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Wilder Südwesten

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Nagellack, Intelligenz und Corona??

Bei Maybritt Illner knallte gestern Naturwissenschaft auf Soziologie. Und zwar ganz leise und zivilisiert:
Der Ministerpräsident des kleinen Saarlandes (2 500 qkm, als Vergleich Bayern 70 000 qkm) erläuterte das dortige Vorgehen mit Testen, Impfen, strikten Vorgaben auch für Treffen im Privaten und intensiver wissenschaftlicher Begleitung. Da intervenierte Prof. Melanie Brinkmann, Virologin,  „… und für eine wissenschaftliche Begleitung braucht man eine Kontrollgruppe..“. Peng das war der Knall, das große Missverständnis der naturwissenschaftlich orientierten Virologen, Mediziner und Politiker wie Kanzlerin Merkel oder Bürgermeister Tschentscher über die Wissenschaft von der Gesellschaft, genannt Soziologie.
Für Naturwissenschaftler geht Wissenschaft nur als Experiment, wo eine Mausgruppe Aspirin erhält und eine andere Gruppe weiße Placebos. Die Placebofresser sind die sogenannte Kontrollgruppe. Die benötigt man, um eindeutig (kausal) die Wirkung von Aspirin auf die Schmerzempfindlichkeit zu überprüfen. Damit keine Beeinflussung durch die fütternden Pfleger möglich ist, wissen auch diese nicht, ob sie gerade Aspirin oder Placebo verfüttern. Das nennt man dann „Doppelblindstudie“, weder der Behandler noch der Patient, weiß was in der Pille tatsächlich enthalten ist. Darauf beruht die ganze pharmazeutische Wirksamkeitsforschung (Dank an die hunderttausende Freiwilligen, die das mitmachen – ohne die hätten wir keine Impfstoffe heute).
Was für Prof. Brinkmann völlig normal ist, bedeutete in der soziologischen Wirklichkeit, dass Herr Ministerpräsident Hans Landkreise zufällig in „Behandelte“ und andere in „Placebo“ (nicht behandelte) einteilte. „Behandelt“ bedeutete, dass z.B. die Außengastronomie in Landkreis A für 14 Tage öffnet und in Landkreis B nicht. Danach vergleicht man die Infektionszahlen. Steigt im behandelten Landkreis die Infektion, dann glaubt man zu wissen, daran sei die Außengastronomie schuld.
Mindestens zwei Gründe stehen dieser schlichten Denkweise entgegen. Erstens ist es ein starker Glaubenssatz, dass zwischen den beiden Landkreisen nur der eine Faktor „Außengastronomie“ an der Infektionslage beteiligt sei. Was, wenn die Zahl der offenen Kitas unterschiedlich ist oder es mehr Altersheime gibt oder weniger geimpft wurde? Die Zahl lässt sich lange fortsetzen. Kurz, in einer lebendigen menschlichen Gesellschaft gibt es keine guten Experimentalbedingungen, da muss was anderes her (dazu hilft dann der Nagellack). Zweitens sind Menschen keine Versuchsmäuse (und für die gibt es immerhin eine gute Lobby). Es geht einfach nicht, mir etwas alleine für den „guten“ wissenschaftlichen Zweck  zwangsweise vorzuenthalten. Gott schütze unsere Verfassung!  Und die uns vor blauäugigen Wissenschaftlern.
Nun wird es aber dringend Zeit für den Nagellack. Helge Pross, früh verstorbene, empirische Sozialforscherin der Frankfurter Schule pflegte in den 70er Jahren mit sanftem Lächeln einen bombenfesten statistischen Zusammenhang aus den frühen 60ern vorzutragen: damals, welche Überraschung, korrelierte (hing zusammen) die Nutzung von Nagellack mit der Intelligenz von Frauen. Was? Wie bitte? Nein, nicht aufhören zu lesen oder anfangen sich aufzuregen. Helge Pross war es bitterernst, diesen Unfug zu entlarven, weil wir damals und heute an viel weniger auffälligen Stellen auf solche Zusammenhänge hereinfallen. Die Lösung ist verbunden mit einem Grundproblem der empirischen Sozialforschung, den sogenannten „unbeobachteten Drittvariablen“.  