger Monate sich über tausende von Kilometern verbreitete. Er wütete anfänglich sehr unterschiedlich; in München, dort schnell lokalisiert und eingedämmt, in Bergamo dagegen übel wütend, von Wuhan kennt man nur Ungefähres. Dann durchdrang er alle Welt. In Deiner Heimat, damals Europäische Union, heute Teil von  Palatina Occidentalis, traf er auf ein vernachlässigtes, ökonomisch ausgerichtetes Gesundheitssystem, das mit voller Wucht getroffen wurde und sich seitdem nicht mehr erholt hat, sondern gemeinwirtschaftlich betrieben werden muss.
Viele, auch Du, wollten einen klaren Kopf bewahren, alles tun, was möglich sei um eine Katastrophe abzuwenden. Die Bürokratie versuchte ihr Bestes, die Politik hörte auf manche Wissenschaftlers, Ihr Menschen ward damals enorm geduldig.
Von heute auf morgen habt Ihr Euer Leben auf den Kopf gestellt. Ihr habt privat auf fast alles, was das Leben wert macht, verzichtet, um schlecht geführte Pensionistenheime und die große Wirtschaft zu schützen. Immer wieder hat man Euch gesagt „haltet durch, in ein paar Wochen ist alles vorbei“. Im letzten großen Krieg haben das die Leute „Durchhalteparolen“ genannt. Wie gebannt habt Ihr auf die täglichen Nachrichten des Robert-Koch-Instituts gestarrt. Gehofft habt Ihr, dass die Zahlen irgendwie der Wirklichkeit entsprechen, weil Ihr sonst verrückt geworden wärt. Welle auf Welle habt Ihr durchgestanden, ohne dass klar war, wo genau der Virus zuschlug (morgen werden auch diese Daten öffentlich). Und dann, am 22. September 2021, als in Deiner Heimat der Notstand offiziell für beendet erklärt wurde (ein halbes Jahr nach anderen Ländern),  habt Ihr nicht einmal mehr die Kraft zum Feiern gehabt.
Das ist die eine Geschichte, die offizielle.
Parallel dazu wurde alles, was möglich ist erfunden, auch, dass es den Virus nicht gab. Das habt Ihr locker als Lüge weggeschoben. Andere Narrative haben Euch mehr zu schaffen gemacht. Etwa das Narrativ der relativen Harmlosigkeit des Virus, weil  bestimmte Rechnungen keine höhere Sterblichkeit ergaben. Dass das Maskentragen sogar die Grippe praktisch zum Erliegen gebracht hatte. Andere behaupteten, die hohe Sterblichkeit der künstlich Beatmeten sei auf Behandlungsfehler zurückzuführen, weil viel zu viele an die Beatmungsgeräte angeschlossen worden seien und diese seien reine Bakterienschleudern. Andere bezweifelten die Gültigkeit und Zuverlässigkeit der offiziellen Daten. Sie seien so schlecht erhoben worden, dass selbst der Papierkorb zu schade für sie gewesen sei.
Das alles habt Ihr weggesteckt, weiter gemacht, nicht die Bazooka ausgepackt, nicht die radikalen Parteien gewählt, nicht den großen Populisten auf den Leim gegangen (wohl aber den kleinen). Hut ab, Respekt. Ich weiß nicht, wie ich mich an Eurer Stelle verhalten hätte. Wahrscheinlich hätte ich revoltiert, aber das ist im Nachhinein leicht gesagt (vor allem unter der gütigen Herrschaft von Miranda III, Kaiserin von Palatina Occidentalis).
Lieber Philipp, ich hoffe, morgen wird das offizielle Narrativ bestätigt. Alles andere wäre sehr, sehr traurig. Hoffen wir.
In liebevoller Erinnerung
Dein Urgroßneffe
Heinrich Philipp

Nagellack, Intelligenz und Corona??

Bei Maybritt Illner knallte gestern Naturwissenschaft auf Soziologie. Und zwar ganz leise und zivilisiert:
Der Ministerpräsident des kleinen Saarlandes (2 500 qkm, als Vergleich Bayern 70 000 qkm) erläuterte das dortige Vorgehen mit Testen, Impfen, strikten Vorgaben auch für Treffen im Privaten und intensiver wissenschaftlicher Begleitung. Da intervenierte Prof. Melanie Brinkmann, Virologin,  „… und für eine wissenschaftliche Begleitung braucht man eine Kontrollgruppe..“. Peng das war der Knall, das große Missverständnis der naturwissenschaftlich orientierten Virologen, Mediziner und Politiker wie Kanzlerin Merkel oder Bürgermeister Tschentscher über die Wissenschaft von der Gesellschaft, genannt Soziologie.
Für Naturwissenschaftler geht Wissenschaft nur als Experiment, wo eine Mausgruppe Aspirin erhält und eine andere Gruppe weiße Placebos. Die Placebofresser sind die sogenannte Kontrollgruppe. Die benötigt man, um eindeutig (kausal) die Wirkung von Aspirin auf die Schmerzempfindlichkeit zu überprüfen. Damit keine Beeinflussung durch die fütternden Pfleger möglich ist, wissen auch diese nicht, ob sie gerade Aspirin oder Placebo verfüttern. Das nennt man dann „Doppelblindstudie“, weder der Behandler noch der Patient, weiß was in der Pille tatsächlich enthalten ist. Darauf beruht die ganze pharmazeutische Wirksamkeitsforschung (Dank an die hunderttausende Freiwilligen, die das mitmachen – ohne die hätten wir keine Impfstoffe heute).
Was für Prof. Brinkmann völlig normal ist, bedeutete in der soziologischen Wirklichkeit, dass Herr Ministerpräsident Hans Landkreise zufällig in „Behandelte“ und andere in „Placebo“ (nicht behandelte) einteilte. „Behandelt“ bedeutete, dass z.B. die Außengastronomie in Landkreis A für 14 Tage öffnet und in Landkreis B nicht. Danach vergleicht man die Infektionszahlen. Steigt im behandelten Landkreis die Infektion, dann glaubt man zu wissen, daran sei die Außengastronomie schuld.
Mindestens zwei Gründe stehen dieser schlichten Denkweise entgegen. Erstens ist es ein starker Glaubenssatz, dass zwischen den beiden Landkreisen nur der eine Faktor „Außengastronomie“ an der Infektionslage beteiligt sei. Was, wenn die Zahl der offenen Kitas unterschiedlich ist oder es mehr Altersheime gibt oder weniger geimpft wurde? Die Zahl lässt sich lange fortsetzen. Kurz, in einer lebendigen menschlichen Gesellschaft gibt es keine guten Experimentalbedingungen, da muss was anderes her (dazu hilft dann der Nagellack). Zweitens sind Menschen keine Versuchsmäuse (und für die gibt es immerhin eine gute Lobby). Es geht einfach nicht, mir etwas alleine für den „guten“ wissenschaftlichen Zweck  zwangsweise vorzuenthalten. Gott schütze unsere Verfassung!  Und die uns vor blauäugigen Wissenschaftlern.
Nun wird es aber dringend Zeit für den Nagellack. Helge Pross, früh verstorbene, empirische Sozialforscherin der Frankfurter Schule pflegte in den 70er Jahren mit sanftem Lächeln einen bombenfesten statistischen Zusammenhang aus den frühen 60ern vorzutragen: damals, welche Überraschung, korrelierte (hing zusammen) die Nutzung von Nagellack mit der Intelligenz von Frauen. Was? Wie bitte? Nein, nicht aufhören zu lesen oder anfangen sich aufzuregen. Helge Pross war es bitterernst, diesen Unfug zu entlarven, weil wir damals und heute an viel weniger auffälligen Stellen auf solche Zusammenhänge hereinfallen. Die Lösung ist verbunden mit einem Grundproblem der empirischen Sozialforschung, den sogenannten „unbeobachteten Drittvariablen“.  