In unserem Beispiel haben wir zwei beobachtete Merkmale (Variablen): Intelligenz von Frauen und Nutzung von Nagellack. Was nicht beobachtet oder erfragt wurde war, warum und wann Frauen Nagellack auflegten. Sobald man dies tat war klar, dass bestimmte berufliche Umfelder damals eine feste Kleiderordnung hatten. Je höher die Ausbildungsanforderung für den Beruf war, desto mehr war Nagellack Teil der Berufskleidung. Zwischen Bildung oder Ausbildung und Intelligenz gibt es einen nachvollziehbaren Zusammenhang. Bingo, was man gemessen hat, war eine soziale Norm „Berufskleidung“ und nicht die Wirkung von Intelligenz auf Nagellack oder umgekehrt.  Die andere Geschichte dazu ist die vom Zusammenhang von Storchen- und Geburtenzahl, auch Schnee von gestern?
Zurück ins Saarland, es ist offensichtlich nicht möglich in einer Studie alle möglichen oder unmöglichen Merkmale zu erfassen. Und selbst wenn man die Zahl der Merkmale in die Höhe treibt, kommt ein anderer Hauptsatz der statistischen Forschung in die Quere: wenn man 100 Merkmale miteinander korrellationsstatistisch betrachtet finden sich etwa 25 rechnerische „Zusammenhänge“, die aber dem reinen Zufall geschuldet sind. Praktisch statistischer Müll, der sich überall einschleicht.
Was machen wir nun? Ist Sozialforschung dann noch Wissenschaft, wenn sie vom Müll oder unendlich vielen Drittvariablen verschmutzt wird?
Aber ja, und jetzt wird es auch für Frau Brinkmann spannend, denn auch sie arbeitet mit statistischen Auswertungsverfahren bei ihren Experimenten. Und auch für sie gilt das Drittvariablenproblem, weil sie immer nur einen kleinen Satz von Merkmalen beobachten kann (kontrollieren kann). Und genauso gilt der Satz von den 25% zufällig positiven Ergebnissen. Also im Prinzip kein Deut einfacher als bei den Sozialforschern. Was tun?
Wer die Klassiker der statistischen Analyse liest, stößt auf eine überraschende Aussage: ohne Theorie ist jede statistische Analyse sinnlos. Theorie heißt, ich weiß zumindest in welcher Richtung ich suche. Dazu überlege ich mir, was ich ausschließen möchte, denn nach Popper kann ich nur ausschließen, dass etwas so und so ist. Wenn ich auf Grund einer statistischen Analyse sage, Corona sei ansteckend, dann habe ich tatsächlich festgestellt, dass es nicht „nichtansteckend“ ist. Klingt um die Ecke gedacht, man kann sich aber daran gewöhnen und es funktioniert gut.
Zurück zum Nagellack und dem, was Ministerpräsident Hans oder Tübingen, Alsfeld usw. machen: ihre Theorie ist: wenn sich Menschen treffen, die momentan kein Covid19 haben, dann können sie sich untereinander nicht anstecken. Dafür wird vor dem Treffen auf Covid19 getestet. Die Folgerung daraus ist, dass alle derartigen covid19freien Treffen keinerlei Wirkung auf das Infektionsgeschehen haben können. Das ist eine solide theoretische Annahme. Wenn die Zahl der Infektionen dann weiterhin zunimmt, kann das andere Gründe haben. Zum Beispiel , wenn 5% aller Getesteten infiziert sind, steigt die Zahl der „entdeckten“ Infektionen automatisch mit der Zahl der Tests (das ist bekannt). Oder, es gibt unbeobachtete Drittvariablen wie die ungeschützten Treffen bei der Arbeit, die das Infektionsgeschehen treiben und man deshalb die steigenden Infektionszahlen nicht dem Saarland, Tübingen, Alsfeld etc. in die Schuhe schieben kann, sondern den dritten, bisher nicht berücksichtigten Merkmalen.  Wer allerdings wie Bürgermeister Tschentscher anderes behauptet liegt falsch oder er glaubt zu wissen, dass die Tests so schlecht sind, dass man sie nicht verwenden sollte. Das sagt er aber nicht. Das sagt auch Frau Brinkmann nicht.
Was lernen wir daraus? Menschen sind keine Mäuse, Drittvariablen sind die Pest und nur eine gescheite theoretische Überlegung macht Statistik sinnvoll.

Peter Mohler

Die neue Wirklichkeit

Ein Jahr Pandemie, für viele Zeit und Anlass, „zurückzublicken“. (Warum eigentlich nach genau einem Jahr? So wie die berühmten 100 Tage im Amt einer Politikerin. Als ob man in einer so kurzen Zeit wirklich etwas verstehen, gar verändern könnte…). Keine Angst, ich will das hier nicht tun, aber eines dann doch sagen. Die meisten Zusammenfassungen beginnen mit einem vermeintlichen Allgemeinplatz, den ich mir nur ganz kurz genauer anschauen muss (ganz kurz, weil ich schon bald Philip Frankfurter corona-konform beim Italiener treffe und bitten muss, bei uns zu bleiben).

Ein Jahr Pandemie liegt hinter uns, ein Jahr im Ausnahmezustand.

Diese Gleichsetzung beschäftigt mich, denn der Zeitraum „ein Jahr“ und der Begriff „Ausnahmezustand“ wollen einfach nicht zusammengehen in meinem Köpfchen. Und ist nicht genau das auch das Problem an der ganzen Sache?! Dass wir so tun, als wäre das ein kurzer und schlimmer Ausnahmezustand, der bald schon zu Ende geht und danach alles wieder „normal“ ist?! Ich komme mir ja fast wie auf Armin Laschets „Brücke“ ins Nirgendwo vor, die den Lockdown da unten überbrücken soll. Oder noch besser, wie in der SPD, wo viele immer noch meinen, die 16% seien eine Talsohle, die man durchschreiten müsse, aber schon bald wieder zu den alten Zuständen zurückkehre. Wo nehmen die Leute nur diese Annahmen her? Ich glaube ich weiß es: Angst. Angst und Unsicherheit, was stattdessen kommt, wenn das Altbekannte einfach wegbleibt.

Ich glaube eher, dass wir gerade in der neuen Wirklichkeit angekommen sind. Sicher, irgendwann sind wir geimpft, und tatsächlich wird die Lockdownerei (schönes Wort finde ich) ein Ende haben. Aber vieles, was geschehen ist, wird bleiben. Kleine Verletzungen im Privaten, dass man sich mit Familie und Freunden uneinig ist übers Impfen, oder den Gang in den Kindergarten (oder eben nicht), mit wie vielen man den (vielleicht letzten) Geburtstag der Oma feiern kann/sollte/darf/nicht darf. Und natürlich im Großen: Wie sich eine letzte Volkspartei selber zerlegt hat, einen schlechten, sehr schlechten Vorsitzenden wählte, demontierte, wieder mal fast wie in der SPD. Wie wir erlebt haben, dass grundlegende Reflexionsmechanismen in der Politik nicht mehr (oder noch nie?!) da waren: das, was man tut, erklären zu können, Gründe angeben, warum man so handelt wie man handelt. Und noch vieles mehr. Ein Satz, ich kann es kaum glauben, von Jens Spahn, der sicher zutrifft, war: Wir werden uns viel verzeihen müssen. Richtig. Aber dann doch nicht alles Herr Spahn. Schauen wir, was noch kommt, mehr können wir nicht tun. Ich muss jetzt auch, Sie wissen, der Frankfurter…

Nur noch eines: Irgendwann werden wir auch verstehen, dass Frau K-K’s „Freiwilligendienst im Heimatschutz“ nur ein Chiffre für den jämmerlichen Versuch ist, nach rechts Abgewanderte wieder in die CDU zu bringen. Denn die Leute können weder das Eine noch das Andere gescheit. Ciao, und guten Appetit an alle!
David Emling

 

Grüns Worte

Als ich einmal in einem Artikel schrieb, ein analysierter Text habe „2434 Worte“ enthalten, gab mir  ein sehr wohlmeinder Kollege den Hinweis „Gott spricht Worte“, mein Text enthalte dagegen „Wörter“. Recht hatte er und hat noch heute Recht. Aber wir beide haben die Rechnung ohne Detlev Grün*, RTL und Konsorten beziehungsweise der Individualisierungswelle gemacht. Die abgehobene Sprechweise der „Worte“ gegenüber den angebrachten „Wörtern“ hat es sich in unserer Alltagssprache gemütlich gemacht. Hören Sie mal anderen Leuten zu: man geht zu Tisch, nimmt eine Kleinigkeit zu sich, gönnt sich einen edlen Tropfen und hat kleines Geld ausgegeben, anstelle von Mittagspause machen, etwas essen,  ein Glas Wein genießen und wenig bezahlen. Hänschen Müller berichtet in Grüns Worten über seine erste Speckfalte als sei es ein königliches Leiden. Le roi c‘ est moi oder so, wie der gebildete Pfälzer sagt. Jeder ist sein kleiner König im Traumland: jeder macht Traumurlaub, Traumhochzeit oder Traumnarkose. Wann hatten Sie zuletzt mal herzlich gelacht? Ich würde sagen wollen, das sei schon lange her und da bin ich ganz bei Ihnen, wobei ich nicht weiß, ob Sie ganz bei Sinnen sind und ich auch nicht.

Philipp Frankfurter
*Detlev Grün ist Hauptkommissar in der ZDF Serie „Heldt“ und ein Wunder der abgehobenen Stelzsprache

Gesund ernährt und treibt Sport, aber….