In unserem Beispiel haben wir zwei beobachtete Merkmale (Variablen): Intelligenz von Frauen und Nutzung von Nagellack. Was nicht beobachtet oder erfragt wurde war, warum und wann Frauen Nagellack auflegten. Sobald man dies tat war klar, dass bestimmte berufliche Umfelder damals eine feste Kleiderordnung hatten. Je höher die Ausbildungsanforderung für den Beruf war, desto mehr war Nagellack Teil der Berufskleidung. Zwischen Bildung oder Ausbildung und Intelligenz gibt es einen nachvollziehbaren Zusammenhang. Bingo, was man gemessen hat, war eine soziale Norm „Berufskleidung“ und nicht die Wirkung von Intelligenz auf Nagellack oder umgekehrt.  Die andere Geschichte dazu ist die vom Zusammenhang von Storchen- und Geburtenzahl, auch Schnee von gestern?
Zurück ins Saarland, es ist offensichtlich nicht möglich in einer Studie alle möglichen oder unmöglichen Merkmale zu erfassen. Und selbst wenn man die Zahl der Merkmale in die Höhe treibt, kommt ein anderer Hauptsatz der statistischen Forschung in die Quere: wenn man 100 Merkmale miteinander korrellationsstatistisch betrachtet finden sich etwa 25 rechnerische „Zusammenhänge“, die aber dem reinen Zufall geschuldet sind. Praktisch statistischer Müll, der sich überall einschleicht.
Was machen wir nun? Ist Sozialforschung dann noch Wissenschaft, wenn sie vom Müll oder unendlich vielen Drittvariablen verschmutzt wird?
Aber ja, und jetzt wird es auch für Frau Brinkmann spannend, denn auch sie arbeitet mit statistischen Auswertungsverfahren bei ihren Experimenten. Und auch für sie gilt das Drittvariablenproblem, weil sie immer nur einen kleinen Satz von Merkmalen beobachten kann (kontrollieren kann). Und genauso gilt der Satz von den 25% zufällig positiven Ergebnissen. Also im Prinzip kein Deut einfacher als bei den Sozialforschern. Was tun?
Wer die Klassiker der statistischen Analyse liest, stößt auf eine überraschende Aussage: ohne Theorie ist jede statistische Analyse sinnlos. Theorie heißt, ich weiß zumindest in welcher Richtung ich suche. Dazu überlege ich mir, was ich ausschließen möchte, denn nach Popper kann ich nur ausschließen, dass etwas so und so ist. Wenn ich auf Grund einer statistischen Analyse sage, Corona sei ansteckend, dann habe ich tatsächlich festgestellt, dass es nicht „nichtansteckend“ ist. Klingt um die Ecke gedacht, man kann sich aber daran gewöhnen und es funktioniert gut.
Zurück zum Nagellack und dem, was Ministerpräsident Hans oder Tübingen, Alsfeld usw. machen: ihre Theorie ist: wenn sich Menschen treffen, die momentan kein Covid19 haben, dann können sie sich untereinander nicht anstecken. Dafür wird vor dem Treffen auf Covid19 getestet. Die Folgerung daraus ist, dass alle derartigen covid19freien Treffen keinerlei Wirkung auf das Infektionsgeschehen haben können. Das ist eine solide theoretische Annahme. Wenn die Zahl der Infektionen dann weiterhin zunimmt, kann das andere Gründe haben. Zum Beispiel , wenn 5% aller Getesteten infiziert sind, steigt die Zahl der „entdeckten“ Infektionen automatisch mit der Zahl der Tests (das ist bekannt). Oder, es gibt unbeobachtete Drittvariablen wie die ungeschützten Treffen bei der Arbeit, die das Infektionsgeschehen treiben und man deshalb die steigenden Infektionszahlen nicht dem Saarland, Tübingen, Alsfeld etc. in die Schuhe schieben kann, sondern den dritten, bisher nicht berücksichtigten Merkmalen.  Wer allerdings wie Bürgermeister Tschentscher anderes behauptet liegt falsch oder er glaubt zu wissen, dass die Tests so schlecht sind, dass man sie nicht verwenden sollte. Das sagt er aber nicht. Das sagt auch Frau Brinkmann nicht.
Was lernen wir daraus? Menschen sind keine Mäuse, Drittvariablen sind die Pest und nur eine gescheite theoretische Überlegung macht Statistik sinnvoll.