Habe ich mich doch vertippt. „Gut ernährt…“ geschrieben. Nein, das war ein uralter Gedanke, damals, sehr lange her, konnte man so etwas sagen. „Gesund“ muss das Magenfüllen heute sein. Damit kann man alles Übel wegessen. Wenn dann noch Sport dazu kommt, kann ja nichts mehr passieren. Oder? Und falls doch etwas passiert, dann heißt es „gesund ernährt und treibt Sport, aber…“. Egal, ob die Knochen gebrochen sind, das Bindegewebe altert, Zellen mutieren, oder der graue Star die Linse trübt.
Ganz eindeutig besteht hier ein statistischer Zusammenhang mit der Häufigkeit des Kirchganges. Die rapide Abnahme des Kirchganges geht einher mit rasant steigender Unwirksamkeit gesunder Ernährung und unvernünftigen Sportes. Ohne der Kirche Segen geht halt nichts. Und dabei haben wir geglaubt, die alten Vorstellungen eines kirchlich gottgefälligen Lebens seien ein Aberglaube (bitte notieren Sie den Unterschied zwischen gottgefälligem Leben und kirchenamtlich gottgefälligem Leben). Wenn das alte Kirchenamtliche Hokuspokus war, warum korreliert es dann so stark mit dem gesunden Neuen? Ist das vielleicht auch nur Hokuspokus, auch bekannt als Konsumterror?  Oder hat sich der Verfasser vielleicht nicht gesund ernährt?
Peter Mohler

 

Kündigung

Liebe Administratoren,
seit Monaten lese ich Eure Interventionen, Bemerkungen und Analysen. Gelegentlich werfe ich spitze Bemerkungen ein, schreibe mir die Finger wund. Corona hier, Corona da. Endlich ein Lichtblick, Tübinger Freitesten (von Drosten schon 2019 propagiert), hurra! Kaffe auf dem Marktplatz, Spaghetti alio e olio auf dem kleinen Platz. Alles gut. Denkste, sagt die Frau Kanzlerin (ab sofort trinke ich von Mohrbacher nur noch die alte Kanzlermischung): Testen und Bummeln sei nicht die Antwort. So eine Gemeinheit; meinen Kaffe und meine Spaghetti als „schlendernd, ohne Ziel [durch die Straßen] spazieren gehen“ herabzuwürdigen. Obendrauf noch die Unverschämtheit mir zu unterstellen, ich könnte nicht auf zehn zählen. Weiß ich doch genau, was passiert wenn zehn Coronafreie (der neue deutsche Adel) sich treffen, nämlich alles mögliche nur keine Ansteckung mit Covid19. Wer hat hier den Verstand verloren: die Kanzlerin mit Kanzleramt oder ich ganz alleine? Ich habe es so satt mir die Finger wegen dieser indolenten Blasenbewohner wund zu schreiben. Deshalb, liebe Administratoren, nehme ich mir meinen Freitest, gehe auf den Marktplatz, hebe einen Schoppen auf den Pfälzer Verstand und vergesse fortan Corona, die Kanzlerin und die berliner Seifenblasenoper.
Macht’s gut Ihr zwei
Philipp Frankfurter

Lieber Philipp,
wir stellen einen ganz, ganz schweren Fall von Coronitis bei Dir fest. Schau Dich doch um, was sagen die Kommentatoren von rechts nach links? Es lebe Tübingen, es lebe die Vernunft der Freiheit! Du bist in guter Gesellschaft! Was heute Modellstädte oder Pfälzische Notlösungen sind, ist morgen normal. Übrigens, brauchen wir Deine scharfen Spitzen, für den Fall, dass alle geimpft sind oder sein könnten. Dann müsste sich der Staat eigentlich blitzartig aus unserem Privatleben verabschieden. Er hätte seine Schuldigkeit getan und könnte gehen. Glaubst Du er macht das? Dieser machtgeile Moloch? Oder müssen wir Ihn halt doch wie bei Shakespeare meucheln?
Deshalb, gib jetzt nicht auf, halte durch, spätestens im September kannst Du Merkel für teures Geld als Festrednerin buchen und für Dich Bauchreden lassen.
Bis hoffentlich ganz, ganz bald
David und Peter

Spiegel der Ahnungslosigkeit

Der SPIEGEL, Deutschlands selbsternannte führende Nachrichtenseite, ist ein Hort der Ahnungslosigkeit und das nicht wegen der Relotiusaffäre. Nein, die ahnungslosen Redakteure vertrauen bei Wahlen auf  Umfragen, die CICERO schon 2019 als schädlich für unsere Demokratie bezeichnete.*
Nun habe ich im November des letzen Jahres einen Einblick in die Suppenküche der Wahlumfragen gegeben.** Wie jeder weiß, ist Suppenkochen keine Wissenschaft, sondern eine praktische Tätigkeit. Genauso ist das mit der Umfrageforschung. Sie ist, wenn gelungen, eine herausragende Ingenieursleistung, welche die Kritik der Kathedermethodiker blass aussehen lässt. Aber um die geht es heute  nicht.
Hier geht es um die „Geiz ist geil“ Umfragen, über die CICERO zu recht herzieht. Aus aktuellem Anlass, wegen der morgigen Wahlen dazu das Wesentliche, warum der Spiegel ein Tal der Ahnungslosen ist.
Dazu ein kurzer Blick auf die Methodik der Spiegelumfragen***:
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen voll automatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt (»Riversampling«), es werden also nicht nur Nutzer des SPIEGEL befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern.“
Halten wir fest: wer immer auf irgendeiner Website auf die Civey-Werbung stößt, kann sich registrieren und an Umfragen teilnehmen. Civey bastelt sich zuvor ein kleines Modell der deutschen Gesellschaft an Hand von Alter, Geschlecht (wie vielen Geschlechtern?), Stadt-Land (Bevölkerungsdichte) usw. Wer da nicht hineinpasst, kommt nicht in die Auswertung (dessen Stimme wird weggeworfen). Ein zweites Modell, das man nur erahnen kann, nimmt sich wahrscheinlich alte Umfragen vor und schaut dort nach Zusammenhängen zwischen Einstellungen (Civey nennt das Wertvorstellungen, was ein Graus) und Verhalten. Wenn also das Wählen der FDP irgendwie mit Freude am Denken korreliert (statistisch zusammenhängen könnte), oder das Wählen der SPD mit Freude am Wein, das der CDU mit Freude am Pfeffer, das der Grünen mit Badefreuden, der Linken mit Lippenstiftnutzung oder ähnlichem Unsinn der aus den den Daten herausploppt, schlägt das Civey Modell „automatisch“ zu. Wobei „automatisch“ schlicht ein Synonym für „Computerprogramm“ ist, das Menschen gemacht haben. Mit dem „Zuschlagen“ ist die wundersame Vermehrung oder Verminderung einer Person gemeint. Wenn eine Person 1 ist, dann sind zwei Personen 2. Soweit so gut. Wenn jedoch in dem Menschenkonglomerat, von Civey Stichprobe genannt, zu wenige Lippenstiftnutzende mögliche Linke sind, dann werden diese rechnerisch aufgeblasen: sie sind dann nicht mehr 1 sondern etwa 1,3. Zugleich werden die weinseligen SPDler reduziert auf, sagen wir 0,9, weil es von denen zu viele gibt. Das wird, wie Sie sich vorstellen können, ein ziemlich undurchsichtiges rauf- und runterrechnen, wenn Sie an die anderen Parteien denken. Irgendwann ist dann aber Schluss damit und es stehen da dann irgendwelche Zahlen auf dem Bildschirm.
Und da wird es dann richtig lustig. Der Spiegel berichtet am 10. März 2021 ein „Kopf an Kopf Rennen „ zwischen SPD und CDU in Rheinland-Pfalz (wann gab es die letzte „klare Wahl“ in Deutschland) 31% zu 30%. Aha, sagt der kleine Statistiker, das ist doch völliger Unsinn, denn „statistisch“ gesehen geht das nicht. Der berechnete Unterschied liegt doch im Unschärfebereich der Statistik, oder? Ja und Nein. Ja, wenn Civey eine sogenannte Zufallsstichprobe, besser „Wahrscheinlichkeitsstatistische Stichprobe Nach Neyman-Pearson“, gezogen hätte. Dann liesse sich ein Stichprobenfehler berechnen, der im übrigen immer wesentlich kleiner ist als die gesamte Ungenauigkeit einer Umfrage (Total Survey Error, lässt sich bingen oder googeln). Civey macht das aber nicht, wie oben ausgeführt. Civey macht eine Quotenstichprobe mit preiswertem Internetfischzug. Da kann man keinen Stichprobenfehler berechnen. Geht einfach nicht, auch wenn Civey sagt: „In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt.“ Wie gesagt, Geiz ist geil, aber so billig kommen die uns nicht davon.
Denn, mit Schlagwörtern wie „automatisch“, „Internet“, „viele Leute“, „statistischer Fehler“ kann man zwar Spiegelredakteuren etwas vormachen, nicht aber Ihnen, nachdem sie CICERO und das hier gelesen haben. Schade um das Geld.
Was heißt das nun für das Wahlergebnis in Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg? Hier gehe ich einen Schritt zurück zur Ingenieursleistung der Umfrageforschung. Das Modell, das ich mir von Deutschland mache, beruht auf langer Erfahrung mit Wahlen, Umfragen und dem Leben in Deutschland. Erfahrung hat gelegentlich den Nachteil, dass sie blind gegen Neues macht. Das Neue ist Corona. So ein Jahr wie das letzte sprengt unsere Erfahrung. Wir wissen nicht, ob die alten Zusammenhänge von Pfeffer, Wein oder Lippenstift mit Parteien noch gelten. Das müssen wir erst noch erfahren. Weil die Computerprogramme von Civey und anderen diese neue Erfahrung noch nicht enthalten, sind sie prinzipiell falsch. Und damit sind auch die Ergebnisse der sogenannten Umfragen nur mit spitzen Fingern in feuerfesten Handschuhen anzufassen.
Wenn es morgen für die Umfragen nach Civey et al. „gut“ geht, war das reines Glück, keine Ingenieurskunst. Wenn es nicht „gut“ geht? Sie sind gewarnt. In diesem Sinne, bleiben Sie negativ.
Peter Mohler
* Thomas Perry  2019 in www.cicero.de/wirtschaft/civey-yougov-umfragen-meinungen-empirie-methoden-demokratie
** https://blog4587.eu/soziologen-welt/wer-umfragt-kann-sich-irren/
*** https://www.spiegel.de/backstage/die-methodik-hinter-den-civey-umfragen-a-b50353b3-b072-43c8-ab70-7fab20d48710