Peter Mohler

Die neue Wirklichkeit

Ein Jahr Pandemie, für viele Zeit und Anlass, „zurückzublicken“. (Warum eigentlich nach genau einem Jahr? So wie die berühmten 100 Tage im Amt einer Politikerin. Als ob man in einer so kurzen Zeit wirklich etwas verstehen, gar verändern könnte…). Keine Angst, ich will das hier nicht tun, aber eines dann doch sagen. Die meisten Zusammenfassungen beginnen mit einem vermeintlichen Allgemeinplatz, den ich mir nur ganz kurz genauer anschauen muss (ganz kurz, weil ich schon bald Philip Frankfurter corona-konform beim Italiener treffe und bitten muss, bei uns zu bleiben).

Ein Jahr Pandemie liegt hinter uns, ein Jahr im Ausnahmezustand.

Diese Gleichsetzung beschäftigt mich, denn der Zeitraum „ein Jahr“ und der Begriff „Ausnahmezustand“ wollen einfach nicht zusammengehen in meinem Köpfchen. Und ist nicht genau das auch das Problem an der ganzen Sache?! Dass wir so tun, als wäre das ein kurzer und schlimmer Ausnahmezustand, der bald schon zu Ende geht und danach alles wieder „normal“ ist?! Ich komme mir ja fast wie auf Armin Laschets „Brücke“ ins Nirgendwo vor, die den Lockdown da unten überbrücken soll. Oder noch besser, wie in der SPD, wo viele immer noch meinen, die 16% seien eine Talsohle, die man durchschreiten müsse, aber schon bald wieder zu den alten Zuständen zurückkehre. Wo nehmen die Leute nur diese Annahmen her? Ich glaube ich weiß es: Angst. Angst und Unsicherheit, was stattdessen kommt, wenn das Altbekannte einfach wegbleibt.

Ich glaube eher, dass wir gerade in der neuen Wirklichkeit angekommen sind. Sicher, irgendwann sind wir geimpft, und tatsächlich wird die Lockdownerei (schönes Wort finde ich) ein Ende haben. Aber vieles, was geschehen ist, wird bleiben. Kleine Verletzungen im Privaten, dass man sich mit Familie und Freunden uneinig ist übers Impfen, oder den Gang in den Kindergarten (oder eben nicht), mit wie vielen man den (vielleicht letzten) Geburtstag der Oma feiern kann/sollte/darf/nicht darf. Und natürlich im Großen: Wie sich eine letzte Volkspartei selber zerlegt hat, einen schlechten, sehr schlechten Vorsitzenden wählte, demontierte, wieder mal fast wie in der SPD. Wie wir erlebt haben, dass grundlegende Reflexionsmechanismen in der Politik nicht mehr (oder noch nie?!) da waren: das, was man tut, erklären zu können, Gründe angeben, warum man so handelt wie man handelt. Und noch vieles mehr. Ein Satz, ich kann es kaum glauben, von Jens Spahn, der sicher zutrifft, war: Wir werden uns viel verzeihen müssen. Richtig. Aber dann doch nicht alles Herr Spahn. Schauen wir, was noch kommt, mehr können wir nicht tun. Ich muss jetzt auch, Sie wissen, der Frankfurter…

Nur noch eines: Irgendwann werden wir auch verstehen, dass Frau K-K’s „Freiwilligendienst im Heimatschutz“ nur ein Chiffre für den jämmerlichen Versuch ist, nach rechts Abgewanderte wieder in die CDU zu bringen. Denn die Leute können weder das Eine noch das Andere gescheit. Ciao, und guten Appetit an alle!
David Emling

 

Der Lotse bleibt an Bord

Wir haben einen starken Kanzler. Sein Name ist Merkel und nicht Bismarck, auch wenn jetzt manche Kanzler Merkel einen ähnlichen Abgang wünschen. Warum gerade jetzt? Weil sie keine sechs Monate mehr warten können, weil sie Lust auf Königsmord haben, weil sie höchstwahrscheinlich nach ICD 10 klassifizierbar oder einfach Nachschwätzer des Spiegel sind?
Dem Kanzler wird vorgeworfen, bei Corona versagt zu haben. Ebenso seinem Gesundheitsminister. Beide sind mir nicht ungeheuer sympathisch. Jedoch, wie kann man da versagen, wo andere zuständig sind? In Sachen Gesundheit ist der Kanzler ein Feldherr ohne Armee. Wir haben 16 Ministerpräsidenten, die über Gesundheitsarmeen verfügen sollten. Tun sie aber immer noch nicht, seit sie diese abgeschafft haben. So stehen sie jetzt nackt da und jammern. Loyal, wie er ist, lässt der Kanzler die Geizhälse nicht im Regen stehen, greift tief in seine Schatulle, schleppt die Herrschaften an einen Verhandlungstisch, lässt sie dort stundenlang palavern, beschimpft sie nicht, leidet öffentlich und nimmt die Schuld mit einem leichten Zucken auch noch auf sich.
So geht das nicht. Deshalb sie hier der Rücktritt aller Ministerpräsidenten verlangt. Sie haben das Gesundheitssystem geplündert. Sie haben versäumt, über den Bundesrat den Zivilschutz ordentlich zu finanzieren. Sie lassen ihre Gemeinden am langen Arm verhungern. Und sie haben noch viel mehr Unheil mit ihrer Herrschsucht angerichtet.
In diesem Sinne: es lebe der Kanzler und in den Staub mit den bundesländlichen Feinden des Gesundheitssystems.

Philipp Frankfurter

Coronopoly, das Spiel des Jahres

Das Spiel des Jahres heißt Coronopoly. Ministerpräsidien und Kanzlerin spielen es mit großer Ausdauer auf ihren Mittwochsrunden. Der Innenminister hat Coronopoly als „fast Glücksspiel“ (ab 16 Jahre) eingestuft. Es zeichnet sich durch hohe Dynamik aus. Sein Alleinstellungsmerkmal ist die völlige Siegerlosigkeit: Keiner kann gewinnen. Unter den Strategiespielen ist es das beste Sorglosigkeitsspiel. Seine wirkmächtigen Wiederholungsschleifen sind bislang unerreicht.
Die Regeln sind sehr einfach:
Würfeln Sie keine 6, sonst kommen Sie in Quarantäne. Würfeln Sie keine 5, sonst kommen Sie in Quarantäne. Würfeln Sie keine 4, sonst kommen Sie in Quarantäne. Würfeln Sie keine 3, sonst kommen Sie in Quarantäne. Würfeln Sie keine 2, sonst kommen Sie in Quarantäne. Würfeln Sie keine 1, sonst werden Sie nach Bayern zwangsumgesiedelt.
Wenn Sie über LOS kommen, erhalten Sie einen Impfpunkt. Mit 10 Impfpunkten brauchen Sie nicht mehr zu würfeln und dürfen gleich nach Bayern einreisen. Wenn Sie auf das Gefängnisfeld fallen, erhalten Sie 10 Minuten kostenloses Lauterbächeln. Finden Sie sich in der Parkallee wieder, sind Sie 10 Jahre von der Steuerflüchtlingssteuer befreit. Fallen Sie in den Graben, müssen Sie zweimal hintereinander eine 6 würfeln, dann holen Sie Drosten & Streek wieder raus. Wer zuerst hustet, hat verloren. Das Spiel endet mit dem letzten Husten.
Die Entwicklung von Coronopoly wurde mit Mitteln des Bundes gefördert.

Philipp Frankfurter

Das verblasste Dreigestirn

Aschermittwoch, das Dreigestirn ist abgetreten, sein schwacher Schein verblasst. Nun ist es wieder Zeit für neues Altes, das Dreigestirn Maske, App und Test. Was hat die App hier und heute noch zu suchen? 35 ist die neue Allzahl. Ich kenne keine Kultur, bei der die 35 eine Glückszahl ist. Also dann doch wieder die APP, trotzt sie doch mit Updates dem Vergessen. Ich kann jetzt sogar ein Tagebuch führen! Warum macht das die APP nicht für mich? Was, ich soll Personen „anlegen“ und „Orte“ eingeben? Wozu läuft mein Ortungssystem? Was soll der Humbug? Datenschutz! Datenschutz! Nein, Datenstuss, aber echt. Wieso können Wissenschaftler auf hochsensible Daten des Rentensystems zugreifen ohne gekniffen zu werden? Weil viel Arbeit und Intelligenz in den Datenschutz gesteckt wurde. Haben Sie schon mal etwas von Datentreuhändern gehört? Das sind Institutionen, wo sensible Daten von gierigen Nutzen ferngehalten werden und zugleich aus sensiblen Informationen wissenschaftlich nutzbare abgespeckte Daten werden, die man im besten Falle auf der Straße vergessen kann, ohne dass ein Unheil geschehen kann. Warum ist das bei Corona, wo es wortwörtlich um Leben und Tod geht, nicht möglich? Haben die Entwickler von SAP und Telekom noch nie etwas vom Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten gehört? Wurden die Spezialistinnen des Statistischen Bundesamtes oder der Rentenversicherungen oder der Wissenschaft angesprochen?
Ich will eine APP, die funktioniert. Punkt.
Philipp Frankfurter

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