Der Lotse bleibt an Bord

Wir haben einen starken Kanzler. Sein Name ist Merkel und nicht Bismarck, auch wenn jetzt manche Kanzler Merkel einen ähnlichen Abgang wünschen. Warum gerade jetzt? Weil sie keine sechs Monate mehr warten können, weil sie Lust auf Königsmord haben, weil sie höchstwahrscheinlich nach ICD 10 klassifizierbar oder einfach Nachschwätzer des Spiegel sind?
Dem Kanzler wird vorgeworfen, bei Corona versagt zu haben. Ebenso seinem Gesundheitsminister. Beide sind mir nicht ungeheuer sympathisch. Jedoch, wie kann man da versagen, wo andere zuständig sind? In Sachen Gesundheit ist der Kanzler ein Feldherr ohne Armee. Wir haben 16 Ministerpräsidenten, die über Gesundheitsarmeen verfügen sollten. Tun sie aber immer noch nicht, seit sie diese abgeschafft haben. So stehen sie jetzt nackt da und jammern. Loyal, wie er ist, lässt der Kanzler die Geizhälse nicht im Regen stehen, greift tief in seine Schatulle, schleppt die Herrschaften an einen Verhandlungstisch, lässt sie dort stundenlang palavern, beschimpft sie nicht, leidet öffentlich und nimmt die Schuld mit einem leichten Zucken auch noch auf sich.
So geht das nicht. Deshalb sie hier der Rücktritt aller Ministerpräsidenten verlangt. Sie haben das Gesundheitssystem geplündert. Sie haben versäumt, über den Bundesrat den Zivilschutz ordentlich zu finanzieren. Sie lassen ihre Gemeinden am langen Arm verhungern. Und sie haben noch viel mehr Unheil mit ihrer Herrschsucht angerichtet.
In diesem Sinne: es lebe der Kanzler und in den Staub mit den bundesländlichen Feinden des Gesundheitssystems.

Philipp Frankfurter

Zum Weltmenschentag 2021

Es geschieht selten, dass ich ein Buch in hohem Bogen in den Papierkorb befördere.  So geschehen vor vielen Monaten mit Sloterdijks Briefroman, dessen Titel unerwähnenswert ist. Als ich an die Stelle „kein Mensch versteht die Frauen“ kam, erfolgte sofort der Abwurf in den Papierkorb. Ein Philosoph, der einen derartigen Denkfehler schreiben kann, ist keiner. Denken Sie mal nach, was dieses Mann da gemacht hat.
Heute dazu mal was in Sachen Sprache. Die Sache mit dem grammatischen und dem „wirklichen“ Geschlecht ist verzwickt. Vor allem aber ur- ur- uralt. Und völlig ungeordnet in Europa, mindestens, was das Mond angeht. Nehmen wir mal an, das „Geschlecht“ wäre amtlich völlig uninteressant, etwa indem dazu nichts mehr in der Geburtsurkunde oder einem Ausweis steht, Vornamen nach Belieben vergeben werden könnten (wenn man die Fingerabdrücke im Ausweis hat, braucht man eigentlich nicht einmal ein Bild, um eine Person eindeutig zu identifizieren). Heiraten, Armee, Geschäft aufmachen? Mindestalter 18, basta.
Und jetzt zur Sprachrevolution:
Natürlich wissen wir alle, wie sehr das grammatische Geschlecht den Spracherwerb behindert, Bildungsschranken aufbaut, Berufschancen mindert. Gehen wir also davon aus, der grammatische Begriff färbe auf die Wirklichkeit heftig ab. Dann muss was gegen diesen Einfluss sprachlich unternommen werden. Wenn wir das so wollen, und viele wollen das, dann sollten wir uns etwa einfallen lassen.
Was uns bisher einfiel sind Reförmchen, nach dem Motto, „ich möchte explizit genannt werden“. Bäcker*innen ist derzeitig wohl aktueller Stand. Möglichst auch hörbar gesprochen. Was ein Umstand. Ein neuer Buchstaben, ein neuer Laut. Geht es auch nicht einfacher?
Wo ist denn das Neutrum geblieben? Keiner spricht vom Neutrum, wenn es um das grammatische Geschlecht geht. Ein weit unterschätzter Begriff. Was kann man damit machen?
Warum schafft keiner das grammatische Geschlecht ab? Man vereinfacht die deutsche Sprache, indem man Feminin und Maskulin abschafft und nur einen Fall, den Nominativfall nutzt, aka N-Fall.
Das wäre doch mal eine echte Sprachreform! Hier ein anderes Text in das zeitgemäße N-Form:
Von jetzt an wird für ein Substantiv, was immer es bedeuten mag,  das N-Fall genutzt. Also: das Bäcker, das Maler, das Mensch, das Chirurg, das Komponist, das Dirigent, das Soziologe, das Mond, das Sonne. Klingt erst mal gruselig? Ach, das ist wie mit Austern, erst mal gruselt man sich, dann schlürft man sie in sich hinein, ohne sich beim * zu verschlucken und so weiter. Außerdem, wenn die Engländer das können, können wir das erst recht. Übrigens, wer die Wörter im Plural nutzt, merkt fast gar nichts ihr lieben Leute.
Philipp Frankfurter

Aach guud – wirklich?

Das Web ist eine wundersame Welt. Unverhofft stößt man auf wundersame Unterwelten. So wie vor einiger Zeit Fanny Tancks „Tanckstelle“ auf Youtube *. Heute mal wieder so etwas: weil nicht jeder auf unseren Blog wartet oder verzweifelt danach sucht, haben wir Werbung gemacht. Zuerst Facebook, dann Google mit interessanten kleinen Erfolgen. Wer unsere Werbung sieht, kann uns anklicken. Das Blogsystem erkennt nun, über welchen Link solche Klicks kommen (wer das ist, bleibt uns zu Recht verborgen). Ein solcher Verlinker ist startpage.com, ein „diskrete“ Suchmaschine, so die Eigenwerbung. Könnte ein Versuch wert sein, wenn ich mal Zeit habe und die Tracker nachmesse. Ein richtiger Hit ist jedoch achgut.com, die „Achse des Guten“ (in Erinnerung an Bushs „Achse des Bösen“), worüber ein paar Dutzend uns gefunden haben. Die haben auch nicht auf uns gewartet – Spoiler: einer der Hauptmacher ist ein gewisser Herr Broder, bei dessen Nennung genau die Richtigen sofort nach Bullrichsalz oder heftigerem greifen. Bisschen herumgestöbert, erscheint mir eine Sternseite zu sein: oben, unten, halblinks, halbrechts, rechts, links, nach vorne, nach hinten einen scharfen Zacken. Eine voll multidimensionale Sache ist das. Wenn die eine dort mir auf den Keks geht, lässt der andere mein Herz aufgehen, selbst wenn die Herrschaften hochbürgerlich gestochenes Bildungsdeutsch reden, wie gerade heute in „Indubio Folge 107“, einem allsonntäglichen Podcast. Das macht den gewöhnlichen Pfälzer leicht unkomod (kann ich auch, das hochgestochene uraltmodische Deutsch). Spoiler II: dieser Podcast kann nicht nebenbei gehört werden.
Damit lasse ich es bewenden, vielleicht machen Fanny und die Achse anderen eine Freude in diesen coronösen Tagen.

Philipp Frankfurter
*https://www.youtube.com/channel/UCeEiUb9cE-Zdhtd23Gh5QHA/featured (bei uns am 3. Dezember 2020)

Von Flickenteppichen und Jo-Jo-Effekten

Ich sage das, was alle sagen: Es ist schon ein Leid mit den Corona-Beschlüssen. Über Stufenpläne, die schon seit einem Jahr vorliegen könnten, wird neun Stunden debattiert. Die Kanzlerin sagt, man müsse wohl allmählich über langfristige Strategien im Schulbereich nachdenken (was sonst?!), und ach Gott: die Schnelltests dauern natürlich noch schnelle vier Wochen. Darum aber geht’s mir gar nicht, sondern: Im Zuge der Generalkritik von allen an allem finden sich auch immer die gleichen Begriffe, die ich mir ein weniger genauer anschauen will. Besonders prominent vertreten sind der „Flickenteppich“ und der „Jo-Jo-Effekt“.
Zum Ersten: Ein Flickenteppich ist wohl ein Teppich, der aus vielen kleinen Stücken zusammengeflickt ist. Das ist erst einmal nicht schlimm, denn alte Einzelstücke von Restteppichen zu verwerten ist doch voll nachhaltig, oder? Dennoch beschwert sich jeder und vor allem, warnt mit erhobenem Zeigefinger vor einem „Flickenteppich“ aus unterschiedlichen Verordnungen quer durch die Bundesrepublik. Und das wird dann garniert mit dem dringenden Appell an alle, doch bitte einheitliche Lösungen zu suchen. Das klingt doch klasse, wer will da widersprechen?!
Zum Zweiten: Der Jo-Jo-Effekt ist ein Begriff, den ich selber ganz gut kenne. Denn wer wie ich einen – wie wir Pfälzer sagen – stattlichen Ranzen durch die Gegend trägt, hat ihn sicherlich schon erlebt, den Jo-Jo-Effekt, also dass das Gewonnene (also hier: weniger Gewicht) wieder verschwindet und es sogar noch schlimmer wird (man wiegt mehr als vorher; bei mir: acht Wochen USA-Urlaub, schon war’s geschehen…).
Nun stört mich an dieser Redeweise folgendes: Wäre ein Jo-Jo-Effekt, würde er tatsächlich eintreten, denn so schlimm? Genau wie beim Gewicht hieße das doch immerhin, dass die Lage mal vorher deutlich besser gewesen war. Oder soll ich lieber dauerhaft meinen Ranzen behalten anstatt wenigstens zu versuchen, ihn etwas zu verkleinern, auch wenn immer die Gefahr besteht, dass er zurückkommt? Übersetzt hieße das: Hätten wir zwischendurch wenigstens versucht, Schulen und Kitas und anderes zu öffnen (stufenweise, regional unterschiedlich), hätten viele Kinder wieder ein Stück Alltag gehabt. Und es wäre ihnen besser ergangen, Spanien und Italien haben es vorgemacht, aber bitte: von anderen lernen, das geht zu weit. Der Flickenteppich derweil wird deshalb ins Feld geführt, weil es impliziert, es gäbe nahezu überall unterschiedliche Regeln. Das ist richtig, und die Frage ist auch hier: Ist das so schlimm? Oder ist es nicht mehr als angebracht, in unterschiedlichen Regionen (oder Landkreisen z.B.) je nach Ausbreitung des Virus unterschiedliche Maßnahmen zu ergreifen? Kann ich dem Kollegen aus Pirmasens guten Gewissens den Cafébesuch abschlagen, weil wir in Germersheim gerade durch die Decke gehen?
Hier kommen typische deutsche Angewohnheiten zusammen: Die Angst vor allzu schneller Veränderung  führt zu übervorsichtigen Minischritten, die aber in einer Pandemiesituation nix bringen. Und dazu kommt die Sehnsucht nach Einheit, nach bundesweit „klaren“ Regeln, was auch immer die heißen mögen (warum nicht weltweit?). Da muss ich doch den flammenden Föderalisten heraushängen und sagen: Nix da, ich bin froh, dass in Rheinland-Pfalz Regeln gelten, die eine Landesregierung aufstellt, die zumindest in etwa weiß, wie es bei uns aussieht. Merkel et al. wissen das sicher nicht. Aber so ein Schwenk ins Autoritäre hat natürlich was: Man kann die Augen zumachen und hoffen, alles werde gut. Statt hoffen könnte ich auch sagen „glauben“. Wie beim lieben Herrgott, friss hier auf Erden genug Dreck und sei ruhig, im Paradies wirst du dafür belohnt.
Wir leben aber hier und jetzt – das sollte auch ganz schön sein, oder?! 
David Emling

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